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Offenbachs "Orpheus" in Stuttgart
Im Fokus der öffentlichen Meinung

Einen scharfen Blick auf die Pariser Gesellschaft zur Zeit des Dritten Kaiserreichs und einen antiken Mythos schuf Jacques Offenbach mit seiner 1858 entstandenen Opéra bouffon "Orpheus in der Unterwelt". Am Staatstheater Stuttgart stellte Schauspielchef Armin Petras jetzt seine Version der über 150 Jahre alten Gesellschaftssatire vor.

Von Ines Stricker | 05.12.2016
    Szenenbild aus "Orpheus in der Unterwelt" von Jaques Offenbach in der Oper Stuttgart
    Ab in die Unterwelt: Szene aus der neuen "Orpheus"-Inszenierung in Stuttgart (Martin Sigmund/Oper Stuttgart)
    Musik: Offenbach, Orphée
    Orpheus und Eurydike beim Ehekrach: Der Musikprofessor quält seine Frau mit seiner neuesten Komposition. Beide haben einander längst satt und pflegen ihre jeweiligen Liebschaften.
    Jacques Offenbach hat den antiken griechischen Mythos vom begnadeten Sänger und seiner geliebten Frau umgeschrieben zu einer gnadenlosen Satire auf die Pariser Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Orpheus und Eurydike leben im bürgerlichen Milieu, die Götter des Olymps sind dem Adel unter Napoleon III. nachempfunden, die Sitten dementsprechend locker.
    Als Eurydike bei einem Rendezvous mit Pluto, dem verkleideten Gott der Unterwelt, stirbt, ist Orpheus ganz glücklich, sie endlich los zu sein. Nur die personifizierte öffentliche Meinung kann ihn dazu bewegen, in die Unterwelt hinabzusteigen, um die Gattin zurückzuholen, so wie es der Mythos und die Moral vorschreiben.
    Für den Stuttgarter Schauspielintendanten Armin Petras ist "Orpheus in der Unterwelt" die erste Arbeit an einer Operette.
    "Neben der Tatsache, dass es sich um eine Operette an sich handelt, war für mich wichtig, dass die Figur der Eurydike eine sehr spannende Frauenfigur ist, eine sehr junge Frau, die quasi im wahrsten Sinne des Wortes durch Himmel und Hölle geht, um einen Punkt für ihr Leben zu finden, der für sie lebenswert scheint."
    Dementsprechend flimmert zur Ouvertüre ein Video über die Bühne: Eurydike als Näherin in einer Fabrik, also Proletarierin, lernt den wohlhabenden Orpheus kennen und folgt ihm in eine behagliche Existenz, die sie schon bald anöden wird.
    Die Götter – ein gelangweilter Haufen
    Nicht anders läuft es bei den oberen Zehntausend, den Göttern im Olymp. Auch sie pflegen ein reges Liebesleben und ihre Eifersüchteleien und beklagen sich im Übrigen über ihre bedeutungslose, weil von den Menschen zunehmend ignorierte Existenz. Der Versuch eines Aufstands gegen den allmächtigen Jupiter versandet schnell, als der, veranlasst von der Öffentlichen Meinung, einen Betriebsausflug in die Unterwelt anordnet, um dem übergriffigen Gott Pluto die schöne Eurydike wieder abzujagen.
    Musik: Offenbach, Orphée, Finale 1. Akt
    "Das erinnert mich schon sehr an heute, weil alle Probleme, die hier so kommen, also wenn Sie vielleicht an die Griechenlandkrise denken, das war ja damals das größte Problem, was es scheinbar niemals zu lösen galt, und einen Monat später hatten wir ein Refugee-Problem, was das griechische Problem komplett in Vergessenheit gerückt hat, also Heiner Müller hat mal gesagt, es gibt keine Reflexion mehr, nur noch Reflexe, das scheint mir sehr operettesk zu sein."
    Dementsprechend hat Armin Petras die Sprechtexte in Offenbachs Werk gekürzt und dem modernen Sprachgebrauch angepasst – eine besondere Herausforderung des scheinbar so leichtfüßigen "Orpheus in der Unterwelt". Das geht oft nicht gut, allzu salopp klingt etwa Jupiter, wenn er die aufsässigen Götter beschuldigt, ihm den Tag zu versauen, oder der Götterbote Merkur wegen seiner nachlassenden Augen zum Optiker muss. Eher konventionell dagegen zitieren die Kostüme von Dinah Ehm das bürgerliche Dasein im 19. Jahrhundert mit Reifrock und Zylinder, während sich die Götter in dekadenten Glitzerfummeln räkeln und der peitschenschwingende Pluto in der Unterwelt Tänzer in Skelettkostümen zum Höllengalopp treibt.
    Unter dem Druck der Öffentlichkeit
    Naturgemäß staatstragender erscheint im weißen Hosenanzug und mit Hochsteckfrisur die öffentliche Meinung, die tiefsinnig über ihre Existenz philosophiert – für Armin Petras ein Abbild der political correctness und der modernen Medien.
    "Z. B. gab’s in der 'Zeit' vor nicht allzu kurzer Zeit eine Korrektur, da hat der Herausgeber einen Text geschrieben und hat gesagt 'Wir haben uns da geirrt vor anderthalb Jahren, wir finden das jetzt doch nicht mehr so toll mit den Flüchtlingen, wir müssen jetzt da mal was anderes machen.' Das sind unglaublich spannende Punkte, und die zeigen natürlich sehr deutlich, dass die öffentliche Meinung heute 'ne unglaublich wichtige Instanz ist, vielleicht sogar noch ’ne viel wichtigere Instanz als sie damals war, weil das Vertrauen in die so genannten Politiker, die herrschen, ist ja überhaupt nicht mehr sehr groß, das sehen wir ja an den Wahlbeteiligungen usw. usf., insofern ist die öffentliche Meinung wirklich in der Tat eine außerordentlich interessante Figur, die, ich glaub, bis dahin noch nie aufgetreten ist in der dramatischen Literatur."
    Im Ergebnis bleibt die von Schauspielchef Petras versuchte Verknüpfung des über 150 Jahre alten Stoffs mit der Gegenwart aber allzu oft Behauptung. Vor allem die Figur der Eurydike, von Josefin Feiler stimmlich ohne Schwierigkeiten bewältigt, muss in den Dialogen als vom Regisseur so gewollte Angehörige des Proletariats allzu görenhaft herummotzen, hier geht die Inszenierung eher ins Chargenhafte. Klugerweise hat Armin Petras aber zwei Rollen von "Orpheus in der Unterwelt" Schauspielern anvertraut: Einmal die des Gottes Bacchus, aus dem in Stuttgart ein vollgedröhnter Junkie wird, und zum anderen die des alten Styx, hinreißend versoffen und gleichzeitig anrührend dargestellt von Schauspieler André Jung.
    Musik: Offenbach, Orphée, Couplets du Roi du Boëtie
    Offenbachs Musik zu "Orpheus in der Unterwelt" mit der scharfen Charakterisierung der Figuren und ihrem ganzen Sprachwitz lässt die nur stellenweise gelungene Inszenierung weit hinter sich. Zwar brachte Sylvain Cambreling vor allem den Chor und das Orchester nicht immer exakt zusammen, dirigierte aber die anspruchsvolle Partitur mit Verve. Auch wenn dieser Abend also einen eher durchwachsenen Eindruck in Bezug auf die Inszenierung hinterlässt: Es bleibt ein großes Verdienst der Stuttgarter Oper, Offenbachs hinreißendes Paradestück wieder ins Programm genommen zu haben.
    Musik: Offenbach, Orphée, Galop infernal (Cancan)