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Ohne Doktorhut

Fachwissen und Zielstrebigkeit - das sind Eigenschaften, die man von einem Promovierten erwartet und die bei einer Bewerbung ins Gewicht fallen können. Jemand, der seine Promotion abbricht, hat zwar sein Ziel nicht erreicht, ist deshalb aber längst noch kein Versager.

Von Vanessa Dähn |
    Clemens Renner konnte sich nach seinem Informatikstudium gut eine akademische Laufbahn vorstellen. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter schrieb er nebenbei an seiner Doktorarbeit. Allerdings zweifelte er schon bald, tatsächlich den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Als dann ein Jobangebot kam, war die Entscheidung klar. Zufällig arbeitet ein Bekannter in der Personalabteilung einer Firma, die sich mit Melktechnik beschäftigt. Und diese Firma suchte einen Softwareentwickler.

    "So war der Einstieg relativ locker. Es hat vielleicht auch geholfen, dass ich keine komplette Bewerbung machen musste, sondern nur relativ kurzfristig an einem Freitag meinen Lebenslauf ihm hingeschickt habe und ein paar Zeugnisse in Kopie und am nächsten Montag war dann schon das Bewerbungsgespräch, das erste."
    Obwohl ein Mitarbeiter der Firma auf ihn zugegangen ist, musste Clemens Renner im Bewerbungsgespräch erklären, warum er seine Promotion abbrechen wollte:

    "Wir haben da an der Uni Werkzeuge, Softwarewerkzeuge entwickelt, aber das Verfahren an sich ist immer noch so komplex, dass das vermutlich die akademische Welt in den nächsten zehn oder 15 Jahren nicht verlassen wird und deswegen hat man als Entwickler, als Programmierer letzten Endes auch natürlich wenig Publikum und wenig Feedback über das, was man gemacht hat. Und es ist auch nach wie vor ein sehr theoretisches Verfahren. Und ich hab einfach irgendwann für mich festgestellt, dass ich lieber was machen würde, wo man was sieht, wo man was anfassen kann."
    Für Clemens Renners Arbeitgeber waren das nachvollziehbare Gründe. Das Bewerbungsgespräch ist mittlerweile eineinhalb Jahre her. Clemens Renner hat seine Promotion abgebrochen und ist seitdem bei der Firma GEAWestfaliaSurge in Bönen beschäftigt. Und zwar mit der Programmierung eines Roboters, der das Ansetzen der Melkbecher an das Euter der Kühe steuert. Im Gegensatz zu seiner Promotion also wirklich etwas zum Anfassen. Er hat die Stelle unter anderem bekommen, weil er ehrlich war. Max Lehmann, der bei der HypoVereinsbank in München für die Bewerber zuständig ist, betont außerdem, wie wichtig die Situation ist, aus der heraus sich jemand bewirbt:

    "Wenn ich jemanden kennenlerne und mit ihm ein Gespräch führe über mögliche Einstiegspositionen und er mir sagt, ich promoviere gerade und trage mich mit dem Gedanken, die Promotion abzubrechen, weil ich zum Beispiel merke, ich würde lieber praktisch arbeiten als wissenschaftlich, dann ist es etwas ganz anderes, als wenn jemand sagt, ich habe meine Promotion vor zwei Monaten abgebrochen und seither bin ich auf Jobsuche. Das ist natürlich ein ganz anderes Signal in Richtung eines potenziellen Arbeitgebers, weil ich bei einem Kandidaten, der im Prinzip die beiden Möglichkeiten selber in der Hand hält, der sagt ich bin noch in der Promotion, habe aber für mich entschieden, dass es vielleicht etwas gibt, dass noch viel besser zu mir passt oder wo ich meinen beruflichen Zielen schneller nachkomme, als wenn ich die Promotion bis zu Ende durchziehe, dann hat es was Aktives. Wenn ich einen Kandidaten im Gespräch hab, der sagt ich habe meine Promotion vor zwei Monaten abgebrochen und bin jetzt auf der Suche nach was Neuem, dann ist er im Prinzip in der Bittstellerrolle, weil er eben nicht mehr diese zwei Wege offen hat."
    Wenn es sich nicht gerade um eine Stelle im chemischen oder pharmazeutischen Bereich handelt, kann ein Promotionsabbrecher sogar einen Vorteil gegenüber anderen Absolventen haben. Denn ein Arbeitgeber gehe bei einem Doktoranden grundsätzlich von einer überdurchschnittlichen Qualifikation in dessen Fach aus, sagt Max Lehmann. Andernfalls hätte kaum ein Professor seine Arbeit betreut und ihm vielleicht sogar eine Stelle am Lehrstuhl angeboten. Clemens Renner hat seine Entscheidung, die Promotion abzubrechen und die Stelle an der Uni aufzugeben, zwar nicht bereut, aber, "auch als der Entschluss gefasst war, sich zu bewerben und auch als eigentlich der Vertrag in der neuen Firma schon unterschrieben war, ist man immer noch eigentlich damit zu Gange. Also, das lässt einen nicht los, einfach auch, weil die Tür zur Promotion, zum Doktortitel oder auch zu diesem akademischen Leben danach mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verschlossen ist."