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StartseiteBüchermarktOstgezeter01.01.1980

Ostgezeter

Der Schwabe bruttelt. Dazu gehört ein Schoppen Wein und die Abgeschiedenheit einer Wirtshausecke. Wenn dem Schwaben beim Brutteln niemand zuhört, ist ihm das recht; die Vokale verraten, daß es sich um ein eher solipsistisches Unternehmen im Bereich der Knurrlaute handelt; eine transportierbare Botschaft gibt es nicht. Deswegen auch keine Bruttelliteratur. Der Sachse zetert. Auch er ist einem Schlückchen Wein - Hanglage Meißen - nicht abgeneigt, aber er braucht Publikum. Stillvergnügt vor sich hinzuzetern bringt nichts, denn Zetern ist ein höchst kommunikativer, ja gemeinschaftsstiftender Vorgang. Fängt einer an, hakt ein zweiter nach, stimmt ein dritter ein - und binnen weniger Minuten ist ein Konzert im Gange: Ostgezeter. Geographisch richtig, aber morphologisch ungenau benannt, denn in Wahrheit ist das Ostgezeter viel älter als der Osten. Seit August dem Starken, sagt Thomas Rosenlöcher heimatstolz, sind die Sachsen ein Volk von Zeterern, allen voran die Residenzbewohner Dresdens. Wohl wahr: Als der letzte Sachsenkönig abdanken mußte, maulte auch er nur herum: "Macht euren Dreck alleene!"

Florian Felix Weyh

Und also setzte sich der Lyriker Rosenlöcher in seinen Garten in Kleinzschachwitz - seit einem gleichnamigen Gedicht wird er diese Verortung nicht mehr los - und zeterte zu Papier. Was beweist: Zeterliteratur ist möglich, ja notwendig, denn mit dem Untergang der "sozialistischen Wartegemeinschaft" alias Menschenschlange wurde dieser Art mündlicher Opposition der Boden entzogen. Was nützt, mag man da fragen, die Meinungsfreiheit der Demokratie, wenn die Menschen vom Bargeld bis zur Straßenbahnfahrkarte alles wartezeitfrei aus Automaten ziehen können? Die Technik des Westens entlarvt sich als zeterfeindlich - höchste Zeit also für Rosenlöchers Zeteratur. Doch was ist das überhaupt? Ein Pamphlet? Eine Schimpfkanonade? Eine der eher unerträglichen Ostabrechnungen an der Siegermentalität des Westens? Weit gefehlt. Es ist ein Reisefeuilleton der ganz klassischen Schule - also verschmitzt und ironisch, sich immer dort naiv stellend, wo der Chronist sehr genau Bescheid weiß, um den Einheimischen zitierbare Äußerungen zu entlocken. Weit geht die Reise, weit über die Grenzen Dresdens hinaus - zum Beispiel in den Spreewald. Dunkle, geheimnisvolle Welt zwischen Gewürzgurken und Treidelkähnen. Die Einheimischen dort erklären die Gegend, wenn abends die Touristen weg, kurzerhand sich selbst; eine Zetervariante, die dem Chronisten behagt. Trotzdem gibt er sich nicht zu erkennen. Woher er denn käme, fragt man ihn. "Aus Stuttgart", sagt er. Das habe man sich gleich gedacht, sagen die Spreewälder. Starkes Stück: der Zeterer in der Maske des Bruttlers.

Die literarische Haltung, die Rosenlöcher einnimmt, heißt Verniedlichung. Er verniedlicht sich selbst, taucht in ein schweijksches Rollenspiel ab und gibt vor, sich am Äußersten Rand des gesellschaftlich Wahrnehmbaren zu bewegen. Dabei befindet er sich mittendrin. Seine Beobachtungen, in glänzende Formulierungen gebannt, erzählen so viel vom gezweiten Deutschland im achten Jahr seiner Ehe, daß man sie getrost der "Bundeszentrale für politische Bildung" anempfehlen möchte: Aufklärung ohne Pathos. "Wann je", fragt er schelmisch, "wäre jemand mit soviel Zartgefühl absorbiert worden wie wir?" Und diese Absorbierung kam ja nicht ungewollt. Wer nie sein Brot mit Tränen aß, heißt ins Ostdeutsche gewendet: Wer sich nie nach einer Banane verzehrte. Also spürt Rosenlöcher der "Seelenkahlheit" nach, die nach zermürbender Warterei durch "den Totalverlust einer Banane im Menschen" entsteht, wenn die letzte gelbe Frucht an den Vordermann geht. Das Klischee hat ein Recht darauf, ernstgenommen und als echte Kränkung behandelt zu werden; ein Bravourstück der Selbstbefragung.

Ganz anders, schmerzlicher und dennoch von melancholischem Witz, das Kapitel "Nickmechanismus". Am eigenen Beispiel wird die "Abnickgesellschaft" DDR seziert, jener "Staatsapparat mit zwölfbändiger Weltanschauung", in dem jedes Nein von vorneherein verdächtig war - bis schließlich die gesamte Bevölkerung einnickte, schläfrig geworden auf unzähligen Versammlungen ohne Debatte. Zum heldenmütigen Neinsager mag Rosenlöcher sich nicht stilisieren - bis auf den entscheidenden Moment, als die Herren von der "Firma" dagewesen sind. Da hat er mit Hilfe seine Frau mehrfach widerstanden und geradegebügelt, was ein allzu eifriges Ja in der Biographie an Kompromittierendem hinterließ. Aber ist es wirklich kompromittierend, SED-Mitglied gewesen zu sein, wenn man des Nachts staatsferne Lyrik betrieb? Die Antwort bleibt dem Leser überlassen, bei dem sich Thomas Rosenlöcher bis zu dieser Seitenzahl so viele Meriten erworben hat, daß der Freispruch wohl kaum auf sich warten läßt. Zetern kann nervtötend selbstgefällig sein - wenn es sich, wie hier, mit dem unbedingten Willen zur Aufrichtigkeit verbindet, ist es Musik in den Ohren der Welt.

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