Mittwoch, 08. Februar 2023

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Permanent unter Strom

Wie groß der Druck am Arbeitsplatz geworden ist, zeigt eine Serie von Selbstmorden, die bei Renault in den vergangenen Monaten für Aufsehen gesorgt hat. Das Unternehmen jedoch bestreitet, dass schlechtes Arbeitsklima ein Grund dafür war. Margit Hillmann berichtet.

28.06.2007

    Im Pariser Rechtsanwaltbüro "Saada und Partner": Hinter dem Schreibtisch sitzt Anwältin Rachel Saada. Sie vertritt die Witwe des ehemaligen Renaultmitarbeiters Antonio B. Der Ingenieur hatte im Oktober an seinem Arbeitsplatz Selbstmord begangen: Er sprang von einer Balustrade der fünften Etage des Hauptgebäudes im Renault-Technologiezentrum bei Paris und war sofort tot. Dass er sich an seinem Arbeitsplatz das Leben genommen hat, ist kein tragischer Zufall, sind Anwältin Saada und ihre Klientin fest überzeugt. Der Mann, 39 Jahre alt und Vater eines 11-jährigen Jungen, war dem Stress bei Renault nicht mehr gewachsen. Extreme Arbeitsbelastung und schlechtes Betriebsklima seien Ursache des Selbstmordes. Anwältin Saada:

    "Angefangen hatte es etwa anderthalb Jahre vor seinem Selbstmord. Seitdem stand der Ehemann meiner Klientin unter starkem Leistungsdruck. Er arbeitete im Büro, aber anschließend auch zuhause am Laptop, oft bis spät in die Nacht und auch an den Wochenenden, also quasi Tag und Nacht. Seine Frau konnte förmlich zusehen, wie sich sein Zustand über die Monate verschlechterte und er die Nerven verlor."

    In den folgenden Wochen nehmen sich zwei weitere Renaultmitarbeiter des Technologie-Zentrums das Leben: ein Ingenieur und ein Mitarbeiter aus dem Marketing: Der eine ertränkt sich in einem auf dem Betriebsgelände angelegten kleinen See, der andere erhängt sich zu Hause und hinterlässt einen Abschiedsbrief, in dem er seine unerträgliche Arbeitssituation beklagt.

    Auch in diesen Fällen beschuldigen die Hinterbliebenen sofort Arbeitgeber Renault. Die Renault-Manager hätten die Angestellten mit permanenter Überforderung in einem von übermäßiger Konkurrenz vergifteten Betriebsklima in den Tod getrieben. Tatsächlich sind die Anforderungen des Renault-Konzerns an seine Mitarbeiter seit einiger Zeit besonders groß: Das Unternehmen ist dabei als Großoffensive gegen sinkende Verkaufszahlen eine Serie neuer Modelle auf den Markt zu bringen. Besonders gefordert sind die Ingenieure des Technologiezentrums, verantwortlich für die termingerechte technische Entwicklung der neuen Modelle. Inzwischen räumt zwar Renault die derzeit hohe Belastung seiner Mitarbeiter ein, für die Selbstmorde aber will die Konzernleitung nicht verantwortlich sein. Renault-Pressesprecherin, Sophie Perrier:

    "Die offiziellen Untersuchungen laufen noch. Aber jeder weiß, dass Ursachen für einen Selbstmord sehr vielschichtig sind, intime und sehr persönliche Gründe, die vielleicht irgendwie auch mit der Arbeit zu tun haben, vielleicht aber überhaupt nicht. Es ist die Summe der persönlichen Umstände und nicht etwa ein einziger Grund. Ein Suizid ist eine sehr komplexe Angelegenheit."

    Für das Renault-Unternehmen sind die drei Suizide eine sehr heikle, weil Image schädigende Affäre. "Wochenlang bestritt Renault systematisch jeden Zusammenhang mit der Arbeit", ärgert sich Rechtsanwältin Saada. "Erst nachdem sich ein zweiter und dann der dritte Angestellte das Leben genommen hatte und die Gewerkschaften mobilisierten, wurde Renault kleinlauter." Gravierender noch: Die Juristin macht Renault den schwerwiegenden Vorwurf, die offiziellen Untersuchungen über die Ursachen der Suizide behindert zu haben: "Wir haben den berechtigten Verdacht, dass Renault belastendes Material beseitigt hat."

    "Es sind sehr merkwürdige Dinge geschehen. Den drei Witwen wird von Renault untersagt, die Büros ihrer Männer zu betreten, um deren persönliche Sachen abzuholen. Renault will die Schreibtische selbst ausräumen. So bekommt zum Beispiel meine Klientin den Palm ihres Mannes zurück, und sämtliche Daten sind gelöscht."

    Vorwürfe, die Renaultpressesprecherin Sophie Perrier weit von sich weist. Sie berichtet lieber vom aufwendigen Präventionsprogramm, das Renault inzwischen organisiert hat: Vorgesetzte und Management sollen in Zukunft geschult werden, um Risiken wie Arbeitsüberforderung und die Isolation einzelner Mitarbeiter rechtzeitig auszumachen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, betont die Renaultsprecherin. Denn: Das Arbeitsklima bei Renault sei selbstverständlich sehr gut, die Mitarbeiter sogar ungewöhnlich motiviert und an einer erfolgreichen Zukunft des Konzerns interessiert.

    "Gewissenhaft bis zur Selbstaufgabe", sagt die Anwältin, dafür sei auch Antonio B. bekannt gewesen. Ein Musterangestellte, der die Anforderungen seiner Vorgesetzten immer hundertprozentig erfüllt habe und nicht Nein sagen konnte, wenn die abverlangte Arbeit nicht mehr zu schaffen war - aus Angst vor seinen Vorgesetzten. Denn der Chef, sagt die auf Sozial- und Arbeitsrecht spezialisierte Anwältin, ist in Frankreich noch immer der unumstrittene Herrscher, der weder Widerworte noch Kritik duldet.

    "In Frankreich ist eine offene Diskussion mit dem Vorgesetzten absolut unmöglich. Selbst freundlich aber eben direkt einen anderen Standpunkt zu vertreten, führt fast automatisch zur Kündigung, oder ist zumindest ein riskanter Schritt in Richtung Kündigung."

    Inzwischen wurde der Selbstmord des Renault-Mitarbeiters Antonio B. von der französischen Verwaltung als Arbeitsunfall eingestuft. Ein Etappensieg, so die Anwältin: "Wir wollen erreichen, dass Renault von der Justiz für schwere Fehler und Versäumnisse im Umgang mit seinen Mitarbeitern verurteilt wird." "Es wird höchste Zeit", so Rachel Saada, "dass sich Arbeitsmethoden und der Umgang mit Mitabeitern in französischen Unternehmen ändern."