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StartseiteSonntagsspaziergangPferde, Wagen und Salon15.04.2012

Pferde, Wagen und Salon

Ausflug ins masurische Dorf Galkowo

Ein masurisches Idyll: Was das kleine Dorf Galkowo mit seinen Wäldern und Flüssen bietet, ist vor allem Erholung. Es ist aber auch ein Erinnerungsort: an die deutsch-polnische Geschichte, an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und auch an die Geschichte des ostpreußischen Adels. Besonders, seitdem sich dort Renate Marsch-Potocka niedergelassen hat.

Von Martin Sander

Der Salon Dönhoff in Galkowo (Katarzyna Tuszynska)
Der Salon Dönhoff in Galkowo (Katarzyna Tuszynska)

"Wir haben 14 Doppelzimmer, die in den drei Häusern sind, die ein bisschen außerhalb des Restaurants sind. Ideal für Leute, die reiten wollen. Es ist gegenüber gleich ein Gestüt mit über 100 Pferden. Sehr viele kommen als Reitgäste.

Wir haben sehr viele Touristen aus Warschau, die zum Wochenende kommen, sodass ungefähr 80 Prozent, würde ich sagen, der Gäste Polen aus Warschau sind und rund zwanzig Prozent sind Deutsche. Und dann haben wir auch Franzosen. Dass es eine gute Mischung ist, wir wollen eben nicht nur für Deutsche oder so."'"

Renate Marsch-Potocka ist eine Deutsche aus der Umgebung von Berlin. Lange Jahre hat sie als Korrespondentin der Deutschen Presseagentur in Warschau gearbeitet, und dort hat sie ihren Ehemann Graf Wladysaw Potocki kennengelernt. Seit einigen Jahren lebt sie in Galkowo, einem kleinen Dorf im Süden von Masuren.

Dort, inmitten der großen Wälder und Seen, betreibt ihr Sohn Aleksander Graf Potocki ein Restaurant mit Pension – in vier mehr oder weniger original wieder aufgebauten Häusern aus den Zeiten, als Masuren im Süden der deutschen Provinz Ostpreußen lag. Das Restaurant, mit Kaminfeuer, Bücherregal und Kinderspielecke, liegt im Erdgeschoss eines Holzbalkenhauses im Gutshofstil, das erst seit wenigen Jahren in Galkowo steht. Aleksander Potocki hat es achtzig Kilometer nördlich aus Sztynort, dem früheren Steinort, abtransportiert - dort, wo einst die Grafen von Lehndorff ansässig waren.

""Steinort war der Sitz der Grafen Lehndorff. Und es war das Forst- und Jagdhaus der Grafen Lehndorff – vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Und es war aber schon zum Schluss schon verpachtet als Gasthaus. Und dann nach ´45 ist ja schnell der eine Flügel abgebrannt. Dann war da vorher noch ein Laden und fiel dann immer mehr zusammen. Und dann, als das Dach zusammenfiel, da war es eigentlich nur noch eine Ruine.

Und mein Sohn, der wollte gern hier ein Gasthaus machen, eins, das die Landschaft nicht kaputtmacht, sondern hierhin passt. Und dann hat der mit Genehmigung und unter Aufsicht des Denkmalschutzes dieses Haus, was davon noch übrig war, hierher versetzt. Die waren vierzehn Tage da, einschließlich Koch, die ganze Gesellschaft war in Steinort und hat das Ding dort abgebaut, das musste sehr sorgfältig geschehen. Das heißt, jeder Balken musste nummeriert werden und so weiter. Und dann haben wir hier 2007 eröffnet."

Reiten durch Wald und Wiesen, bei Bedarf steht auch eine Kutsche bereit. Baden, Angeln oder mit dem Kajak fahren in den umliegenden Seen, die durch schmale Flüsse miteinander verbunden sind, und vor allem die Ruhe genießen – das ist aber nicht alles, was den Besucher erwartet. Denn Renate Marsch-Potocka hat Galkowo in einen Erinnerungsort für die Geschichte deutscher und polnischer Aristokraten verwandelt.

Heinrich von Lehndorff, der letzte Besitzer von Steinort, gehörte zum Kreis der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944. Er war aber auch ein Cousin und Jugendfreund von Marion Gräfin Dönhoff. Frau von Dönhoff, aus dem nördlichen, heute russischen Ostpreußen stammend, war lange Jahre Chefredakteurin der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" und eine Nestorin der polnisch-deutschen Annäherung nach dem Zweiten Weltkrieg. Ihr zu ehren hat Renate Marsch-Potocka über dem Restaurant des aus Steinort nach Galkowo versetzten Lehndorff-Hauses einen Salon eingerichtet.

"In ihren Büchern beschreibt sie ein bisschen die Atmosphäre von Steinort. Sie war also öfters da, sodass ich dachte, wenn wir schon dieses Haus hier haben, sollten wir auch einen Raum für sie machen. Wir waren dann in Crottorf bei ihrem Lieblingsneffen, dem Grafen Hatzfeldt, dem Hermann, und der hat uns noch ´n Sekretär und ein paar Sachen gegeben, die wir hier ausgestellt haben.

Und ansonsten ist das eine rein private Initiative, praktisch mein Baby. Die meisten Bücher stammen aus meinem eigenen Bücherschrank. Wir möchten eben hier, dass sie nicht vergessen wird, denn sie hing ja sehr an Ostpreußen. Und sie hat eben, wie gesagt, sie war nicht eine typische Vertriebene, die sagt: 'Oh Gott, die verlorene Heimat', sondern sie hatte ein Motto: 'Das ist vielleicht der größte Grad der Liebe, lieben, ohne zu besitzen.' Und das war auf Ostpreußen gemünzt. Und das hat man ihr auch in Polen sehr hoch angerechnet."

Zum Beispiel die kleine Stadt Mikolajki, früher Nikolaiken, ein Touristenzentrum knapp 20 Kilometer von Galkowo. Dort trägt eine polnische Schule seit 1995 den Namen von Marion Dönhoff. Die Gruppen des deutsch-polnischen Schüleraustauschs kommen von Mikolajki meist auch nach Galkowo. Galkowo liegt aber auch auf dem Weg vieler ostpreußischer Heimattouristen.

"Es kommen auch jetzt immer mehr Gruppen, also Leute, die üblichen Ostpreußenreisen, die kommen hierher, machen hier Pause. Ich erzähl denen ´n bisschen was über die Dönhoff. Es gibt schon manche, die nicht mal mehr wissen, wer das war. Und etwas Absurdes: Da gab es sogar eine Gruppe, die glaubten, es sei ein Frisiersalon, weil "Salon". Das war das Schönste.

Hier haben sie eben ihre Bücher, die polnischen Übersetzungen dazu, ein bisschen historische Sekundärliteratur - über den Warschauer Aufstand, über Hitlerzeit, ein bisschen über den 20. Juli, ein bisschen über Ostpreußen, quer durch den Garten - und wir haben das 'Salon' genannt, nicht etwa Museum oder so. Denn die Leute sollen hier herkommen können, in den Büchern blättern. Nichts ist hinter Glas."

Im Salon kann man indes nicht nur die Geschichte der Dönhoffs studieren, sondern auch ein polnisches Adelsgeschlecht näher kennenlernen: die Potockis, mit denen Renate Marsch durch ihre Ehe mit dem inzwischen verstorbenen Wladyslaw und durch zwei gemeinsame Kinder verbunden ist.

"Auf der anderen Seite haben wir eben auch einen Raum, der ist meinem Schwiegervater, dem alten Grafen Potocki, geweiht. Und der wiederum hat als verwöhnter polnischer Graf ein deutsches KZ überlebt, sodass man auch hier, glaube ich schon, am besten sieht, was Marion immer sagte: 'Das Unglück Europas war der Nationalismus des 19. Jahrhunderts.'

Dieser Schwiegervater, die haben natürlich auch alles verloren. Das Schloss Friedrichstein, das Schloss der Dönhoffs, wurde zerstört durch die Russen. Und das Schloss der Potockis wurde zerstört durch die Deutschen. Und so haben wir uns völlig sinnlos zerfleischt. Und heute, mein Sohn ist ein Produkt zwischen Deutschen und Polen und sagt, das ist das Problem meiner Großeltern, und wir sind heute in Europa."

Die Eröffnung des Marion-Dönhoff-Salons im Gasthaus von Galkowo hat die Namensgeberin, die einst zu Pferde aus Ostpreußen in den Westen flüchtete, nicht mehr erlebt. Sie starb 2002 auf Schloss Crottorf in Rheinland-Pfalz. Renate Marsch-Potocka aber glaubt:

"Wenn sie hier aus dem Fenster guckte, wäre sie, glaube ich, ganz zufrieden - hier die Pferde, den großen ostpreußischen Himmel und den Wald …"

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