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StartseiteForschung aktuellWarmblütiger Saurier im kalten Ozean14.12.2017

Plesiosaurier-Fossil aus dem TriasWarmblütiger Saurier im kalten Ozean

Plesiosaurier hatten einen langen Hals, vier Flossen - und sie waren Warmblüter. Das hat ihnen geholfen, das globale Massenaussterben vor 200 Millionen Jahren zu überleben, sagte der Bonner Paläontologe Martin Sander im Dlf. Sein Team hat das bislang älteste Fossil eines Plesiosauriers untersucht.

Martin Sander im Gespräch mit Ralf Krauter

Die Paläontologen Tanja Wintrich und Martin Sander von der Universität Bonn untersuchen das Skelett eines Plesiosauriers (undatierte Aufnahme) (Science Advances / dpa / Yasuhisa Nakajima)
Die Paläontologen Tanja Wintrich und Martin Sander von der Universität Bonn untersuchen das Skelett eines Plesiosauriers (Science Advances / dpa / Yasuhisa Nakajima)
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Ralf Krauter: Rhaeticosauris Mertensi, so haben Paläontologen aus Bonn das Fossil getauft, das sie heute im Fachmagazin "Science Advances" beschreiben. Es handelt sich um einen Plesiosaurier, ein schwimmendes Urzeit-Reptil mit auffällig langem Hals, das mit vier Flossen durchs Wasser paddelte, vermutlich ganz ähnlich wie heutige Meeresschildkröten. Professor Martin Sander vom Steinmann-Institut für Paläontologie an der Uni Bonn hat die versteinerten Knochen des 2,37 Meter lange Jungtiers mit seiner Kollegin Tanja Wintrich genauer unter die Lupe genommen. Ich habe ihn vorhin gefragt: Wann und wo wurde dieses Skelett gefunden?

Martin Sander: Es wurde im Jahr 2013 entdeckt in einer Tongrube in Ostwestfalen durch einen Privatsammler, der in dieser Grube nach Fossilien suchte, und das war für ihn und auch insgesamt wirklich ein Jahrhundertfund, also für die Region und auch von seiner wissenschaftlichen Bedeutung.

Krauter: Ein Jahrhundertfund warum? Weil dieses Fossil so komplett erhalten und so groß war?

Sander: Das ist der erste Plesiosaurier, der aus dem erdgeschichtlichen Zeitabschnitt der Trias kommt. Also Plesiosaurier waren schon seit 300 Jahren bekannt. Die kamen immer aus dem Jura und der Kreide. Am Ende der Kreide sind sie auch verschwunden, ausgestorben, aber aus der Trias hatte man noch keinen.

Massenaussterben an der Trias-Jura-Grenze

Krauter: Das heißt, das reicht dann so ungefähr 200 Millionen Jahre zurück, der Ursprung dieser Art.

Sander: Genau. Also diese Linie reicht 200 Millionen Jahre, etwas mehr, zurück, und wichtig ist dabei aber, dass wir damit den Beleg dafür haben, dass die Plesiosaurier das Aussterbeereignis oder die Aussterbeereignisse am Ende der Triaszeit überlebt haben. Das war eben vorher noch nicht bekannt. Da dachte man immer, die entstehen sehr schnell oder man hat nur Belege dafür, dass sie sehr schnell in der ältesten Jurazeit entstanden sind und vorher einfach noch nicht da waren.

Krauter: Also man dachte, die sind erst nach diesem Massensterben auf den Plan getreten, am Ende des Trias.

Sander: Genau.

"Ein sehr gutes Design der Evolution"

Krauter: Blicken wir kurz in die Zeit: Was wusste man vor der Entdeckung dieses neuen Fossils, das Sie jetzt beschreiben, denn schon über das Leben der Plesiosaurier?

Sander: Wie gesagt, die ältesten Funde wurden vor 300 Jahren schon gemacht, und es war schon immer klar, dass es also sehr ungewöhnliche Tiere sind, aber auch eben sehr erfolgreich.

Das waren mit die ersten Saurier, die überhaupt entdeckt wurden, und da war also den Leuten schon auch vor 200 Jahren, als die wissenschaftliche Bearbeitung begann, klar, dass man da also ein ganz ungewöhnliches Modell vor sich hat, so salopp gesagt, was seitdem auch nie ..., da ist nix Vergleichbares entstanden.

Aber die Häufigkeit zeigt eben, und das lange Überleben durch die ganze Jura- und Kreidezeit, dass es ein sehr gutes Design der Evolution war, einfach eine sehr erfolgreiche Linie. Die finden wir in der Antarktis und in Europa und in Nordamerika, Japan, wirklich auf dem ganzen Globus verteilt. Also die haben irgendwas richtig gemacht.

Das Problem dabei ist aber, dass wir kaum Vergleiche haben. Es ist eben schwierig zu verstehen, was das war, was sie richtig gemacht haben, und sie erschienen dann plötzlich am Anfang der Jurazeit, und jetzt wissen wir also auch, nein, sie waren schon in der Triaszeit, und diese besonderen Anpassungen, die sie hatten, die haben vermutlich auch ihnen ermöglicht, das Aussterbeereignis am Ende der Trias zu überleben.

Ein Ur-Reptil mit warmem Blut

Krauter: Und verraten diese fossilen Knochen von diesem Skelett, die Sie jetzt untersucht haben, Ihnen, welche Geheimnisse oder evolutionären Tricks das gewesen sein könnten, die die Plesiosaurier zu so einer erfolgreichen Art machten?

Sander: Es gab schon vorher Ideen, wir haben aber noch was Spezielles gemacht: Wir haben einerseits natürlich das Skelett, und da haben wir die Knochenform, und die ist so wie bei den späteren Plesiosauriern auch im Großen und Ganzen.

Wir haben aber noch die Knochenmikrostruktur untersucht, das haben wir das erste Mal wirklich systematisch gemacht, und dabei kam eben raus, dass nicht nur die ganzen Tiere insgesamt ganz ungewöhnlich sind, sondern auch die Knochenmikrostruktur und dass sie sehr, sehr schnell gewachsen sein müssen, was man an der geringen Anzahl von Jahresringen im Knochen sieht, und dass sie warmblütig gewesen sein müssen, weil ich nur so schnell wachsen kann, also 60 Prozent der Endgröße in einem Jahr zu erreichen, das geht eigentlich nur, wenn ich warmblütig bin, bei einem 200-Kilo-Tier.

Krauter: Das heißt, die schwammen im Ur-Ozean, hatten aber konstant eine Körpertemperatur von deutlich über 30 Grad, oder wie muss man sich das vorstellen?

Sander: Genau. So ist es. Also die heutigen Meeressäuger, bei denen ist das auch so. Bei den Fischsauriern des Erdmittelalters, da nimmt man das ebenfalls an, und man ist halt wesentlich besser dran im offenen Ozean, gerade wenn der kalt ist, wenn man warmblütig ist, weil das Schwimmen über lange Distanzen verbraucht einerseits viel Energie, und andererseits muss der Körper eben dazu warm sein.

Das Skelett eines Plesiosauriers (dpa /picture alliance / Georg Oleschinski/Science Advances)Ältestes Plesiosaurier-Skelett entdeckt (dpa /picture alliance / Georg Oleschinski/Science Advances)

Krauter: Hat das auch mit einem Geschwindigkeitsvorteil zu tun, den man dann gegenüber der Beute hat?

Sander: Sicher auch, aber wahrscheinlich ist es eigentlich mehr die Ausdauer. Das Problem ist ja, die Beute im offenen Meer ist nicht so dicht besetzt - also das weiß jeder Fischer - draußen Meer, da sind nicht so viele Fische, aber wenn man dann mal einen Schwarm gefunden hat, denn das war wahrscheinlich der Witz bei den Plesiosauriern, dann hatten sie natürlich erst mal genügend zu fressen.

Nur, um eben lange Strecken energieeffizient zurückzulegen, da ist die Warmblütigkeit wichtig und auch bei den Plesiosauriern eben dieses merkwürdige Design, dieser merkwürdige Bauplan mit den vier gleichen Paddeln.

Warum hatte der Plesiosaurier einen so langen Hals?

Krauter: Sie haben auch rausgefunden, dass der doch recht auffällig lange Hals dieser Spezies sozusagen relativ starr war. War das überraschend?

Sander: Ja, also wie gesagt, nach 300 Jahren Forschung auf dem Gebiet gab es natürlich alle möglichen Ideen, und intuitiv wurde den Viechern dann oft so eine Art Schwanenhals verpasst, mit dem sie dann irgendwie aus dem Wasser guckten, der halt beweglich war, und dann war die Idee, dass es so eine Art Fisch- oder Angelplattform ist, sodass sie mit diesem beweglichen Hals eben nach Fischen schnappen konnten von der Wasseroberfläche her.

Aber unsere Untersuchung, vor allem von der Erstautorin, der Frau Wintrich, zeigen, dass der Hals relativ steif war, und dann ist natürlich die Frage, wofür ist das gut, und das ist wahrscheinlich eine Art Tarnung gewesen, sodass man mit einem langen steifen Hals in einen Fischschwarm stoßen konnte, ohne dass die Fische wirklich gemerkt haben, da ist aber ein ziemlich großes Tier hinten dran, weil der Kopf natürlich klein ist, und dann fühlten sich die Fische vielleicht einfach nicht so bedroht und ließen sich dadurch relativ leicht absammeln von diesen Tieren, aus dem Schwarm praktisch rauspicken.

Krauter: Um das am Schluss noch mal zu verdichten: Was genau waren jetzt diese Überlebenstricks, die den Plesiosauriern, dieser Spezies geholfen haben könnten, dieses Artensterben am Ende des Trias zu überleben? War es diese Ausdauer, die Warmblütigkeit, von der Sie sprachen?

Sander: Diese Ausdauer und Warmblütigkeit war die Voraussetzung für die Besiedlung des offenen Meeres. Was ausgestorben ist, waren Formen, die im Küstenbereich gelebt haben und Muscheln und Krebse und so weiter gefressen haben, aber die andere Gruppe, die gut überlebt hat, waren die Fischsaurier, und die haben eigentlich genau das gleiche gefressen, nämlich Fischsaurier und Tintenfische. Also die Fähigkeit, im offenen Ozean zu leben, das war der Schlüssel zum Überleben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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