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"Poison Season" von Destroyer"Die 70er sind halt meine Szene"

Erst mit seinem neunten Album "Kaputt" avancierte der kanadische Songwriter Dan Bejar alias Destroyer zum Indie-Star. Nun erscheint sein zehntes Werk "Poison Season", bei dem man die Liebe des Musikers zum Glam-Rock der 70er-Jahre hört. Für unsere Rezensentin Anke Behlert ein meisterliches Album.

Von Anke Behlert | 29.08.2015

Dan Bejar ist nicht der Typ, der sich dem Musikbusiness anbiedert. Ob es nun das löchrige Jeans-Hemd mit Malerflecken ist, das der 42-Jährige zum Interview trägt oder seine etwas spröde Art, lange Denkpausen beim Beantworten der Fragen zu machen. Diese Haltung hat sicherlich dazu beigetragen, dass es 15 Jahre und neun Alben gedauert hat, bevor seine Musik von einem größeren Publikum wahrgenommen wurde. Dabei hat Bejar als Destroyer schon seit 1996 in regelmäßigen Abständen Platten veröffentlicht und war auch Vollzeit-Mitglied der kanadischen Supergroup The New Pornographers. Aber erst seit dem Erfolg von "Kaputt" kennen deutlich mehr Leute den Mann mit den widerspenstigen dunklen Locken und dem ernsten Blick.
Gespaltenes Verhältnis zum Musikgeschäft
Auch die Tatsache, dass er sich schon mal öffentlich für einige seiner neuen Songs entschuldigt - sie wären zu poppig - dürfte bei seinem Label nicht gerade für Luftsprünge gesorgt haben. Denn normalerweise ist das neue Album immer das beste, was man jemals gemacht hat. So lautet eigentlich die Vermarktungsstrategie.
"Es ist schon seltsam, dass man nicht ehrlich sein darf. Man darf nicht mal sagen, dass man unsicher ist, das ist nicht erlaubt. Jede Platte muss ein Meisterwerk sein. Natürlich ist das unser Meisterwerk."
Auch wenn das Dan Bejar nicht ganz ernst gemeint hat, das neue Destroyer-Album "Poison Season" ist wirklich meisterlich. Erwartungsgemäß ist es kein zweites "Kaputt", das sich musikalisch hauptsächlich an 80er Softrock orientiert. Die Songs auf "Poison Season" sind mal stampfender Bruce-Springsteen-Stadionrock mit viel Saxofon, mal Jazz, mal Chamberpop, mal irgendwas dazwischen. Dahinter stecken zwei scheinbar gegensätzliche Herangehensweisen, erzählt Bejar.
"Wir wollten einerseits den Sound der Band einfangen, wenn wir zusammen spielen. Ich habe auch zum ersten Mal überhaupt live gesungen. Wir haben uns im Studio getroffen, die Songs zwei, drei Mal gespielt und dann die Version ausgewählt, die uns am besten gefallen hat. Auf der anderen Seite hatte ich eine Aufnahmesession mit einem Streichquartett. Sie hatten Noten, alles war sehr sorgfältig arrangiert, das Material wurde bearbeitet. Diese Ansätze sind eigentlich unvereinbar, aber irgendwie hat es trotzdem funktioniert."
Großangelegter Band-Sound
Der Song "Times Square" bildet einen Rahmen auf "Poison Season". Er ist zweigeteilt und taucht am Anfang und am Ende als Streicherarrangement auf. In der Mitte kommt der selbe Song als radiotaugliche 70er-Glam-Rock-Nummer daher. Dieser groß angelegte Bandsound zieht sich durch das gesamte Album, denn in den 70ern fühlt sich Dan Bejar zu Hause.
"Das kommt von ganz alleine, so klingen wir nun mal als Band. Als wir angefangen haben, in den späten 90ern als Gruppe zusammen zu spielen, mochten wir alle Bowie, Roxy Music, T.Rex, John Cale und solche Sachen. So einen bestimmten Typ kunstvoller, englischer Rockmusik. Davon gibt es Elemente auf der Platte. Die 70er sind halt meine Szene, ich wurde in den 70ern geboren und viele meiner Einflüsse sind aus dieser Zeit."
Es ist nicht so einfach, den Texten von Dan Bejar zu folgen. Sie sind abstrakt und poetisch, er erzählt keine Geschichten im klassischen Sinne, sondern scheint mit der Sprache zu spielen.
"Ich behandele Sprache ähnlich wie Musik, das ist vielleicht das Problem. Bestimmte Wortgruppen, die mit Noten versehen sind, fliegen mir zu. Ich füge sie zusammen und mache einen Song daraus. Ich höre durchaus Muster bei den Wörtern. Bestimme Bilder tauchen immer wieder auf, wie zum Beispiel eine zum Scheitern verurteilte Liebesbeziehung vor dem Hintergrund einer schlimmen politischen Lage. Das kommt häufiger in Destroyer-Songs vor."
Auf "Poison Season" kombiniert Destroyer kunstvoll Weltuntergangsszenarien mit einem verschwenderisch dekadenten Sound. Hoffen wir, dass er uns noch eine Weile als Künstler erhalten bleibt, trotz seiner Abneigung gegen das Musikgeschäft.