Samstag, 20. August 2022

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Politikberater Spreng zum TV-Duell
"Den 'Lucky Punch' gab es nicht"

Es sei klar, dass Martin Schulz aus dem TV-Duell nicht als Sieger hätte hervorgehen können, so Politikberater Michael Spreng im Dlf. Wenn die Mehrheit der Wähler die CDU wählen wolle, sei das Umfrageergebnis über das Duell programmiert. Aber Martin Schulz sei Punktsieger des Schlagabtauschs.

Michael Spreng im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann | 04.09.2017

    Michael Spreng mittig im Bild, im Hintergrund verschwommen das Publikum bei Günther Jauch im Gasometer 2014.
    Schulz müsse den Wahlkampf mit Anstand zu Ende führen, sagt Politikberater Michael Spreng. "Mehr bleibt ihm, glaube ich, nicht übrig." (dpa/Paul Zinken)
    Dirk-Oliver Heckmann: Millionen Zuschauer haben gestern wieder eingeschaltet: Das erste und einzige TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz. Neunzig Minuten lang wurden beide zum gesamten Themenspektrum befragt, fast jedenfalls zum gesamten Themenspektrum. Angesichts der Umfragewerte hatten die Sozialdemokraten auf einen "Lucky Punch" gehofft. Doch die Mehrheit der Zuschauer, die sieht Angela Merkel vorne.
    Am Telefon ist jetzt Michael Spreng, Politikberater. Er war Berater von Edmund Stoiber bei seinem Wahlkampf 2002. Guten Morgen, Herr Spreng.
    Michael Spreng: Guten Morgen, Herr Heckmann.
    Heckmann: Dieser "Lucky Punch", der von den Sozialdemokraten erhoffte, ist ihnen das gelungen, oder zumindest wieder heranzukommen an die CDU?
    Spreng: Den "Lucky Punch" gab es nicht. Aber ich fand, dass Martin Schulz sich nach Punkten ein bisschen besser geschlagen hat. Es ist ihm gelungen, Frau Merkel zweimal in Bedrängnis zu bringen: Einmal bei dem Thema Beitritt der Türkei zur EU, wo er für ein sofortiges Ende der Verhandlungen plädierte, dann bei der Rente mit 70, wo er sie zu dem Versprechen gezwungen hat, kategorisch diese Rente mit 70 auszuschließen. Schulz war aus meiner Sicht der Punktgewinner, aber es überrascht mich nicht, dass es in den Umfragen anders aussieht.
    "Schulz hatte aber auch Pech"
    Heckmann: Wieso überrascht Sie das nicht?
    Spreng: Wenn 38 Prozent der Menschen CDU wählen wollen und nur 24 Prozent SPD, ist im Grunde das Ergebnis auch einer Umfrage über das Duell programmiert.
    Heckmann: Das sind selbstverstärkende Prozesse.
    Spreng: Ja.
    Heckmann: Trotzdem hatte man den Eindruck - ich weiß nicht, wie Sie es sehen -, dass Martin Schulz doch mit ziemlich angezogener Handbremse vorgegangen ist, oder?
    Spreng: Ja, er wollte nicht zu aggressiv sein, was bei den Zuschauern immer schlecht ankommt. Er hatte aber auch Pech. Durch diese Konstruktion mit den vier Moderatoren wurde er mehrmals abgewürgt, als er in die direkte Kontroverse mit Frau Merkel gehen wollte, was natürlich das eigentlich Reizvolle am Duell gewesen wäre. So blieb es aber bei einem reinen Frage-Antwort-Spiel.
    1!Heckmann:!! Aber er hat ja auch solche Formulierungen benutzt wie "Ich gebe Ihnen Recht, Frau Merkel" und "Danke, dass Sie das noch mal aufgreifen". Viele Zuschauer hatten doch den Eindruck, dass sich da zwei sehr gut verstehen und da möglicherweise die nächste Neuauflage der Großen Koalition droht.
    Spreng: Ja, der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen. Denn wenn man die beiden beobachtet hat - auch Frau Merkel hat ja häufiger zustimmend genickt, wenn Herr Schulz was gesagt hat. Natürlich: Die beiden sind sich sehr ähnlich. SPD und CDU haben lange miteinander regiert. Und natürlich könnte man sich die beiden auch sehr gut in einer neuen Großen Koalition vorstellen. Das ist halt das Problem, wenn beide Parteien zusammen regieren und dann gegeneinander antreten.
    Türkei-Debatte zeigte "die Schwäche des Duells"
    Heckmann: Man kann ja in der Tat auch nicht behaupten, dass dieses TV-Duell völlig überraschungsfrei gelaufen ist. Sie haben es gerade schon gesagt mit der Türkei. Martin Schulz hat ja völlig überraschend angekündigt, er werde dafür sorgen, dass die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abgebrochen werden. Bisher sind sie ja nur eingefroren. Und das ist wirklich eine neue Position, die er da vertritt. Sie sagen, das bringt Angela Merkel oder hat Angela Merkel in Schwierigkeiten gebracht?
    Spreng: Ja. Man hat ja gesehen, dass Frau Merkel ziemlich überrascht war, denn sie hatte ja offenbar zwei Tage vorher mit Herrn Gabriel, dem Außenminister, noch das Gegenteil besprochen. Aber an der Stelle zeigte sich die Schwäche des Duells. Die Moderatoren haben nicht sofort dann Frau Merkel zur Antwort die Möglichkeit gegeben, oder sie dran genommen, sondern es verging eine viertel Stunde und dann war natürlich das Überraschungsmoment vorbei.
    Heckmann: Aber sie konnte sich ja auch hinstellen und sagen, na ja, gut, die Hälfte der türkischen Bevölkerung, die ist proeuropäisch orientiert, und die wollen wir doch jetzt auch nicht alleine lassen. Insofern kann man ja auch sagen, da hat Merkel Punkte gemacht und Martin Schulz steht als jemand da, der möglicherweise die populistische Karte gezogen hat, weil die Stimmung in Deutschland gegenüber der Türkei ja nicht die positivste ist.
    Spreng: Ja. Das war wohl auch seine Absicht. Er wollte einer Mehrheitsstimmung Ausdruck verleihen mit dieser harten Forderung und damit hat er bei dieser Mehrheit wahrscheinlich auch gepunktet.
    Heckmann: Ist das populistisch?
    Spreng: Nein. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Herr Schulz seine Meinung sagt und sich nicht nach solchen Erwägungen richtet. Das will ihm jetzt nicht unterstellen.
    Merkel im "Harmonie und Wohlfühl"-Modus
    Heckmann: Wie würden Sie denn den Auftritt von Angela Merkel bezeichnen?
    Spreng: Ja wie erwartet: Ruhig, besonnen, souverän. Sie vermittelte mit jeder Phase das alte Motto, was ja Frau Illner schon zu Beginn noch mal einführte: "Sie kennen mich!" Und dieses "Sie kennen mich!" zog sich durch die ganze Sendung, bis am Ende sie dann sagte, dass sie für Zusammenhalt stehe, und den Zuschauern dankte und einen schönen Abend wünschte. Sie war ganz auf Harmonie und Wohlfühlen angelegt und Martin Schulz versuchte, sie aus der Reserve zu locken, ist ihm aber aufgrund dieser unglückseligen Konstellation dieses Duells nicht gelungen.
    Heckmann: Das heißt, Angela Merkels Konzept ist im Prinzip aufgegangen?
    Spreng: Sie kann auch damit zufrieden sein, denn Schulz hätte schon ein haushoher Sieger sein müssen, um tatsächlich für die Wahlen noch was bewegen zu können. So, glaube ich, hat Schulz durchaus seine eigenen Anhänger motiviert. Die werden jetzt doch noch die letzten drei Wochen des Wahlkampfes mit mehr Enthusiasmus bestreiten. Aber natürlich ist es keine grundsätzliche Wende in der Umfragenlage und was die Wahlaussichten betrifft.
    Heckmann: Experten sagen ja auch, die meisten Menschen lassen sich gar nicht umstimmen durch ein TV-Duell, sondern eher die eigene Meinung bestätigen.
    Spreng: Ja.
    TV-Duell nur für den Herausforderer wichtig
    Heckmann: Wie wichtig ist denn aus Ihrer Sicht auch als Politikberater, damals als Berater von Edmund Stoiber, das TV-Duell? Wie wichtig ist das?
    spreng: Das TV-Duell ist wichtig für den Herausforderer, denn für den geht es darum, auf Augenhöhe gehoben zu werden als ernst zu nehmender Herausforderer und gleichwertig anerkannt zu werden. Insofern kann von einem Duell, wenn es positiv für ihn läuft, nur der Herausforderer profitieren, denn die Kanzlerin ist so wie sie ist und der Herausforderer kann punkten, wenn er sehr gut ist.
    Heckmann: Die Umfragen legen nahe, dass eine große Mehrheit Angela Merkel bei dem TV-Duell vorne sehen. Medienforscher sagen, nicht der Eindruck der Zuschauer sei entscheidend für solche Folgen, sondern die Interpretation, die folgt durch Politiker und auch durch Medien. Würden Sie das so bestätigen und was folgt daraus aus Ihrer Sicht?
    Spreng: Ja, das ist so. das wurde auch mal untersucht nach dem Duell Schröder-Stoiber. Da sahen nach dem ersten Duell eigentlich viele Stoiber vorne. Im Lauf der Tage dann aber nach dem Spin Doctor und den Medien und der Interpretation lag dann drei Tage später plötzlich Schröder vorne. Die Nachbearbeitung ist ganz wichtig.
    Aber ich würde gerne noch eines zum Duell sagen, was mich besonders gestört hat, dass es sehr auf die Vergangenheit fixiert war und gegenwartsbezogen. Es ist in dem Duell so gut wie nicht über die Zukunft gesprochen worden, also über die Folgen der Digitalisierung, ist das Leben noch planbar, was wird aus den Jobs, was ist mit schnellem Internet. Es war für junge Leute eigentlich vertane Zeit.
    Duell wirkt "trendbestätigend"
    Heckmann: Viele sagen jetzt, das Rennen ist gelaufen, drei Wochen vor der Bundestagswahl. Sehen Sie das auch so?
    Spreng: Ja, es war keine Umkehr des Trends, sondern es wirkt trendbestätigend, vielleicht mit einem leichten Vorteil für Martin Schulz oder, wie andere sehen, für Frau Merkel. Aber grundsätzlich bleibt es bei dem riesen Abstand der beiden Parteien, und ich sehe nicht, was sich daran in den letzten drei Wochen noch ändern sollte.
    Heckmann: Was würden Sie Martin Schulz als Herausforderer raten, um das noch mal zu drehen?
    Spreng: Ich kann ihm da keinen Rat mehr geben. Ich kann eigentlich nur sagen, er muss den Wahlkampf mit Anstand zu Ende führen. Mehr bleibt ihm, glaube ich, nicht übrig.
    Heckmann: Das hört sich nicht sehr positiv an. Was ist denn da vorher schiefgelaufen?
    Spreng: Ja gut, die verpassten Gelegenheiten des Frühjahrs: Die drei verlorenen Landtagswahlen, das lange Abtauchen, die strategische Fehlentscheidung, im Saarland auf Rot-Rot zu setzen, was die CDU wieder mobilisiert hat. All diese verpassten Gelegenheiten und Fehler des Frühjahrs sind nicht in einem Duell und in einer Schlussphase des Wahlkampfes wiedergutzumachen. Es war gelaufen schon vor dem Duell.
    Heckmann: Der Politikberater Michael Spreng war das hier im Deutschlandfunk an diesem Montagfrüh. Herr Spreng, ich danke Ihnen für Ihre Zeit!
    Spreng: Ich danke auch!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.