Sonntag, 14. August 2022

Archiv


Politologe: Kim Jong Un nicht als Psychotiker verharmlosen

Das Verhalten des nordkoreanischen Regimes entziehe sich den Rationalitätskriterien seines Fachs, sagt der Politikwissenschaftler Everhard Holtmann. Trotzdem sollte die Politik Pjöngjangs nicht verengt als pathologisch dargestellt werden. Machthaber Kim Jong Un folge einer eigenen Logik.

Everhard Holtmann im Gespräch mit Jürgen Liminski | 13.04.2013

    Jürgen Liminski: Es ist, als wäre Washington aufgewacht: Nachdem die Regierung Obama tagelang schwieg und den verbalen Eskapaden des nordkoreanischen Despoten Kim Jong Un kaum Aufmerksamkeit zu widmen schien, ist der Ton auf einmal schärfer geworden, um nicht zu sagen, demonstrativ hart. Nordkorea müsse seine Kriegsdrohungen beenden, sagte US-Präsident Obama, und sein Außenminister sichert dem Partner Südkorea Unterstützung zu. Ist die Krise doch ernster und gefährlicher, als man bisher annahm? Und wie kann man Despoten wie Kim Jong Un einhegen und eindämmen? Zu diesen Fragen begrüße ich jetzt den Koreaexperten Professor Everhard Holtmann vom Zentrum für Sozialforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Guten Morgen, Herr Holtmann!

    Everhard Holtmann: Guten Morgen, Herr Liminski!

    Liminski: Herr Holtmann, der Ton wird schärfer. Droht ein Schlagabtausch?

    Holtmann: Ja nun, der Schlagabtausch, den gibt es ja bereits, in einer sehr kühlen Form des kalten Krieges, wie wir ihn bisher so, glaube ich, noch nicht erlebt haben. Und man kann nur hoffen, dass es nicht in eine heiße Phase überschlägt. Das ist deshalb auch schwer zu kalkulieren, weil die Rationalität, die Kim Jong Un leitet oder auch nicht leitet, von außen durch externe Beobachtungen schwierig zu entschlüsseln ist.

    Liminski: Das Regime hat offenbar mehr Atomsprengköpfe als bisher angenommen. Es scheint möglich, unbemerkt von der Weltöffentlichkeit Atomwaffen zu produzieren. Ist Nordkorea ein Modellfall für die Einhegung von atomwaffenfähigen Diktatoren und Despoten, Stichwort Iran?

    Holtmann: Da muss man zunächst einmal genau, da müsste man genaue Informationen darüber haben, inwieweit das Regime tatsächlich nicht nur über Atomsprengköpfe verfügt, sondern auch technologisch in der Lage ist, die auf entsprechende Mittelstrecken oder Interkontinentalraketen aufzulegen und dann entsprechend auch auf diese Weise offensiv waffenfähig zu sein. Da gibt es offensichtlich bisher nach wie vor Zweifel. Aber es ist in der Tat so, dass offensichtlich die Kontrolle, die externe Kontrolle und möglicherweise auch eine Kontrolle, die im Gewande nicht unbedingt der freundlichen Kontaktaufnahme einherkommt, außerordentlich schwierig ist.

    Liminski: Experten halten Kim Jong Un für unberechenbar, der "Spiegel" bezeichnet ihn sogar als verrückt. Ist das nicht eine gefährliche Verharmlosung? Denn Verrückte muss man ja nicht so ernst nehmen.

    Holtmann: Das denke ich auch. Man sollte das Ganze jetzt nicht auf die Erscheinungsform, ja, die angenommene Erscheinungsform einer Psychose oder eines Psychotikers verengen. In der Tat: Die Verhaltensweisen, die Handlungsweisen des Regimes entziehen sich weitgehend den Rationalitätskriterien wie beispielsweise auch die Politikwissenschaft sie für die internationalen Beziehungen modellhaft unterstellt. Auf der anderen Seite: Ich denke, dass auch der junge Diktator eine ganz eigene, selbst erklärte Rationalität verfolgt, und die lässt sich mit Stichworten umschreiben wie: möglichst große Stabilisierung seiner ja nicht hundertprozentig gefestigten Stellung nach innen – und dazu ist die Drohgebärde nach außen ein historisch ja auch nicht seltenes Argument.

    Liminski: Sie meinen, das Säbelrasseln soll von inneren Machtkämpfen ablenken?

    Holtmann: Ja, ich denke, dass der Zusammenhang zwischen innenpolitischen Problemlagen, zu denen ja auch die völlig marode Wirtschaft und die Hungersnot im Lande gehört auf der einen Seite, und das außenpolitische Säbelrasseln auf der anderen Seite in einem denkbar engen Zusammenhang stehen.

    Liminski: Gibt es denn irgendwelche Möglichkeiten, Einblick in das Despotenregime zu bekommen? Sie arbeiten doch im Augenblick mit koreanischen Wissenschaftlern zusammen.

    Holtmann: Ja. Das Basiswissen – übrigens, was auch die südkoreanischen Landsleute über Nordkorea haben –, das ist nach allem, was mir bekannt ist, außerordentlich dünn, und es wird noch einmal zusätzlich verunsichert oder unsicherer dadurch, was derzeit, seit einigen Wochen an Dynamik sich in beiderseitigem koreanischen Verhältnis entwickelt. Es gibt einige klandestine, also verborgene Informationen. Die resultieren wohl zu einem großen Teil aus dem informellen und teilweise auch zugelassenen kleinen Grenzverkehr an der nordkoreanischen Nordküste hin zu China. Und da lässt sich offenbar auch nicht alles abschotten, denn wenn Menschen in einer nennenswerten Anzahl über Handelsbeziehungen und über Grenzgängerschaft dann miteinander verbunden werden, dann gibt es doch das eine oder andere Loch. Und über diesen Weg gehen offenbar auch Informationen, übrigens auch in beide Richtungen, hinaus und hinein.

    Liminski: Ihr Projekt befasst sich mit der Wiedervereinigung der beiden Koreas. Ist das angesichts der jetzigen Lage mehr als eine Illusion?

    Holtmann: Ja und nein. Auf der einen Seite ist die Einigungsoption in Zeiten eines sehr kalten Krieges nicht realistisch. Auf der anderen Seite ist aber der Gedanke einer Perspektive der Einigung von Nord- und Südkorea in Südkorea – sowohl in Bevölkerung wie auch in den dortigen Eliten – immer lebendig geblieben. Und das erklärt auch das große Interesse der südkoreanischen Seite an dem Wissen über die deutsche Einigung, was die deutsche Forschung, teilweise aber auch in europavergleichender Perspektive, sozusagen begleitend zur deutschen Einigung angesammelt hat. Das heißt, man kann jetzt nicht einfach unser deutsches Einigungswissen eins zu eins auf Korea übertragen, das verbietet sich aus verschiedenen Gründen, aber es könnte ein Ansatz sein, um sozusagen im Wege der interkulturellen Translation zwischen beiden Staaten entsprechend in Kontakt zu kommen und die südkoreanischen Wissensstände überlegt zu erweitern.

    Liminski: Noch einmal zurück zur aktuellen Krise, Herr Professor: Welche Einflussmöglichkeiten hat China? Kann es den Despoten bändigen?

    Holtmann: China hat sicherlich die Möglichkeiten, auf der einen Seite an der ökonomischen Stellschraube zu drehen. Es ist ja bekannt, dass Nordkorea im Grunde am Tropf der Öl- und auch der weiteren Reislieferungen etwa von China seit Langem hängt. Die Einwirkungsmöglichkeiten ansonsten, auf diplomatischer Ebene, sind, denke ich, eher begrenzt, denn sonst hätte das Regime ja möglicherweise auch schon eingelenkt. Und die zweite Frage ist, ob China das ja überhaupt auch alles möchte, denn die ganze Gefechtslage, der kalte Krieg dort, hat ja eben auch eine strategische Dimension: Es geht letztlich ja auch um die Behauptung der Vorherrschaft, der strategischen Vorherrschaft im asiatisch-pazifischen Raum.

    Liminski: Washingtons Aufmerksamkeit gilt heute in der Tat stärker Asien als je zuvor. Die sogenannte pazifische Option, über die ja schon seit den 80er-Jahren geredet wird, wird Wirklichkeit. Gerade unter Obama: Kann es zwischen den USA und China über die Koreakrise zu einem Kondominium in diesem geopolitischen Raum kommen?

    Holtmann: Nun, ich denke, dass beide Führungen, sowohl in Peking wie auch in Washington, wissen, dass sie eine Art Eindämmungsstrategie gegenüber Nordkorea letztendlich verfolgen müssen, denn mit der Destabilisierung auf der koreanischen Halbinsel, ist ja keinem der beiden Großmächte gelegen. Auf der anderen Seite, wie gesagt: China beobachtet sehr argwöhnisch die eher expansionistischen Tendenzen der USA in einem Raum, der ja, wenn man das allerdings mal in längeren Zeiträumen betrachtet, ja auch in früheren Zeiten schon, etwa in den 30er- und 40er-Jahren, zu der selbst erklärten Einflusszone der USA gehört haben.

    Liminski: Wie kann man Nordkorea einhegen? Das war hier im Deutschlandfunk Prof. Everhard Holtmann vom Zentrum für Sozialforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Besten Dank für das Gespräch, Herr Holtmann!

    Holtmann: Bitte schön, Herr Liminiski!

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.