Prognosemärkte zu US-Midterms: Geschäft mit der Zukunft

Vor den US-Midterms boomen Prognosemärkte wie Kalshi und Polymarket. Sie liefern oft erstaunlich gute Vorhersagen. Kritiker warnen jedoch vor leichter Manipulation und einer Beeinflussung der Wahlen.

    Donald Trump umringt von Trumpfans, macht Faxen auf einer Bühne.
    US-Präsident Donald Trump auf einer Wahlkampfveranstaltung in Corinth, Mississippi im Oktober 2026. Die Midterms 2026 gelten als Stimmungsbild. (imago/ ZUMA Press Wire / Sue Dorfman)
    Gewinnt Donald Trump die Wahl? Wird ein Flugzeug ins Weiße Haus stürzen? Greifen die USA Iran an? Auf solche Fragen kann man wetten. Man kauft an Prognosemärkten einen Ja- oder Nein-Anteil und kann damit sehr viel Geld gewinnen, wenn man richtig liegt oder verlieren, wenn man sich irrt. 
    Im Vergleich zu Aktien, sind Wetten zeitlich begrenzt und ein Nullsummenspiel: Wenn jemand gewinnt, verliert zwangsläufig eine andere Person. Es ist mehr Glücksspiel als Investieren. In Deutschland sind Prognosemärkte deswegen auch als illegales Glücksspiel verboten.

    Inhalt

    Kalshi, Polymarket und Co: Prognosemärkte boomen vor US-Midterms

    Doch in den USA boomen diese Prognosemärkte. Plattformen wie der Marktführer Kalshi, der in den USA in einer Trading-App integriert ist, und konkurrierende Unternehmen wie beispielsweise Polymarket generieren Milliardenumsätze. 
    Vor etwa zwei Jahren noch ein Nischengeschäft, melden sich nun immer mehr US-Amerikaner auf diesen Plattformen an. Es ist eine Entwicklung, die unmittelbar vor den Zwischenwahlen kulminiert. Am 3. November 2026 wählen die Amerikaner in den Midterms ein neues Repräsentantenhaus und ein Drittel aller Senatoren. Die Wahlen gelten als ein Stimmungstest mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2028.
    Ein wichtiger Tag ist der 3. November aber auch für die Anbieter von Prognosemärkten. Eine Analyse der NGO Anti-Corruption Data Collective zeigt, dass bis zum Wahltag allein auf Polymarket US und Kalshi über anderthalb Milliarden US-Dollar auf den Ausgang der Midterms gesetzt werden könnten. Für die Unternehmen geht es am Wahltag dann auch darum, jenen Mythos am Leben zu halten, der ihren rasanten Aufstieg überhaupt erst ermöglicht hat: die Behauptung, dass Prognosemärkte die Zukunft so gut vorhersagen wie kein anderes Instrument. 
    Dieser Ruf ist auf die vergangene Präsidentschaftswahl zurückzuführen: Den meisten Amerikanern waren Prognosemärkte vor November 2024 kein Begriff. Doch kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen erhält Kalshi eine Betriebserlaubnis; und so geschieht am Wahltag etwas Erstaunliches: Entgegen der in vielen Wahlsendungen und auf großen Nachrichtenseiten veröffentlichten Hochrechnungen gilt auf vielen Prognosemärkten früh Herausforderer Donald Trump als Favorit.

    Wahlprognosen per Wettsystem: Wie verlässlich sind die Märkte?

    Immer mehr Nachrichtensendungen werden neben Wahlumfragen auch die Zwischenstände von Prognosemärkten bei den Midterms einblenden. Aber können Prognosemärkte überhaupt das liefern, was sie versprechen: einen Blick in die Zukunft?  
    Zumindest liefern sie hilfreiche Einschätzungen, glaubt Jonathan Wright von der Johns-Hopkins-Universität. Der Ökonom hat untersucht, inwiefern Märkte Zinsentscheidungen der US-Notenbank oder neue Arbeitsmarktzahlen prognostizieren: "Das Ergebnis hat mich überrascht. Prognosemärkte sind relativ präzise und ungefähr genauso gut oder schlecht wie Umfragen unter Experten." 
    Laut Wright erlauben Prognosemärkte allerdings keinen Blick in die Zukunft, auch wenn die Unternehmen das behaupten. Stattdessen liefern die Märkte aus Sicht des Ökonomen eine sehr präzise Analyse der Gegenwart, in der die Weichen für kommende Ereignisse bereits gestellt sind. 

    Insiderhandel und Manipulation: Kritik und Risiken 

    Aus den USA mehren sich allerdings auch beunruhigende Berichte, die Fragen aufwerfen, ob vor allem Personen auf Prognosemärkten investieren, die Insiderinformationen haben. Michael Hornsby ist Co-Direktor des Anti-Corruption Data Collective und hat für die amerikanische NGO untersucht, welche Rolle Insider bei Prognosemärkten mit politischem Bezug spielen. Er hat dazu nach Wetten gesucht, die eigentlich kaum Aussicht auf Erfolg hatten: ungewöhnlich hohe Einsätze auf Ereignisse, die der Markt für unwahrscheinlich hielt.
    "Insgesamt lag die Erfolgsquote dieser Wetten auf der Plattform bei nur 14 Prozent. Die Nutzer überschätzen sich. Bei Märkten zu Themen wie Militär und Verteidigung stieg die Erfolgsquote hingegen auf 52 Prozent. Über die Hälfte aller Außenseiterwetten waren dort erfolgreich." Nach einer aufwändigen Nutzeranalyse kam Hornsby zu dem Schluss, dass bestimmte Märkte enorm anfällig für Insider sind. 
    Michael Hornsby warnt aber noch vor einer anderen Gefahr: Weil die Midterms aus sehr vielen einzelnen Wahlen bestehen, wird es voraussichtlich viele Märkte geben, an denen nur wenige Nutzer teilnehmen. Und die seien relativ einfach zu manipulieren: "Man könnte also sagen: Anstatt zu spenden, investiere ich in diesen Markt. So verpasse ich meinem Kandidaten Auftrieb, lasse das an die Medien durchsickern und suggeriere, hier würde sich etwas Spannendes abspielen. Dadurch verändert sich die Dynamik in diesem Wahlkreis und das kann das Verhalten anderer Wähler beeinflussen", erklärt Hornsby. 
    Anbieter Kalshi hat bereits angekündigt, solche Märkte zu kennzeichnen. Ob solche Hinweise wirken, könnte im Nachhinein aber schwer zu überprüfen sein. Etwa wenn Wähler gar nicht erst zur Wahl gehen, weil sie in einer Nachrichtensendung gesehen haben, dass die Prognosemärkte die bevorzugte Kandidatin oder den bevorzugten Kandidaten für chancenlos halten.
    Radiobeitrag: Florian Guckelsberger / Onlinetext: Nora Bath