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StartseiteDlf-MagazinBordellbetreiber und Sexarbeiterinnen ohne Job02.07.2020

Prostitution in CoronazeitenBordellbetreiber und Sexarbeiterinnen ohne Job

Die Sexarbeit in Deutschland befindet sich aufgrund der Corona-Pandemie in der Krise – jedenfalls die legale. Sexarbeiterinnen sorgen sich um ihre Existenz und sehen sich ungerecht behandelt. Einige Politiker wittern dagegen jetzt die Chance, die käufliche Liebe gleich ganz zu verbieten.

Von Anja Nehls

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Mehrere hundert Prostituierte und Bordellbetreiber fordern in Hamburg, dass sie ihr Gewerbe wieder aufnehmen dürfen. (picture-alliance / Markus Scholz)
Keine Kundschaft: Der Betrieb von von Bordellen ist aufgrund der Coronakrise verboten (picture-alliance / Markus Scholz)
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"Du, lies doch nochmal die Anzeige. Am Telefon gehe ich auf solche Dinge nicht ein ...150, mit Anfahrt … okay. Tschüß."

Am Telefon will Felicitas Schirow jetzt nicht konkreter werden. Die Berliner Prostituierte bekommt jeden Tag Dutzende Anrufe von Männern, die sich mehr als nur mit ihr treffen wollen. Zwar steht in ihrer Internetanzeige, dass sie sich an das Verbot halten will, aber seit Mitte März muss sie auf Geld von Freiern verzichten. Zu lang, um von Erspartem zu leben. Sie will wieder arbeiten.

Arbeitsverbot und kein Auskommen

"Ja natürlich, wir müssen ja irgendwie überleben, und wir würden sonst auch unser Dach überm Kopf verlieren. Das möchte ich nicht."

Mit dem Corona-Lockdown Mitte März wurde die Ausübung der Prostitution in Deutschland verboten. Inzwischen gibt es in den jeweils geltenden Landesverordnungen Unterschiede. In einigen Bundesländern wie Berlin oder Nordrhein-Westfalen ist käuflicher Sex in jeglicher Form untersagt; in den meisten anderen, wie Bayern oder Baden-Württemberg, ist lediglich der Betrieb von so genannten "Prostitutionsstätten", also Bordellen und Clubs, verboten. Der "privaten Prostitution" kann wieder nachgegangen werden – jedenfalls solange die Verordnung einzelner Städte oder Sperrgebietsregelungen wiederum nichts anderes sagen.

Das Bordell von Aurel Johannes Marx in Berlin ist zurzeit dicht. Er musste bereits drei Büroangestellte entlassen, eine erhält Kurzarbeitergeld. Er selbst und die Prostituierten, die bei ihm freiberuflich arbeiten, haben zum Teil Geld aus der Corona-Soforthilfe bekommen. Dennoch steht ihm jetzt das Wasser bis zum Hals.

"Das größte Problem ist, dass halt kein absehbares Ende ist. Ich kann keinen Liquiditätsplan machen. Man fühlt sich als ein Mensch, fühlt man sich in der Situation total ohnmächtig, und das Deprimierendste an der Sache ist, dass ich zu einem der wenigen Bordellbetreiber gehöre, der aus Überzeugung in den letzten Jahren wirklich gerne Steuern bezahlt hat. Denn durch das Steuern bezahlen, werde ich ja auch ein Teil dieses Rechtsstaates."

Abstandhalten nicht möglich

Von dem er sich jetzt im Stich gelassen fühlt. Dass ihr Gewerbe schlechter behandelt wird als andere so genannte "körpernahe Dienstleistungen", wie Kosmetik- oder Massagestudios, sei ungerecht, schimpft Marx. Carsten Spallek, CDU-Bezirksstadtrat von Berlin Mitte, vergleicht lieber mit Branchen, denen es auch nicht besser ergeht.

"Ich glaube aber, dass es schwierig ist, wenn zum Beispiel in Berlin die Bars noch gar nicht richtig geöffnet haben, wie man dann im Prostitutionsgewerbe eine Ausnahme machen will, wenn dieses Gewerbe qua Definition ja Abstandhalten quasi unmöglich macht."

Das bestreitet der Bundesverband für sexuelle Dienstleistungen und hat ein entsprechendes Hygienekonzept vorgelegt, erklärt Stephanie Klee:

"Wenn ein Kunde ins Haus kommt, soll er zu der Person, die die Tür aufmacht 1,50 Meter Abstand halten, dann wartet er vielleicht im Aufenthaltsraum, um mit den Sexarbeiterinnen zu sprechen, auch die sollen 1,50 Meter Abstand halten. Und wenn er sich dann entscheidet für eine Sexarbeiterin, gehen beide zusammen auf ein Zimmer."

Zwar sei dort der Mindestabstand nicht mehr möglich, aber einiges andere, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, erzählt Lena, die freiberuflich im Bordell von Aurel Johannes Marx arbeitet:

"Also Mundschutz, Datenerfassung, Händedesinfektion machen wir sowieso alle. Und wir sind da sehr flexibel und auch sehr bereit, die Auflagen einzuhalten, und ich weiß, dass die Kunden das auch sind."

Politiker fordern "Welt ohne Prostitution"

Und genau das bezweifeln diverse Politiker. Einige nutzen nun die Gelegenheit der derzeitigen coronabedingten Auszeit, um zu fordern, das horizontale Gewerbe doch gleich ganz zu verbieten, obwohl es erst kürzlich mit dem Prostituiertenschutzgesetz auf eine geregeltere Basis gestellt worden war. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sönke Rix findet grundsätzlich, dass das Prostitutionsgewerbe genauso so zu behandeln ist, wie jedes andere. Dennoch, so einfach sei das nun auch wieder nicht. Stichwort Hygienekonzept:

"Und gerade bei einer so doch intimen Geschichte wie der Prostitution ist auch die Frage von Kontrolle da auch noch eine wesentliche. Und ich weiß nicht, ob die Behörden dazu auch in der Lage sind, das alles auch zu kontrollieren."

Die Prostituierten befürchten, dass die momentane Situation weiter politisch genutzt werden könnte. Sexarbeit sei eben nicht nur gefährlich, sondern auch menschenunwürdig und frauenfeindlich, postulierte zum Beispiel die Linke und fordert "eine Welt ohne Prostitution". Die wird es nie geben, sagt Aurel Marx. Bereits jetzt blühe das illegale Geschäft, und Datingportale wie Tinder explodierten.

"Wo genau nichts geregelt ist, wo genau nichts nachvollziehbar ist und wo genau null Sicherheit für die Frauen vorhanden ist, dass das das wesentlich größere Übel ist als jetzt in Coronazeiten die Prostitution mit Einschränken wieder stattfinden zu lassen."

Corona als Chance zum Ausstieg?

Auf dem Berliner Straßenstrich an der Kurfürstenstraße ist das Geschäft deshalb wieder angelaufen, wenn auch ein bisschen heimlicher. Viele Frauen aus Osteuropa haben keine andere Wahl und Anspruch auf Leistungen haben sie auch nicht. Der SPD-Abgeordnete Sönke Rix plädiert nicht für ein generelles Verbot der Prostitution, sieht aber im Corona bedingten Aus auch eine Chance:

"Dass jetzt vielleicht viele versuchen, auch die auch ausstiegswillig sind, aus dem Prostitutionsgewerbe vielleicht auch auszusteigen. Da ist meine Forderung an die Bundesländer auch entsprechende Perspektiven diesen Frauen und Männern auch zu schaffen, weil nicht alle total und vollkommen freiwillig in dem Bereich natürlich unterwegs sind."

Aber es gibt eben auch solche wie Lena, der ihr selbstgewählter Beruf Spaß macht. Früher sei sie Köchin in einem Kindergarten gewesen und könnte sich als Corona-Zwischenlösung auch gut einen anderen Job vorstellen. Ganz auf die Sexarbeit verzichten will sie aber nicht.

"Ja, da ich auch ein großer Sauna-Fan bin, kann ich mir vorstellen, dass ich mir einen Job in einem tollen Spa irgendwo suche. Was aber nicht heißt, dass ich irgendwann das wieder kombinieren werde, sobald es wieder erlaubt ist."

Damit sie ihr Geschäft schneller wiederaufnehmen kann, will Lena jetzt vor Gericht ziehen. Andere Prostituierte gehen in der Zwischenzeit ihrem Job im Ausland nach. In der Schweiz, Österreich, Belgien, Holland und Griechenland ist die Prostitution bereits wieder gestattet.

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