Sonntag, 25. Februar 2024

Archiv

Psychologische Betreuung für Flüchtlinge
Auf dem Weg in ein neues Leben

Viele Flüchtlinge sind durch die Erlebnisse in ihren Heimatländern oder auf der Flucht stark traumatisiert. Die Folgen sind Angstzustände und Depressionen. Im Kölner Therapiezentrum für Folteropfer versucht man, Traumapatienten zu helfen - doch die Wartelisten sind lang.

Von Thilo Körting | 15.08.2016
    Ein Fünfjähriger steht verzweifelt in einem Tunnel
    Um psychische Erkrankungen von Flüchtlingen besser zu behandeln, müssen die Betreuungsmöglichkeiten ausgebaut werden, meint die Psychologin Claudia Hartmann (imago/Roland Mühlanger)
    "Also ich hatte eine Patientin, die schwere Verlusterlebnisse, Zeugin von schwerster Gewalt, Krieg, Vergewaltigung, die schwerstens traumatisiert war und schwer depressiv war, der ich am Anfang gesagt hab, wie viele Jahre ich glaube, die sie braucht zur Gesundung und die mir dann später gesagt hat: 'Und sie hatten Recht und ich habe Ihnen nicht geglaubt.' Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie irgendwann einmal in eine Situation kommt, wo sie sich wieder lebendig fühlen kann."
    Viele Patienten von Claudia Hartmann haben eine ähnliche Geschichte. Die Psychologin arbeitet am Therapiezentrum für Folteropfer der Caritas Köln. Hier können sich Geflüchtete ohne Geld und Krankenversicherung behandeln lassen. Die meisten von ihnen leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen, kurz PTBS.
    Langanhaltende und starke Auswirkungen
    "Wir nennen das Krankheit, aber eigentlich ist es eine normale Reaktion auf das Grauen, dass die Menschen erlebt haben."
    Die Erlebnisse – die, vor denen die Patienten geflohen sind und die, die sich auf der Flucht ereignet haben – beschäftigen sie noch heute und beeinflussen ihr Leben. Erfahrungen wie körperliche und psychische Gewalt haben langanhaltende und starke Auswirkungen, erklärt Claudia Hartmann.
    "Das Wiedererleben von diesen Erlebnissen, bis hin zu dem Erleben, als ob es jetzt gerade passiert, die handeln dann aber auch so."
    Betroffene rennen weg oder verstecken sich. Um solche Flashbacks zu vermeiden, ziehen sich viele zurück. Bei ihnen kommt es zu Angststörungen und Depressionen. Außerdem sorgt eine posttraumatische Belastungsstörung für einen hohen Erregungszustand, der den Körper schwächt. Für die Behandlung gibt es viele Ansätze, zum Beispiel handwerkliche Arbeit. Claudia Hartmann ist auf die Gesprächstherapie spezialisiert, mit der sie versucht, Vorgänge bewusst zu machen. Dabei ist sie oft nicht alleine, denn sie beherrscht die Sprachen der Traumapatienten nicht. Die Übersetzerin Ranee Werner hilft ihr.
    "Übersetzen ist eigentlich nicht schwer, aber das ist psychisch schwer, das alles zu verdauen."
    Ranee Werner ist aus Sri Lanka nach Deutschland gekommen, noch vor dem Bürgerkrieg und der bis heute anhaltenden Verfolgung der tamilischen Minderheit. Es fällt ihr schwer sich vorzustellen, was jungen Menschen schon Schreckliches widerfahren ist.
    "Anfangs war das sehr schwer für mich, ich habe fast jeden Tag geheult, aber ich arbeite jetzt ziemlich lange, und ich habe auch immer Hilfe hier vom Therapiezentrum."
    Posttraumatische Belastungsstörung erschwert Integration
    Inzwischen lässt Ranee Werner die erzählten Erlebnisse im Behandlungszimmer. Dort muss sie sich ganz auf die Patienten einlassen. Denn die dritte Person erschwert die Sitzung: Die Situation könne an Verhöre erinnern, außerdem ist das Vertrauensverhältnis schwieriger aufzubauen. Doch ohne Sprachkenntnisse geht es nicht. Es bleibt ein Teufelskreis: Die posttraumatische Belastungsstörung erschwert die Integration, dabei würde eine bessere Integration die Heilung erleichtern, meint Claudia Hartmann.
    "Sie kommen nicht zur Ruhe, die Ängste kommen nicht zur Ruhe. Solange der Aufenthalt nicht gesichert ist, können die sich gar nicht wirklich auf die Traumabearbeitung einlassen, weil die existentielle Angst, die existentielle Bedrohung bleibt ja bestehen."
    Die Integration von Traumapatienten ist deshalb so schwierig, weil sich die Betroffenen gar nicht auf die neue Situation einstellen können. Sie haben keine geistigen Kapazitäten, um etwas Neues zu lernen. Die unsichere Situation lässt auch Asylsuchende erkranken, die bei ihrer Einreise noch psychisch unbelastet waren – ein weiterer Grund für lange Wartelisten, erzählt Claudia Hartmann.
    Mehr Behandlungsmöglichkeiten notwendig
    "Von unseren Kapazitäten her sind wir ein Tropfen auf dem heißen Stein, also nicht nur hier bei der Caritas in Köln, sondern in ganz Deutschland. Im Vergleich zu dem Bedarf von psychisch erkrankten Flüchtlingen ist das ein Tropfen auf den heißen Stein."
    Die Psychologin wünscht sich, dass psychische Erkrankungen besser registriert – und im nächsten Schritt auch mehr Behandlungsmöglichkeiten geschaffen werden. Denn nur dann können die Geflüchteten wirklich in dem neuen Land ankommen und am Leben teilnehmen.