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StartseiteSport am WochenendeWarum sich Deutschland mit "kalter Pyro" schwer tut25.01.2020

Pyrotechnik im Fußballstadion Warum sich Deutschland mit "kalter Pyro" schwer tut

Die Innenminister der Länder wollen das Abbrennen von Pyro zukünftig härter bestrafen. Für die Anhänger gehören Bengalos jedoch zur Fankultur. Diesen Konflikt versuchen manche Vereine nun in Eigenregie zu entschärfen.

Von Thorsten Poppe

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07.12.2019 - Fussball - Saison 2019 2020 - 2. Fussball - Bundesliga - 16. Spieltag: SpVgg Greuther Fürth Kleeblatt - VfL Bochum - / - DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video - Pyro Pyrotechnik Bengalos Bengalfackel Rauch Fans Fanblock Bochum *** 07 12 2019 Football Season 2019 2020 2 Football Bundesliga 16 Matchday SpVgg Greuther Fürth Kleeblatt VfL Bochum DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and or quasi video Pyro Pyrotechnik Bengalos Bengal flare Smoke Fans Fanblock Bochum (imago images / Zink)
Pyrotechnik ist beliebt bei Fans - aber auch hochgefährlich (imago images / Zink)
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Debatte um Pyrotechnik Kalte Pyro vor dem Aus?

Anfang Dezember in der dänischen Superliga: Bei Bröndby IF brennt die Fankurve lichterloh in blau und gelb, den Vereinsfarben des Erstligisten. Mit Hilfe legaler Bengalos kreieren die Fans eine Choreografie, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgt.

Da der Klub immer wieder hohe Strafen für das Abbrennen von Pyrotechnik kassierte, hat er in den letzten Jahren die so genannte "kalte Pyro" entwickelt. Die neuen Fackeln seien laut Bröndby um über 1.000 Grad kälter als herkömmliche Bengalos.

Dafür hat sich der Verein mit Pyrotechniker Tommy Cordsen zusammengetan: "Ich muss sagen, es funktionierte sogar besser, als ich dachte. Ich bin sehr zufrieden und die Fans in Bröndby haben einen tollen Job gemacht. Es ist eine große Ehre für mich, etwas zu erfinden, das den Leuten gefällt, und dass sie vielleicht auch nutzen werden!"

Die Bröndby Fans sehen diese Erfindung eher als Ergänzung und nicht als wirklichen Ersatz für die bisher genutzten Bengalos. Der Verein will aber mit ihnen zusammen neue Wege gehen.

"Kalte" Pyro noch immer ganz schön heiß

In Deutschland hat kürzlich Werder Bremen die kalte Pyro getestet. Dort kam man aber zum Ergebnis, dass selbst diese immer noch zu gefährlich sei. Denn auch kalte Pyro entwickele immer noch Hitzegrade zwischen 300 bis 500 Grad Celsius, so ihr Präsident Hubertus Hess-Grunewald:

"Wir haben eben jetzt die Erfahrung machen müssen, dass die kalte Pyrotechnik in der gegenwärtigen Situation nicht in den Stadien eingesetzt werden kann, weil sie in der Tat zu gefährlich ist. Man kann sagen, dass das Potenzial, was in dieser ganzen Frage liegt, um eine Lösung zu finden, noch nicht ausgeschöpft ist."

Doch selbst wenn Werder Bremen die kalte Pyro für den Einsatz im Stadion für gut befunden hätte, die für den Sport zuständigen Innenminister der Bundesländer hatten diese von vornerein abgelehnt. Eine Legalisierung hierzulande stand unter den jetzigen Voraussetzungen also nie zur Diskussion. Im Gegenteil: Um Pyro ganz aus den Stadien zu verdrängen, stellen die Innenminister härtere Strafen für das Abbrennen in Aussicht. In einem kürzlich gefassten Beschluss heißt es:

"Die Innenministerkonferenz ist der Auffassung, dass Änderungen und Ergänzungen bei den §§ 40 und 41 des Sprengstoffgesetzes geeignet sind, (…) der tatsächlichen Gefährlichkeit des Umgangs mit Pyrotechnik Ausdruck zu verleihen." (Zitat Innenministerkonferenz vom Dezember 2019)

Bundesliga, Hertha BSC - Werder Bremen, 3. Spieltag am 10.09.2017 im Olympiastadion in Berlin. Werder-Fans haben Pyrotechnik gezündet.   (dpa-Bildfunk / Soeren Stache) (dpa-Bildfunk / Soeren Stache)Kalte Pyro vor dem Aus?
Die Erfindung eines dänischen Fußballfans und Pyrotechnikers hatte der festgefahrenen Debatte um Pyrotechnik in deutschen Fußballstadien neuen Schwung gegeben. Doch jetzt folgt Ernüchterung.

Es ist beispielsweise angedacht, allein schon das Mitführen von pyrotechnischen Gegenständen zu öffentlichen Veranstaltungen als Ordnungswidrigkeit zu werten. Auch die Bußgelder für das Abbrennen sollen erhöht und vereinheitlich werden. Der DFB verweist in dieser Diskussion auf die gültige Rechtslage, die Pyrotechnik im Stadion verbiete.

Auch kontrolliertes Abbrennen wird abgelehnt

Die Vereine weisen darauf hin, dass dieses Verbot in der Praxis kaum durchzusetzen sei. So wehrt sich aktuell Carl Zeiss Jena vor einem ordentlichen Gericht gegen die vom DFB verhängten Strafzahlungen wegen Abbrennen von Pyro. Wie groß der Spagat bei dem Thema für die Vereine ist, sieht man zum Beispiel beim Hamburger Sportverein. Klub-Chef Bernd Hoffmann sprach Pyros auf der Jahreshauptversammlung Anfang Januar an:

"Wir auch hier beim HSV verstehen uns bei der Pyro-Diskussion nicht als Anwalt dieser 20 durchgeknallten Straftäter, denen Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen egal ist, wenn sie unkontrolliert Pyro zündeln. Aber wir wollen eben auch keine total durchgeplante und durchzertifizierte Liga, in der sich alle in vorauseilender Weise sozial erwünscht verhalten. Wir wissen genau, dass die Stimmung und die Atmosphäre im Stadion das Rückgrat des Geschäftsmodells Profi-Fußball ist!"

Der HSV will jetzt einen neuen Weg einschlagen. Der Verein plant wohl Anfang Februar eine Pyro-Show, und versucht dafür gerade die entsprechenden Genehmigungen einzuholen. Auf Deutschlandfunk-Anfrage will sich der Verein dazu nicht äußern. Allerdings hatten verschiedene Medien darüber berichtet, dass dieses kontrollierte Abrennen von Pyro in Eigenregie von der Deutschen Fußball Liga und vom Deutschen Fußball-Bund abgelehnt wird.

Verbote nützen nichts

Verbote hätten jedenfalls nicht dazu geführt, dass man auf Pyrotechnik verzichte, machte der Leiter der HSV-Fanbetreuung vor kurzem im Podcast des Hamburger Abendblatts deutlich. Darauf weisen auch immer wieder Fanvertreter hin, wie Helen Breit. Sie engagiert sich im Fan-Bündnis "Unsere Kurve":

"Auch die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass mit restriktiven Maßnahmen überhaupt nicht verhindert wird, dass Pyrotechnik in den Stadien in Deutschland gezündet wird. Wir halten es für sehr viel gewinnbringender für alle Beteiligten, sich gemeinsam hinzusetzen, und zu überlegen, wie Pyrotechnik kontrolliert abgebrannt werden kann. Und wie Fans auch die Möglichkeit zugestanden wird, Pyrotechnik legal als Ausdruck von Fankultur zu verwenden."

Das Abrennen von Bengalos & Co. ist im vergangenen Jahrzehnt übrigens stark zurückgegangen. In der vergangenen Saison zählte die Polizei 664 Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz. In der Saison 2010/2011 waren es fast noch 1.500 Fälle.

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