Dienstag, 05. Juli 2022

Rahul Raina: „Bekenntnisse eines Betrügers“
Der Beste der Nation

Prüfungsbetrug als Erwerbsmodell: In Indien führt das ganz nach oben – und in große Schwierigkeiten. „Bekenntnisse eines Betrügers“, das Romandebüt von Rahul Raina, kleidet Gesellschaftssatire in ein rasantes Bollywood-Gewand.

Von Julia Schröder | 18.05.2022

Rahul Raina: "Bekenntnisse eines Betrügers"
Rahul Raina: "Bekenntnisse eines Betrügers" (Portraitfoto: David Fischer / Cover: Kein & Aber Verlag)
Der indische Subkontinent hat vor bald sechzig Jahren Vikas Swarup hervorgebracht, den Verfasser eines abenteuerlichen Aufstiegsromans, dessen Verfilmung „Slumdog Millionaire“ acht Oscars kassiert hat. Dass nun im Debütroman des halb so alten Rahul Raina das Stichwort „Slumdog Millionaire“ fällt, ist kein Zufall. Wie Swarup erzählt auch sein Landsmann Raina in den „Bekenntnissen eines Betrügers“ von einem jungen Mann, der von ganz unten kommt, über erstaunliches Wissen verfügt und es in der Welt der Fernsehquizshows nach ziemlich weit oben schafft, jedenfalls vorübergehend. Aber Raina will seine Referenz deutlich toppen. Seine Geschichte setzt auf noch schärfere Wendungen, der Stil seiner Satire ist weniger vom Schelmenroman inspiriert als vom Hard-Boiled-Genre, und seine Gesellschaftskritik kommt besonders abgebrüht daher.
„Mein Indien riecht nach Scheiße. Es riecht wie etwas Ekliges, Verdorbenes, aus all den Träumen, die geronnen und verklumpt sind wie ranziger Paneer. Es riecht, als hätten sich die Bewohner mit Cannabis, Alkohol und Weihrauch betäubt und würden nur existieren, um Mais, Reis und Weizen in Babys und Scheiße zu verwandeln. Man trinkt, man spielt, man schaut Kricket und verwettet Geld, das man nicht hat, man lyncht Muslime, man schlägt seine Kinder.“
Der Ich-Erzähler, ein Mittzwanziger namens Ramesh, ist bereits mit einigen Wassern aus den Rinnsteinen von Delhi gewaschen, als er die große Chance nutzt, die sich ihm bietet. Aufgewachsen als mutterloser Sohn eines gewalttätigen Teeverkäufers, von einer warmherzigen französischen Nonne mit Schulbildung versehen, hat er sich auf Prüfungsbetrug verlegt. Glaubt man den „Bekenntnissen eines Betrügers“, ist das ein verbreitetes Geschäftsmodell, bei dem arme, aber intelligente Spezialisten für schnelles Lernen an Stelle weniger begabter und weniger fleißiger Söhne reicher Eltern die zentralen Schulabschlussprüfungen absolvieren, die „All Indias“.

Plötzlich Manager eines Fernsehstars

Ramesh tritt an für Rudrash, genannt Rudi, und beschert dem faulen Achtzehnjährigen einen Abschluss als Bester der Nation. Für Rudi, eigentlich ebenso schüchtern wie dicklich, ist dies der Startschuss zu einer atemraubenden Karriere als Quizshowmoderator und Werbe-Ikone, und Ramesh wird sein Manager. Für ein paar Monate führen die beiden ein tolles, allzu tolles Leben. Aber dann macht Rudi einen Fehler. In der Folge werden die zwei entführt, eine irre Serie diverser Kidnappings beginnt, bei denen sie zunächst Opfer, dann Täter und im Grunde immer beides sind. Fiese Chefs, fiese Millionäre, fiese Totschläger und fiese Politiker haben ihre Auftritte, auch zwei attraktive Frauen spielen wichtige Rollen. Die Handlung ist etwa so nachvollziehbar und logisch wie die einer durchschnittlichen Bollywood-Komödie, der Roman endet aber nicht mit Tanz, Gesang und leidenschaftlicher Kussszene, sondern damit, dass der zum Sündenbock für alles gemachte Ich-Erzähler Ramesh nach der Entlassung aus dem Gefängnis nach Texas auswandert.

Was schief läuft in Ost und West

Rahul Raina nutzt jede Gelegenheit, die Verhältnisse in seinem Heimatland zu geißeln, das sich selbst als größte Demokratie der Erde rühmt. Korruption und Staatsversagen führt er geradezu lustvoll vor, die Ungerechtigkeit und die Gewalt, die hysterische Bereitschaft der Massen, sich von Fake News zum Aufruhr anstacheln zu lassen. Aber der Autor, der in Delhi und Oxford lebt, blickt ebenso kritisch auf den Westen, für den seine Landsleute inbrünstige Hassliebe empfinden. So auch sein Held Ramesh, der sich sämtliche US-amerikanischen Sitcoms der Neunziger reingezogen hat, um westliche Witze und Anspielungen zu verstehen:
„Ist es das Einzige, was den Westen noch zusammenhält? Wenn die letzten Erinnerungen an ,Friends‘ verblasst sind, werden sie dann übereinander herfallen und endlich den Bürgerkrieg austragen, nach dem sie schon lange gieren?“
Der zynische Scharfblick des jungen Ich-Erzählers, unter dessen abgebrühter Schale ein weiches Herz pocht, ist so ziemlich das Überzeugendste an Rahul Rainas Debüt. Gerade in den etwas selbstgefällig servierten Erzählerkommentaren zur Gesamtsituation in Ost und West rennt der Autor jedoch viele offene Türen ein, jedenfalls bei denen in der Leserschaft, die gelegentlich den Politikteil einer Tageszeitung aufschlagen. Das sattsam Bekannte in wortreichen Variationen zu wiederholen, tut der satirischen Absicht aufs Ganze gesehen nicht gut. All die Aus- und Einbrüche, die sinistren Drohungen unter Kleinkriminellen und die Machosprüche von Möchtegerns, die sentimentalen Erinnerungen und die vom Dauerstau in Delhi ausgebremsten Verfolgungsjagden – das könnte häufig trockener, lässiger, überraschender daherkommen. Dennoch, an vielen Stellen machen die „Bekenntnisse eines Betrügers“ viel Spaß, und Blödsinn ist vielleicht kein allzu subtiles, aber immerhin zulässiges Mittel, um vor Augen zu führen, was alles faul ist in der Republic of India.
Rahul Raina: „Bekenntnisse eines Betrügers“
Aus dem Englischen von Alexander Wagner
Kein & Aber Verlag, Zürich / Berlin.
400 Seiten, 25 Euro.