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Rauchende Colts und richtige Cowboys

Wyatt Earp, Doc Holliday, Johnny Ringo - diese Namen halten den Wilden Westen am Leben. Und auch eine kleine Stadt Tombstone, was übersetzt Grabstein heißt, profitiert noch heute von den berühmten Revolverhelden. In dem kleinen Ort im Süden Arizonas fand vor 127 Jahren eine wilde Schießerei statt. Regisseure aus aller Welt haben diesen Schusswechsel in über 200 Filmen verewigt. Und auch in Tombstone wird das Spektakel täglich wieder aufgeführt.

Von Corina Niebuhr | 26.10.2008

Bis heute ist nicht ganz klar, wer damals wen umgelegt hat. Es waren einfach zu viele Personen verwickelt. Wyatt Earp, der gerne Sheriff geworden wäre. Seine Brüder Virgil und Morgan. Der schwindsüchtige Spieler und Revolverheld Doc Holliday auf der einen Seite. Ike und Billy Clanton, Frank und Tom McLaury, die sie die Cowboys nennen, auf der anderen.

Frank zieht als erster. Doc Holliday hat ihn provoziert. Der Schusswechsel dauert nicht länger als eine halbe Minute. Am Ende liegen zwei der Cowboys tot am Boden. Ein Dritter stirbt wenig später. Ike Clanton, unbewaffnet, ist weggerannt. Doc Holliday Streifschuss. Virgil Beinschuss. Morgan Schulterdurchschuss. Wyatt Earp ist unverletzt.

Die Shows im O.K. Corral sind gut besucht. Der Originalschauplatz der berühmten Wyatt-Earp-Schießerei ist rausgeputzt und erinnert nur noch wenig an einen Pferdestall: Ein eingezäuntes Grundstück mit hohen, weißen Mauern. Bunt bemalte Holzkulissen. Jedes Jahr kommen eine halbe Million Touristen.

Tombstone wird mit dem Slogan "The town too tough to die" beworben. Für viele ist der kleine Ort ein Muss auf der Reise durch den Südwesten der USA. Hier ist der knallharte Bursche Wyatt Earp tatsächlich in Boots und wehendem Mantel die Straße runter gelaufen. So wie in den Kinofilmen. In denen hatte Wyatt schon viele Gesichter: Henry Fonda, Kurt Russell, Kevin Costner.

Blutige und verruchte Geschichten gibt es in Tombstone viele. Sie ziehen nicht nur Touristen an. Wer in der kleinen Westernstadt lebt, hat es so gewollt. Kaum einer der rund 1500 Einwohner ist hier geboren. Jeder erzählt heute seine eigene Version vom Wilden Westen. Nur die wenigsten dieser Geschichten sind authentisch.

"Dies war so ein rauer und gewalttätiger Ort. Zu einer Zeit gab es über 300 Bars - und zwei Kirchen."

"Tombstone war Ende 1880 so wild, dass sie das Militär rufen wollten, glaube ich. Die Armee sollte die Gewalt und andere Dinge stoppen. Aber es ist nicht passiert."

" Um 1884 stieg die Einwohnerzahl rasant auf 18.500. Damals gab es auch 3400 lizenzierte Prostituierte in Tombstone. Es war eine der wildesten Städte zwischen Basin Street und Barbarycoast. "

Tatsächlich lebten nie mehr als 5380 Einwohner in Tombstone, vielleicht 150 Prostituierte. Ben Traywick weiß das genau. Der 81-Jährige hat schlohweißes Haar und puzzelt seit 40 Jahren die wahren Geschichten zusammen. In seinem Buchladen "Red Marie's" in der Fifth Street stehen drei Duzend selbst geschriebene Bücher. Die hohen Wände sind mit gerahmten Filmplakaten, Bildern und Fotos zugepflastert.

"Die Leute erzählen Lügen über Tombstone - es ist unglaublich. Wie mit Doc Holliday. Sie sagen, er habe 36 Leute umgebracht. Es waren zwei. Er hat Leute umgelegt an Orten, wo er niemals gewesen ist. Leute, die er niemals getroffen hat. Leute, die von anderen erschossen wurden. Und solche, die überhaupt nicht umgebracht wurden."

In Filmen sei die O.K.-Corral-Schießerei noch nie richtig dargestellt worden, sagt Ben Traywick. Auch nicht im Film "Tombstone" von George Cosmatos aus dem Jahr 1993.

"Val Kilmer wusste als Darsteller so viel über Doc Holliday wie meine Katze. George kam zu mir und sagte, der Film sei historisch korrekt. Und ich: Nein das stimmt nicht. Und er: Aber ich habe doch so viel Geld für Berater ausgegeben! Und ich: George, sie haben dich reingelegt!"

Die Wyatt-Earp-Filme haben Tombstone gerettet. Ohne die Earps und die Clantons, ohne die Schüsse vor dem O.K. Corral wäre der Ort sicher zur Geisterstadt geworden, wie viele der Minenstädte im Südwesten, in denen heute der Wüstensand durch die zerfallenen Häuser fegt.

Fast alle Einwohner in Tombstone leben vom Tourismus: Sie organisieren Shows, betreiben Hotels oder fahren Kutschen. Vor den Gaststätten und Bars reihen sich Harleys und Pickup-Trucks wie früher die Pferde. Entlang der breiten Straßen verteilen sich einstöckige, klimatisierte Häuser. Viele sind noch aus Holz.

Herz des historischen Tombstone ist die für Autos gesperrte Allen Street. Eine dicke Schicht Wüstensand versteckt den Asphalt. Der wirbelt auf, wenn die alte Postkutsche mit Touristen vorbeirollt. Die Zügel hält ein Mann im Cowboydress. Er erklärt das alte Tombstone per Headset.

Rechts und links der Allen Street stehen Holzhäuser im Saloonstyle. Ihre Fassaden sind in kräftigen Farben gestrichen. Ein Geschäft reiht sich an das nächste: Boutiquen mit Fransenjacken, Läden mit Whiskeyflaschen, Indianerschmuck.

Aus dem Hutladen Russel's Roadrunner schallt Musik. Verkäufer Frank Grappo singt für seine Kunden Karaoke. Mehrere Hundert Cowboyhüte hängen an den Wänden zum Verkauf.

Ein Hauch von Las Vegas liegt in der Luft. Buffalo Bill nervt das gewaltig. Der frühere Wild-West-Stuntman heißt im wahren Leben Michael Runden. Gut 30 Jahre lang lief der heute 58-Jährige als Buffalo Bill verkleidet über Tombstons Straßen. Das brachte ihm anfangs Spott ein.

"Als ich hier ankam, war ich der erste, der mit Fransenjacke, dicken Boots und großem Cowboyhut rumlief. Und ich erinnere mich, dass die Einwohner abends in den Kneipen Münzen nach mir warfen. Ich musste mir anhören: Wo kommst du denn her, Cowboy? Was glaubst du, wer du eigentlich bist?"

Dann wohnte Buffalo Bill lange auf dem historischen O.K.-Corral-Gelände, spielte auch bei den Shows mit. Davon hat er heute genug. Tombstone verkomme immer mehr zu einer kitschigen Kulisse.

Die Besucher amüsieren sich trotzdem. Auf er Allen Street ruft Texas Kate ihre Western-Show aus. Sie reitet in Cowboykluft, stehend, auf dem Rücken ihre Pferdes. Früher war Kate die weltbeste Trickreiterin. Heute tritt sie mit misshandelten und ausgesetzten Pferden und Hunden in Tombstone auf.

Texas Kate reitet auch am "Bird Cage Theater" vorbei. 1880 war dieser Ort die "verruchteste Spelunke in ganz USA". Selbst die "New York Times" schrieb damals über die sündigen Nächte im Bird Cage Theater. Dort bedienten leicht bekleidete Saloondamen Cowboys und Minenarbeiter in kleinen Logen hinter roten Samtvorhängen. Im Erdgeschoss lief derweil eine Bühnenshow.

Gina Traywick hat in Shows schon Prostituierte gespielt. Natürlich in schönen, aufreizenden Kleidern. Mit der Realität habe dies nur wenig zu tun.

"So viele Frauen haben in billigen Bordellen oder kleinen Verschlägen gehaust, wo gerade einmal ein Bett und ein Waschtisch reinpassten. Und sie mussten da leben und arbeiten. Diese Prostituierten hatten 50 bis 60 Kunden pro Nacht."
Heute ist der Geruch von Whiskey, Zigarren und Revolverschüssen im Bird Cage Theater verflogen. Das Haus ist längst ein Museum. Hinter Absperrbändern verstauben die alten Pokertische und Theaterstühle. Von den wilden Schießereien zeugen noch 140 Löcher in Wänden und Decke.

Die Verlierer landeten auf dem Boothill, dem "Stiefelhügel”, am Stadtrand. Auch die toten Cowboys der O.K.-Corral-Schießerei ruhen hier unter dicken Steinen.

Teresa Benjamin führt täglich Besucher über den alten, kargen Friedhof. Die 49-Jährige kam vor neun Jahren nach Tombstone. Eigentlich wollte sie nur im "Big Nose Kate Saloon" heiraten. Der Ort hat sie aber fasziniert. Sie blieb. Teresa mag auch die Einwohner. Viele liebten das Wild-West-Gefühl.

"Man sieht hier im Ort Leute mit Pistolen im Hüftgurt, mit Messern. Das macht hier gar nichts. Das einzige ist, keiner weiß, ob sie geladen sind, Platzpatronen haben oder einfach nur leer sind. Ich glaube, das hält auch die Kriminalität ein wenig unten."

Draußen bewegt sich die Menge wieder die Allen Street runter. Die nächste Wyatt-Earp-Show beginnt in ein paar Minuten. Eine halbe Stunde später sind sie wieder zu hören: die Schüsse vor dem O.K. Corral.