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StartseiteDie neue PlatteJaime Reis' Klangkosmos21.03.2021

Raum-Klang-BewegungenJaime Reis' Klangkosmos

Die Musik von Jaime Reis zeugt von einem ausgeprägten Interesse an den Naturwissenschaften. Der portugiesische Komponist beschäftigt sich insbesondere mit der Verräumlichung von Klängen. Sine erste CD-Veröffentlichung beim Label NEOS mit Kammermusik macht ihn jetzt in Deutschland bekannt.

Am Mikrofon: Yvonne Petitpierre

Ein Mann in dunkler Kleidung, mit schwarzem Haar und Bart steht unter einem Baum mit gefalteten Händen. Im Hintergrund blauer Himmel. (Sofia Nunes)
Verbindet Naturwissenschaften und Sprituelles: Jaime Reis, Jahrgang 1983 (Sofia Nunes)

MUSIK 1: J. Reis - "Sangue Inverso: Magnetica (I)". Gian Ponte, Klavier

Jaime Reis erkundet Ausprägungen klanglicher Mehrstimmigkeit. Für diese Form der Klangerforschung oder Klanggestaltung nutzt er bevorzugt halbkugelförmige Räume. Dabei geht es ihm um eine möglichst realistische Abbildung von Raum-Klang-Bewegungen, die vom Hörer auch tatsächlich wahrgenommen werden können. In dem Zusammenhang begleitet die intensive Auseinandersetzung mit elektro-akustischen Phänomenen das kompositorische Schaffen des Portugiesen. Aus unterschiedlichen Perspektiven findet das auch Eingang in Reis' rein instrumental konzipierte Stücke. Eine Auswahl von Solo- und Kammermusikwerken für verschiedene Besetzungen aus den Jahren 2003 bis 2019 präsentiert eine CD, die kürzlich beim Label NEOS erschienen ist. Dabei handelt es sich ausschließlich um Weltersteinspielungen, die in den Klangkosmos des Komponisten einführen.

MUSIK 2: J. Reis - "Sangue Inverso: Magnetica (I)". Gian Ponte, Klavier

Eine Begegnung mit Musik von Jaime Reis erfordert  vorm Hörer Geduld, Neugier und keinerlei Erwartungshaltungen. Nicht zuletzt weil man das Gefühl hat, Klänge und ihre Geschichten suchen zu müssen. Eröffnet wird mit "Magnetica (I)" für Klavier, Teil einer vielschichtig konzipierten Komposition, die über einen Zeitraum von vier Jahren ab 2015 entstanden ist. Es handelt sich um das zweigeteilte Ensemblestück unter dem Titel "Sangue Inverso – Inverso Sangue" für sieben Musiker mit jeweils sieben Sätzen, die, wie in der vorliegenden Aufnahme auch jeweils für sich alleine aufgeführt werden können.

Komplexität ist das Normale

Der erste Satz von "Sangue Inverso" sollte aber auch zusammen mit dem ersten Satz von "Inverso Sangue" erklingen können. Dieses Prinzip setzt sich entsprechend für jeden weiteren Satz fort. Die Konzeption des Stückes basiert auf der Idee eines wechselseitigen Zusammentreffens und der Gleichzeitigkeit einzelner Momente, die dann trotz unterschiedlicher Tempi zu einzelnen Überlagerungen beitragen können.

Dahinter verbirgt sich die Idee einer sehr komplexen Konstruktion, welche Beziehungen zwischen dem Einzelnen und Gemeinsamen auszuloten versucht. Jaime Reis interessiert nach eigenen Aussagen die Beständigkeit und die individuelle Rolle des Einzelnen - und das unabhängig von seiner Einbindung in einen größeren Zusammenhang. Ein Phänomen, das Reis konkret in eine Art philosophischen Kontext stellt: "Im Reich des Möglichen das Heraufdämmern neuer Sterne und das Reich wird erhabener - das Mögliche wird erweitert, die Dämmerungwird zarter, die Sterne lebendiger ...".

MUSIK 3: J. Reis - "Inverso Sangue: Ambar". Benjamin Maneyrol, Klarinette

Neben strukturellen Merkmalen verweist die klanglich sehr facettenreiche Komposition auch auf den Begriff der Zeit, mit der die Interpreten umgehen müssen. Unterschiede können sich dabei auf die Tondauer beziehen, auf Modulationen von und innerhalb der Tempi oder rhythmische Kontraktionen und Ausdehnungen.

Interpretiert werden die einzelnen Ensemblestücke von Mitgliedern des 2012 in Brüssel gegründetem Newcomers Ensemble Fractales, das seinen Schwerpunkt auf zeitgenössische Kammermusik legt und dabei grundsätzlich ohne Dirigenten arbeitet. Eine wichtige Rolle spielt das Ensemble zudem in der zeitgenössischen Avantgarde-Szene. Zu erleben ist die Formation u.a. auf zahlreichen europäischen namenhaften Festivals für Neue Musik.

Vielheit der Wahrnehmungen

Die einzelnen Sätze von "Sangue Inverso" sind in Anspielung auf bestimmte Strukturen wie Granit, Bernstein, Amethyst oder Obsidian betitelt. Jeder Satz trägt den Namen eines symbolischen Elements, das durch eine Koppelung verschiedener Wahrnehmungsebenen vielfältige Bezüge hervorrufen kann. Dabei geht es um Farben und Empfindungen, Werte und Vibrationen, Ideen und Ideale - so Reis. Der Satz "Cinábrio III" für Violine, Viola und Cello spielt auf die Farbe Zinnoberrot an und Reis assoziiert hier "Körper und Geist, Herz und Vernunft, kaum anders geartet und gewiss keine Gegner, da umschlungen im Tanz der Freude".

MUSIK 4: J. Reis: Inverso Sangue: Cinábrio (III). Ensemble Fractales

Die Komplexität der einzelnen musikalischen Zellen und die Beziehungen zwischen den für die Komposition miteinander verwobenen Zellen sind für Reis ausschlaggebend. Sie bilden "das Fundament für eine symbolische, semantische und in der Tat signifikante Konstruktion". Der Hörer muss sich auf diese Klänge über einen längeren Zeitraum einlassen, um zu spüren, dass Reis  zu neuen Klangabenteuern einlädt. Lediglich auf die ersten drei Sätze von "Inverso Sangue - Sangue Inverso" konzentriert sich die vorliegende Aufnahme.

MUSIK 5: J. Reis: Sangue Inverso III – Inverso Sangue III. Ens. Fractales

1983 wird Jaime Reis in Portugal geboren. Komposition und elektroakustische Musik studiert er bei Joao Pedro Oliviera, Emmanuel Nunes und Karlheinz Stockhausen. Seine Ausbildung setzt er in Lissabon fort mit einem Masterstudium im Fachbereich Musikethnologie. An der dortigen Hochschule für Musik hat er inzwischen selbst eine Professur für Komposition und Elektroakustik. Seine kompositorischen Arbeiten, die international aufgeführt werden, nehmen naturwissenschaftliche Forschung in den Blick und zeugen auch von einer ausgeprägten Affinität zu musikalischen wie spirituellen Traditionen Asiens. Reis ist künstlerischer Direktor der beiden portugiesischen Festivals für zeitgenössische Musik DME und Lisboa Incomum.

Naturwissenschaft, Poesie, Spiritualität

Inspiriert vom Prozess der Proteinsynthese, d.h. dem chemischen Vorgang der Bildung neuer Proteine in menschlichen Körperzellen nach einem festen genetisch vorgegebenen Plan, ist die 2003 entstandene Komposition "Lysozyme Synthesis" für Klavier. Konkret geht es um ein sich Ergänzen verschiedener Dinge oder Aspekte, die  ein konstantes Konstruktionsmoment des Stückes bilden. Diese Komplementarität betrifft einzelne Parameter wie Rhythmus, Dynamik, Klangfarbe und Tonhöhe in unterschiedlicher Form. Reis gehorcht hier sehr stringent kompositorischen Prinzipien, die dem Verlauf des Werkes erst eine Struktur verleihen, vor allem aber in der Partitur erkennbar werden.

Ohne Einblicke in das fragmentarisch informativ gestaltete Booklet des Komponisten mag sich nicht jedem die kompositorische Absicht unmittelbar erschließen. Verbindliches sucht man vergebens und auch diesem Stück stellt Jaime Reis trotz naturwissenschaftlichem Überbau poetisch anmutende Satzfragmente voraus, die Ideen und Gedanken andeuten, etwa: "Lass doch die Musik erblühen und das Unerwartete umkränzt von Sternen auf dein Begehren treffen ...".

MUSIK 6: J. Reis - "Lysozyme Synthesis". Anna Telles, Klavier

Alles fließt dynamisch

Auf dem Phänomen von Strömungsmechanismen, also dem physikalischen Verhalten von Flüssigkeiten, basiert der Zyklus "Fluxus, Fortex –Schubkraft", der in zwei Fassungen existiert. Die erste Fassung ist konzipiert für Gitarrenquartett und Elektronik in einem kuppelförmigen Raum-System. Realisiert wurde diese in den Jahren 2018/19 in Zusammenarbeit mit dem ZKM, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, wo man auf ein interaktives Ausloten digitaler Klangwelten spezialisiert ist.

Die vorliegende Aufnahme präsentiert eine rein akustische Fassung für Gitarrenquartett. Raum bietet Reis kein bloßes Konzept, sondern eine erlebte Realität, innerhalb derer Kräfte und Flüsse in einer kreativen Dynamik zusammenspielen, die er zu vermitteln sucht. Das charakteristische Merkmal der rein akustischen Version ist, dass die wahrgenommenen Gitarrenklänge scheinbar doch einer elektronischen Klangquelle entspringen könnten. Jaime Reis geht es durch die Verschmelzung zwischen dem akustischen und elektronischen Universum nicht nur um einen akustischen Kunstgriff. Er betont, dass es sich hierbei um eine zielgerichtete Erforschung eines bislang kaum ergründeten Potentials nicht nur akustischer Instrumente, sondern einer Komposition per se handelt.

Gewidmet ist die Komposition dem Aleph Gitarrenquartett. Eine Formation, die sich seit ihrer Gründung 1994 vor allem zeitgenössischer Musik widmet und in diesem Kontext immer wieder eine enge Zusammenarbeit mit Akustikern und Toningenieuren eingeht. Wer sich auf die Suche unter scheinbar oberflächlichen Klängen einlassen will, dem sei diese CD ans Herz gelegt. Für das Eintauchen in die kompositorischen Prozesse vor chemischen oder physikalischen Hintergründen, die das Komponieren von Jaime Reis begleiten, dem sei aber auch der Blick in entsprechend naturwissenschaftliche Begleitlektüre empfohlen.

MUSIK 7: J.  Reis: "Fluxus, Vortex – Schubkraft". Aleph Gitarrenquartett

Jaime Reis
Solo and Chamber Works
Ana Telles, Piano
Ensemble Fractales
Aleph Gitarrenquartett
NEOS CD 12022, LC 15673
EAN: 4260063120220

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