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Reform der Burschenschaften

Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit: Immer mehr Burschenschaften distanzieren sich mittlerweile von ihrem Dachverband, der Deutschen Burschenschaft. In Bonn haben sich nun 42 Studentenverbindungen getroffen, um über die Neuorganisation der Burschenschaften zu diskutieren.

Von Manfred Götzke | 21.03.2013

Eine herrschaftliche Gründerzeitvilla in Bonn Poppelsdorf. Draußen vor der schweren Eichentür stehen schon die ersten Burschenschafter und rauchen. Müde sehen sie aus – der "Begrüßungsabend" war lang. Sie tragen Mützen und Burschenbänder in unterschiedlichen Farben. Aus Hochschulstädten in ganz Deutschland sind sie angereist – um über die Gründung eines neuen Dachverbandes zu debattieren.

"Das Ziel der heutigen Tagung ist, dass sich erstmal alle verbandsfreien Burschenschaften, die in den vergangenen Jahren aus der Deutschen Burschenschaft ausgetreten sind, überhaupt erstmal treffen. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass die Tagung ein voller Erfolg wird."

Peter Gelbach ist alter Herr der Bonner Burschenschaft Marchia. Sie hat gemeinsam mit zwei anderen Bünden zu der Tagung eingeladen, die die Burschenschafter hochtrabend "Deutschlandgespräche" nennen. Die 41 teilnehmenden Burschenschaften haben eines gemeinsam: Mit ihrem bisherigen Dachverband Deutsche Burschenschaft, kurz DB, wollen sie nichts mehr zu tun haben. Er sei ihnen zu weit nach rechts gerückt, sagen die Verbindungsstudenten Lars Peter Engel und Robin Jablonski. Jetzt bangen sie um das Ansehen der "Marke Burschenschaft".

"Gerade in den Jahren als rauskam, dass nur Deutschstämmige aufgenommen werden können und so weiter - da haben wir das massiv gemerkt. Da sind die Leute weggeblieben und da half es auch gar nichts, zu sagen: Wir sind nicht so, wir haben damit überhaupt nichts zu tun, unsere Bundesbrüder kommen von überallher. Das wird so nicht wahrgenommen."

"Hier geht es ganz konkret darum, sich hier neu zu orientieren – wohin läuft die Orientierung und kann man aus Fehlern, die im Dachverband gemacht wurden, lernen – oder nicht."

Was Robin Jablonski so ganz allgemein als Fehler bezeichnet – ist der Rechtsextremismus in der Deutschen Burschenschaft, der in letzter Zeit ganz offen zutage getreten ist. Über Sehnsüchte nach einem "Großdeutschen Reich" und krude völkische Thesen streiten rechte und liberale Burschenschafter zwar schon seit Jahrzehnten – allerdings hinter verschlossenen Türen. Jetzt aber ist der Machtkampf zwischen rechten und liberalen Studentenverbindungen offen eskaliert. Und das hat auch mit Kai Ming Au zu tun. Der 28-jährige Wirtschaftsstudent ist seit Jahren in einer Mannheimer Verbindung:

"Das Verbindungsleben gefällt mir einfach – die Geschichte der Burschenschaften – man lernt hier einfach viel."

Etwas müde sitzt er jetzt im Fernsehraum der Bonner Bundesbrüder – auch seine Nacht war kurz. Ginge es nach dem Willen einiger rechtsextremer Verbindungen, wäre er längst nicht mehr Burschenschafter. Der Sohn chinesischer Eltern, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, war ihnen nicht deutsch genug. Auf dem Burschentag 2011 sollte seine Verbindung per "Arierparagraf" aus dem Dachverband ausgeschlossen werden – weil sie einen asiatisch aussehenden Studenten aufgenommen hatte:

"Klar war ich damals verärgert, ich hab gedacht: In welchem Jahrhundert lebe ich eigentlich. Ich war fassungslos als ich diesen Antrag gelesen habe in den Tagungsunterlagen und konnte es wirklich nicht verstehen."
Unter massivem öffentlichem Druck wurde der rassistische Antrag dann zwar zurückgezogen. Ein paar Monate später aber gab es die nächste Auseinandersetzung.

Der Burschenschafter Norbert Weidner hatte den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als Landesverräter bezeichnet und dessen Verurteilung durch ein Nazigericht "gerechtfertigt". Damals war Weidner Chefredakteur der burschenschaftlichen Blätter – und damit auch für die politische Positionierung des Verbandes verantwortlich. Vor zwei Monaten verurteilte ihn das Landgericht Bonn wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu 40 Tagessätzen. Weidner selbst bezeichnet sich als freiheitlich-konservativ, der liberale Bursche Robin Jablonski sieht es anders.

"Der Weidner zum Beispiel, der Mann ist ganz klar Nationalsozialist, da brauchen wir nicht drum rum reden. Der Punkt ist klar: Deshalb treten so viele aus dem Verband aus. Das ist rufschädigend für jeden einzelnen von uns, für jeden Einzelbund."

Viele liberale Bünde hoffen jetzt, mit einem neuen Dachverband das Image der Burschenschaften wieder zu verbessern.

"Silentium, ich nehme mir mal heraus, den ersten Referenten vorzustellen, es ist der Bundesbruder Mennig."

Bevor die Studenten hinter verschlossenen Türen die Modalitäten einer neuen Organisation diskutieren, halten die Alten Herren Vorträge. Ihre Themen sind freilich auch eine Botschaft: Chemiewaffenabrüstung im Syrienkonflikt, Bürgerrechte im Netz – bloß keine Debatte über deutsches Volkstum oder die Oder-Neiße-Grenze. Der dunkle holzvertäfelte Festsaal ist inzwischen voll, an Bierbänken sitzen rund 150 Burschenschafter, die jüngsten gerade 20, die ältesten über 80.

Und dann geht es auch immer wieder um die "burschenschaftlichen Werte": Freiheit, Ehre, Vaterland – mit Nationalismus habe das nichts zu tun, beteuert Henning Roeder, alter Herr der Alemannia Stuttgart.

"Ich bin der Meinung, dass die Grundsätze und Ideale der Burschenschaften heute durchaus noch in der Gesellschaft Gültigkeit haben und haben müssen. Weile Ehre und Ehrenhaftigkeit, Kampf um die Freiheit in jeglicher Richtung durchaus auch, was wir Vaterland nennen. Das hat nichts mit völkischen Dingen zu tun, schon gar nicht mit irgendwelchen Grenzansprüchen zu tun, sondern mit Patriotismus, wenn Sie so wollen."

Eine Formel, auf die sich wohl alle hier anwesenden Burschen einigen können. Die 41 Verbindungen wollen sich jetzt regelmäßig treffen. Spätestens 2015 soll ihr Gegendachverband stehen. Pünktlich zum 200. Jubiläum der Burschenschaften.