Mittwoch, 10. August 2022

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Reformation in Serie
Luthers Thesen - neu gelesen (76)

Der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen, die Reformationsbotschafterin Margot Käßmann und die katholische Theologin Johanna Rahner kommentieren Martin Luthers 76. These.

02.10.2017

    These 76: "Die päpstlichen Ablässe können nicht einmal die kleinste der lässlichen Sünden tilgen, was die Schuld betrifft."
    Eckart von Hirschhausen, Arzt und Kabarettist: "Als Kabarettist achte ich natürlich auf die Verwendung von Worten über die Zeiten; und das Wort Sünde kommt ja heute praktisch nur noch in Zusammenhang mit Käse-Sahne-Torte vor. Also: 'Och, gestern habe ich gesündigt. Da habe ich wieder was gegessen, was Süßes und Fettiges.'"
    Margot Käßmann, Reformationsbotschafterin: "Der Papst kann keine Sünden tilgen. Das kann er nicht. Das ist nicht Aufgabe der Kirche; und das hat Gott der Kirche auch nicht zugestanden."
    Hirschhausen: "Auf eine kuriose Art und Weise ist ja Sünde theologisch gesprochen eine Trennung von Gott. Das heißt: Wenn wir heute im Ernährungsbereich sündigen, machen wir unseren eigenen Körper zum Tempel. Das heißt, wir verwechseln körperliche Ebene mit spiritueller, mit seelischer Ebene. Und so gesehen ist dieser Sünde-Begriff ein Beispiel dafür, dass wir nicht von weltlicher Macht das erwarten dürfen, was eine seelische, eine geistliche, eine spirituelle Dimension nur auflösen kann."
    Johanna Rahner, katholische Theologin: "Jede Kritik an einer missbräuchlichen kirchlichen Praxis muss irgendwann die Autoritätsfrage stellen. Hatte Luther zunächst den Ablass für Strafen, die von der Kirche auferlegt wurden, noch gelten lassen, gewinnt seine Kritik zunehmend an Schärfe. Auch der Papst muss sich nun fragen lassen, wofür seine Macht steht. Es ist eine Frage von gewaltiger Sprengkraft, die dann in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ihre volle Dynamik entfaltet. Die Lunte an die Institution ist bereits gelegt."
    Konzeption und Realisierung: Christiane Florin, Andreas Main, Christian Röther, Simonetta Dibbern