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Reportage: Seelischen Krankheiten vorbeugen

Das Leben ist schneller geworden, der Druck größer - auch der selbst gemachte Druck. Depressionen können auch aus dem Gefühl entstehen, den Schwierigkeiten des Alltags nicht mehr gewachsen zu sein.

Von Martin Winkelheide | 10.05.2011
    "Natürlich spielt das Berufliche eine extreme Rolle," sagt Horst Conen, Coach Berater und Buchautor aus Köln:

    "Das Gefühl, alles nicht mehr zu schaffen, der Stress, die Anforderungen, die Schwierigkeiten des Alltags, sowohl beruflich als auch privat, nicht mehr bewältigen zu können."

    Das Leben ist schneller geworden, der Druck größer – auch der selbst gemachte Druck. Es kommt darauf an, sagt Horst Conen, bewusste Entscheidungen zu treffen: Was ist wichtig? Was kann warten?

    "Muss ich diese E-Mail beantworten? Muss ich diese SMS beantworten? Hat es nicht auch Zeit bis nachher? Reicht es nicht auch, einmal am Tag die Mails zu lesen? Oder einmal morgens, einmal abends? Wenn wir uns nicht steuern, ganz bewusst so nicht steuern, dann werden wir von dieser Welle des 'Muss', und das muss und jenes muss, und hier muss ich, und das muss gut sein - werde ich davon mitgerissen."
    Wir dürfen uns nicht allein über die Arbeit definieren. Es sind die Menschen, die Dinge, die uns gut tun. Sie machen unsere Persönlichkeit stark, sagt Horst Conen. Und dafür muss jeder selbst sorgen:

    "Dieses Netz aus Familie, aus Hobbys, aus Freunden. Ich rate auch immer dazu, sich einen Spleen anzuschaffen, also irgendetwas, was ganz besonders ist, was nur mit mir zu tun hat, egal, was das ist. Auch wenn es Dinge sind, wo andere sagen: Was macht der denn da für verrückte Sachen? Ich bin nicht nur der leitende Angestellte hier. Ich bin auch der Freund meines Freundes oder der Ehemann oder der Vater. Oder ich bin auch der Sportler, ich bin auch der Musiker, was es auch sei. Unser seelisches Gleichgewicht kommt immer sehr leicht aus der Balance, wenn wir uns nur über eins definieren."
    Krisen im Leben wird es dennoch geben. Und nicht jeder wird sie einfach so wegstecken:

    "Es gibt diese Leute, die schienen so wie der Obelix in den Krug der Kraft in den Krug des Optimismus gefallen zu sein. Es gibt Menschen, die erleben große Niederlagen im Leben: Firma ist pleite gegangen, Frau ist weggelaufen, und in drei, vier Monaten sind die wieder da. Dann haben sie wieder eine neue Firma und auch wieder eine Partnerin oder einen neuen Partner. Das heißt, die bilden innerhalb von kurzer Zeit wieder Stärke und wieder Mut und gehen wieder von vorne los."
    Neu loslaufen. Das heißt: Neue Perspektiven zu entwickeln. Diese Fähigkeit lässt sich ein Stück weit auch erlernen und trainieren, sagt Horst Conen.
    Ein Weg: Besondere Momente im Tag planen – ein Kaffe an der Sonne in der Mittagspause, ein kurzer Pausenspaziergang, ein Besuch im Museum:
    "Ich brauche eine Instanz, ein Ritual, was ich täglich wiederhole. Die Welle des Alltags, die Welle der Ansprüche, des Belastungsberges, der in unserem Kopf, in unserem Geist niemals abzutragen ist, die erwischt uns dann nicht so."
    Der geplante Perspektivwechsel – als Lebensprinzip:

    "Dann habe ich eigentlich immer die Fäden in der Hand, dann kann ich auch immer wieder aus jedem Tag etwas mitnehmen, was ich vielleicht in den anderen Tag wieder verwandeln möchte. Die meisten, die ich erlebt habe, die haben es erlernt. Entweder möglicherweise selbst durch eine schwere Zeit im Leben, durch eine Krankheit, durch Kündigung und Arbeitslosigkeit und dann wieder hoch kommen, durch den Verlust eines geliebten Menschen und die Krise, die sich daraus entwickelt hat. Es gibt viele Auslöser, die am Ende mir eine neue Sicht auf mein Leben vermitteln können."