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Rollenspiele

Cindy Sherman hat sich in den fünfunddreißig Jahren ihrer Karriere in unzähligen Rollen inszeniert: als Märchenprinzessin, Moorleiche, als Madonna mit Kind und biedere Hausfrau. Das Museum of Modern Art in New York zeigt in einer neuen Ausstellung über 170 Werke der Fotokünstlerin.

Von Sacha Verna | 29.02.2012

    Cindy Sherman hat sich in den fünfunddreißig Jahren ihrer Karriere in unzähligen Rollen inszeniert: als Märchenprinzessin und Clown, als Moorleiche und Pin-up-Girl, als Madonna mit Kind und biedere Hausfrau.

    "Cindy Shermans Werk ist relevant, weil es mehr denn je die Auflösung von Identität in unserer Gesellschaft anspricht, die von Bildern gesättigt ist und von You-Tube Berühmtheit, und Reality- und Vorher-Nachher-Shows beherrscht wird. Es zeigt, wie stark Fotografie daran beteiligt ist."

    Das ist Eva Respini, die Kuratorin der monumentalen Retrospektive auf die 58-jährige Fotokünstlerin im Museum of Modern Art. Versammelt sind über 170 Werke, angefangen bei der Serie der "Untitled Film Stills”, jenen fiktiven Filmszenen in schwarz-weiß und Kleinformat, mit denen Sherman Ende der 1970er-Jahre erstmals Aufmerksamkeit erregte. Gezeigt werden einige von Shermans Auftragsarbeiten für Modezeitschriften wie Harper’s Bazaar, ihre "History Portraits" mit den nachgestellten Motiven Alter Meister sowie die "Society Portraits", in denen Sherman als Dame der Gesellschaft auftritt, als Botox-Opfer und Schmuck-Auslage, als grotesker Inbegriff von Geld, Gier und Geltungssucht. Eva Respini:

    "Cindys Werk ist von verschiedenen Lagern vereinnahmt worden. Die Feministinnen haben ihr Werk als Kritik an der Rolle der Frau in der Gesellschaft aufgefasst. Die Postmodernisten sahen darin eine Thematisierung von Repräsentation in einer mediengesättigten Welt. Heute kann man ihr Werk als Kommentar zu einer Klassengesellschaft verstehen, die vom Erreichen eines bestimmten sozialen Status’ besessen ist. Wunderbar ist, dass sie selber ihrem Werk keine dieser Bedeutungen zuschreibt."

    Die leichte Lesbarkeit macht einen Teil der Attraktivität von Cindy Shermans Werk aus. Das Spiel mit Stereotypen und Klischees ist so offensichtlich, dass die Arbeiten selbst medientheoretisch gänzlich Unbewanderte zum Wühlen in der Interpretationskiste animieren. Die Tatsache, dass Cindy Sherman fast ausnahmslos sich selber in sämtlichen Posen der Lächerlichkeit ablichtet, lässt sich als sympathische Selbstironie deuten und braucht kein klinischer Narzissmus zu sein.

    Hinzu kommt die glänzende Oberfläche. Egal, ob Cindy Sherman vergewaltigte Prothesen oder Erbrochenes fotografiert, stets stimmen die schrillen Farben, nie fehlt den Bildern das dekorative Element. Sherman hat eine Technik perfektioniert, die zur Kunstform erhoben wurde und deren Künstlichkeit auf die Metaebene verführt.

    Die Retrospektive beginnt und endet mit Cindy Shermans jüngstem Werk. Es handelt sich dabei um ein fotografisches Fresko mit einer überdimensionierten Sherman als Artistin, Vogelfrau und Tante Emma, deren Gesichtszüge jeweils leicht mit Photoshop verzerrt wurden. Damit sei Cindy Sherman aus dem Bilderrahmen ausgebrochen, sagt Eva Respini:

    "Das ist ein riesiger Schritt für Cindy. Sie ist eine Künstlerin, die immer wieder Risiken eingeht und sich mit der Kultur des Augenblicks beschäftigt. Sie überrascht uns ständig, wir werden also sehen, was als Nächstes kommt."

    Was als Nächstes kommt, ist nach dieser Retrospektive allerdings nicht allzu schwer zu erraten: Mehr Cindy Sherman, mehr digitales Make-up, größer.

    Museum of Modern Art: Cindy Sherman. Bis 11. Juni. Zur Ausstellung ist bei Schirmer/Mosel ein 264-seitiger Katalog auf Deutsch erschienen. Er kostet gebunden 60 Dollar, broschiert 40 Dollar.