Donnerstag, 26. Mai 2022

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Roma in Montenegro
"Deutschland wird hier überall als das Paradies angesehen"

Vor zehn Jahren entschied Montenegro sich für die Unabhängigkeit. Heute wird das Land Nato-Mitglied. Und es gilt als sogenanntes sicheres Herkunftsland. Doch was die Lage der Roma in Montenegro angeht, gibt es noch erheblichen Verbesserungsbedarf, etwa im einst als Provisorium eingerichteten Camp Konik.

Von Johanna Herzing | 19.05.2016

Roma-Frauen vor provisorischen Zelten im Flüchtlings-Camp Konik in Montenegros Hauptstadt Podgorica
2012 hatte ein Brand große Teile von Camp Konik zerstört, die Menschen mussten in Zelten unterkommen. Bis heute leben dort hauptsächlich Flüchtlinge aus dem Kosovo. (picture alliance / dpa/ Boris Pejovic)
"Wir hatten jetzt keinerlei Abgänge mehr in Richtung Deutschland seit den letzten paar Monaten."
Klaus Mock vom deutschen Verein "Help" steht inmitten einer großen Baustelle. Bis Juli 2017 sollen die neuen Appartementhäuser fertig sein. Das Ziel: Alle Bewohner des sogenannten Camp Konik sollen nach vielen Jahren in den beengten Wohn-Containern in feste Häuser umziehen können. Hatten sich in der Vergangenheit immer wieder Familien von hier aus nach Deutschland aufgemacht, so stellen sich die meisten inzwischen aufs Bleiben ein.
"Die Leute haben natürlich mittlerweile auch mitbekommen, dass es schwieriger wird. Erste Leute sind zurückgekommen. Die Message wird sowohl von der Regierung als auch von der deutschen Botschaft gesagt: Geht nicht, geht nicht! Ihr habt keine Chancen da zu bleiben."
Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Asyl zu erhalten, ist verschwindend gering. Auch wenn Hilfsorganisationen und die EU bemängeln, dass Roma in Montenegro noch immer systematisch diskriminiert werden. In ihre Heimat Kosovo können und wollen viele nicht zurück; denn dort haben sie selten eine Bleibe.
"Dobar dan, dobar dan!"
Hauptproblem ist die fehlende Arbeit
Auf dem Weg von der Baustelle zur Containersiedlung. Kinder springen um Klaus Mock herum, überall wird gegrüßt. Serbo-Kroatisch, aber auch Deutsch:
"Ja, hallo, ich heiße Naim Krasnici. Ich wohne hier auch."
Der stämmige, braun gebrannte Mann lächelt.
"Ja, ich war auch in Deutschland, zehn Jahre fast. Ja, die haben uns abgeschoben, wie jeden fast. Schade, was soll's! Was soll ich denn sagen: Ist schwer hier, weil jeder für sich. Ich habe diese Boxen bekommen, ich arbeite damit, ich lebe damit. Ich habe fünf Kinder, ich verdiene damit zwei-, drei-, vierhundert Euro pro Hochzeit."
Eine Musik-Band samt Ausrüstung – also eine Einnahmequelle, wie sie Naim Krasnici hat - ist in Konik allerdings eine Seltenheit.
"For me big big problem is no have job! This is big problem!"
Vllaznim, 34 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder.
"Viele sagen, die Gipsies wollen nicht in die Schule, aber das ist nicht das wirkliche Problem. Das Problem ist, dass wir keine Arbeit haben! Die Kinder hier suchen täglich im Müll nach Essen. Die Häuser hier, das sieht alles sehr gut aus! Aber wenn du kein Geld für Strom, Wasser und so weiter hast...!"
Mit seiner Familie lebt Vllaznim seit Kurzem in einem der bereits fertigen Appartementhäuser. Die 14 Euro Miete kann er gerade so bezahlen.
"Ich suche jeden Tag die Mülleimer nach Aluminium ab, um das Geld zusammenzubekommen. Aber ich weiß nicht, wie ich Strom und die anderen Sachen bezahlen soll. Das geht uns allen hier so."
Deutschland ist das Land ihrer Träume
Ganz anders, so die noch immer weit verbreitete Überzeugung, lebt es sich da in Deutschland.
"Wegen der sozialen Unterstützung, die man findet. Deutschland ist überall hier angesehen als das Paradies. Und dann ging mal das Gerücht, wer's bis zu einem bestimmten Datum schafft, darf bleiben und so fort..."
Tatsächlich, so Mock, habe die montenegrinische Politik die über Jahre hinweg unzumutbare Lage in Konik ignoriert. Seit die EU diese jedoch zum Thema in den Beitrittsverhandlungen gemacht habe, gebe es deutliche Fortschritte. Doch trotz der inzwischen vielen Hilfsangebote, Integrationsmaßnahmen und trotz der neuen, mit EU-Mitteln gebauten Häuser – vielen Bewohnern von Konik mangelt es in Montenegro noch immer an Perspektiven. Das Land ihrer Träume – für viele immer noch Deutschland.
"Ich hab keine Papiere für gehen in Deutschland, keine Papiere. Deutschland schön, ich lieben Deutschland! So viel ich lieben Deutschland!"