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Rückkehrer nach Somalia
Heimweh nach dem Flüchtlingslager im Jemen

Im Jemen leben einige hunderttausend Flüchtlinge aus Somalia. Doch der anhaltende Bürgerkrieg im Jemen zwingt viele von ihnen, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. So wie Ali Hassan Suufi und seine Familie. Was sie nach vielen Jahren vorfinden, ist weiterhin Elend, Hunger und Terror.

Von Bettina Rühl | 24.02.2018
    Ali Hassan Suufi am Strand von Mogadischu
    Ali Hassan Suufi am Strand von Mogadischu: "Ich frage mich, wie ich es schaffen kann, dass meine Kinder wieder in die Schule gehen können." (Deutschlandradio/ Bettina Rühl)
    "Jeden Morgen gilt mein erster Gedanke meinen Kindern und meiner Frau. Ich frage mich, wie ich es schaffen kann, dass meine Kinder wieder in die Schule gehen können."
    Ali Hassan Suufi sitzt in der kleinen Wellblechhütte, die er mit seiner Familie in der somalischen Hauptstadt Mogadischu bewohnt. Er ist offen und freundlich, trotz der Sorgen, die sich in sein Gesicht gefurcht haben. Es gibt nichts zu Essen für das Frühstück im Haus. Es fehlt an Geld, um die Kinder in die Schule zu schicken. In solchen Momenten hat Ali Heimweh nach dem Flüchtlingslager im Jemen, in dem er mit seiner Familie 20 Jahre lang gelebt hat.
    "Da war unser Leben gut, wir waren zufrieden. Wir hatten jeden Tag genug zu Essen, sogar Gemüse und Milch für die Kinder. Und für alles, was wir sonst noch brauchten. Von dem, was ich in meinem Restaurant verdient habe, konnte ich jeden Tag ungefähr 20 Dollar sparen. Wir haben so gut gelebt wie sonst nur in Zeiten des Friedens."
    Sein eigenes Restaurant aufgebaut
    Die Zeiten echten Friedens sind lange her: In seiner ersten Heimat Somalia begann 1991 der Bürgerkrieg. Drei Jahre später floh Ali Hassan Suufi mit seiner Frau in den Jemen. Dort wurden sie von den Vereinten Nationen als Flüchtlinge registriert und bekamen eine kleine Hütte in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Aden. Im Laufe der Jahre wurden ihre Kinder geboren und gingen, sobald sie alt genug waren, in die Schule. Die wurden in den Flüchtlingslagern von den Vereinten Nationen betrieben.
    "Das Leben im Jemen ist hart, vor allem wegen der Hitze. Aber ich bin gelernter Koch und habe dort mein eigenes Restaurant aufgebaut. Anfangs habe ich von den Lebensmittelrationen, die das Welternährungsprogramm verteilte, immer etwas abgezweigt und daraus etwas gekocht. Weil ich weiß, wie man schmackhaft zubereitet, kamen die Leute zu mir und kauften Snacks oder Gebäck, obwohl ich anfangs keine anderen Zutaten hatte als sie selbst. Sobald ich dadurch etwas Geld gespart hatte, kaufte ich andere Zutaten. Schließlich kamen sogar die Mitarbeiter des UNHCR in mein Restaurant."
    Das Geschäft lief immer besser. In Alis Gesicht spiegeln sich jetzt statt der Sorgen Freude und Tatkraft. Neben der Arbeit in seinem Restaurant im jemenitischen Flüchtlingslager war er für die anderen Menschen da: Mehr als 20.000 Bewohner des Camps wählten ihn zu ihrem Sprecher. Bei Problemen wandte sich Ali an die Vereinten Nationen und genoss es, helfen zu können.
    Luftangriffe und Cholera zwangen zur erneuten Flucht
    Aber im Januar 2015 entschloss er sich schweren Herzens zur erneuten Flucht: "Ich bin nicht nach Somalia zurückgekommen, weil ich mir hier ein besseres Leben erhofft habe, ich wusste ja, dass es hier häufig Terroranschläge gibt. Aber es ist immer noch besser als der Jemen, mit den ständigen Luftangriffen, der Cholera und anderen Krankheiten."
    Der Bürgerkrieg im Jemen ist gegenwärtig eine der schlimmsten menschengemachten Katastrophen. Laut der UNO wissen etwa 17 Millionen Menschen nicht, wo ihre nächste Mahlzeit herkommt, das ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Sieben Millionen sind unmittelbar von Hunger bedroht. Viele Ärzte sind geflohen, Gesundheitszentren stehen leer, die Menschen sterben auch an Krankheiten, die eigentlich leicht behandelbar sind. Drei Millionen Menschen sind in ihrem eigenen Land auf der Flucht. Zehntausend sind schon gestorben, seit 2011 der Bürgerkrieg im Jemen begann.
    Ali Hassan Suufi und seine Frau kehrten mit dem Schiff nach Mogadischu zurück. Dafür verbrauchten sie den größten Teil ihrer Ersparnisse.
    Sie: "Ich fühle mich hier wie ein Flüchtling und nicht, als wäre ich wieder zu Hause. Früher hatten wir hier ein Haus, aber das hat mein Mann vor vielen Jahren verkauft, um unsere Flucht in den Jemen bezahlen zu können. Damals wollten wir nur irgendwie überleben, es war ja Krieg. Niemand hat an die Zukunft gedacht. Jetzt fühle ich mich heimatlos."
    Drei Männer tragen das Opfer auf einer Bahre aus der zerstörten Halle, sie werden von einem Arzt begleitet. Andere Menschen schauen von der Seite zu. Der Boden ist mit Trümmern übersät.
    Jemeniten bergen ein Opfer des saudischen Luftangriffs in Sanaa am 8.10.2016 auf eine Trauerfeier in einer Halle. (AFP / MOHAMMED HUWAIS)
    "Nicht zu vergleichen mit dem Leben, das wir hatten"
    Ihr Mann geht jeden Vormittag aus dem Haus, um wenigstens einen Job für den Tag zu finden. Täglich macht er eine ähnliche Tour: Fragt bei Hotels und Restaurants, ob eine größere Veranstaltung ansteht und sie zusätzliche Hilfe brauchen. Er geht auch zum Fischmarkt in der Altstadt und hört sich unter den Köchen, die dort einkaufen um, ob irgendwo Hilfe gebraucht wird. Wenn er Glück hat, wird er gebucht. Manchmal bekommt zehn Dollar am Tag, mal 50 Dollar für einen ganzen Monat. Und dann wieder tagelang nichts.
    "Mit dem Leben, das wir im Jemen hatten, ist das überhaupt nicht zu vergleichen. Außerdem ist es in Mogadischu gefährlich, als Koch zu arbeiten. Schon zwei Mal wurden die Hotels, in denen ich gerade einen Job hatte, Ziel eines Bombenanschlags. Mit Glück habe ich beide Male überlebt."
    Mit Attentaten und Terroranschlägen kämpft die radikal-islamische Shabaab-Miliz ihren Krieg gegen die somalische Regierung und gegen alles, was sie für westlichen Einfluss hält. Hotels und Restaurants sind deshalb besonders häufig unter ihren Zielen, oft mit dutzenden oder gar hunderten Opfern.
    Sie: "Ich mache mir oft Sorgen um meinen Mann, wenn er irgendwo arbeitet. Andererseits habe ich die Kinder ständig um mich, die Hunger haben und immer nach Essen fragen. Mein Mann hat gar keine andere Wahl, als auf Gott zu vertrauen und nach Arbeit zu suchen."
    Er: "Ja, das Risiko ist hoch. Aber das ist der Beruf, den ich gelernt habe und in dem ich gut bin. Mein Ausbilder hat mich damals ermutigt und gesagt: Damit kannst du dir deinen Lebensunterhalt verdienen. Aber das Leben in Mogadischu ist wirklich schwierig. Jetzt denke ich darüber nach, noch einmal zu fliehen, diesmal nach Deutschland oder Italien."