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StartseiteForschung aktuellVon der Macht der Emotionen 02.11.2015

Sachbuchtipp Von der Macht der Emotionen

Nein, Ulrich Schnabel hat keines dieser unzähligen Bücher geschrieben, die erklären wollen , wie das Leben gelingt. Vielmehr begibt sich der "Zeit"-Redakteur in "Was kostet ein Lächeln?" als Fragender auf die Spur der Emotionen. Wohin könnte es beispielsweise führen, wenn auch in der Arbeitswelt an der Optimierung unserer Gefühle gefeilt wird?

Von Katrin Zöfel

Eine Frau hält den Kopf in den Händen. (imago / Science Photo Library)
Gefühle kann man nicht loswerden, sie gehören zum Menschsein dazu, sie sind unser evolutionäres Erbe. (imago / Science Photo Library)
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Von Hause aus ist Ulrich Schnabel Physiker. Doch unphysikalischer könnten die Themen nicht sein, mit denen er sich intensiv beschäftigt. Der "Zeit"-Redakteur hat schon Bücher über Religion geschrieben, darüber, wie wir die Welt wahrnehmen, und zuletzt über den Sinn des Nichtstuns. Jetzt schreibt er über Gefühle. Sein neues Sachbuch "Was kostet ein Lächeln?" handelt, so heißt es im Untertitel, "Von der Macht der Emotionen in unserer Gesellschaft."

"Dabei geht es nicht nur darum, die Geheimnisse dieses unbekannten Kontinents zu entdecken, sondern auch zu lernen mit jenen Kräften umzugehen, die tagtäglich unser Leben bestimmen. Schließlich können wir Gefühle nicht einfach an- oder abstellen, wir können nicht entscheiden, ob wir sie haben wollen oder nicht."

Gefühle kann man nicht loswerden, sie gehören zum Menschsein dazu, sie sind unser evolutionäres Erbe. Bleibt nur der Versuch sie zu verstehen, und klug mit ihnen umzugehen. Ulrich Schnabel hat allerdings keins dieser unzähligen Beraterbücher geschrieben, die erklären wollen, wie das Leben gelingt. Er tut, was Journalisten tun: Er lässt sich vom eigenen Interesse leiten und trägt zusammen, was es an Geschichten und Fakten zum Thema gibt. Die Idee zum Buch kam ihm 2012 auf der Documenta in Kassel.

"In den Wochen zuvor hatte ich erlebt, wie schnell das gewohnte Leben kollabieren kann. Ein Unfall hatte mich plötzlich aus der Bahn geworfen und wochenlang lahmgelegt. Und nahezu zeitgleich kam es in meinem Familien- und Bekanntenkreis zu einer ganzen Serie von schweren Krankheits- und Unglücksfällen. All das führte dazu, dass ich in eher gedämpfter Stimmung zur Documenta reiste: Doch dann erlebte ich die Kunst als buchstäblich heilsam."

Eine Clownfrau, die mit dem Tod ihrer Familie umgehen muss

Der Autor stößt auf unzählige Kunstwerke, die Erfahrungen von Unsicherheit und Scheitern kreativ ins Heitere wenden. Er fühlt sich verstanden, und das tut ihm gut. Weil er nach einigen Tagen aber neue Batterien für seinen Fotoapparat braucht, verlässt er für kurze Zeit die Welt der Kunst, um im Trubel der Innenstadt von Kassel einzukaufen. Er läuft gegen eine Wand aus Hektik, schriller Werbung und Unfreundlichkeit. Verlust, Scheitern, kreative Heiterkeit und die Kälte der Konsumwelt, innerhalb weniger Tage wird dem Autor die Macht der Emotionen vor Augen geführt.

"Als mir das in dem Medienkaufhaus bewusst wurde, und ich die damit einhergehende emotionale Stimmung geradezu körperlich spürte, reifte der Entschluss zu diesem Buch.

Ulrich Schnabel ist ein geübter Fährtenleser. Er spürt zielsicher die Spuren auf, die Gefühle in unserem Leben hinterlassen, in unserem Berufsalltag und unseren Vorstellungen, wie das Leben zu sein hat. Wenn es der Erkenntnis dient, erzählt er nicht nur von seiner Verunsicherung angesichts von Verlust und Krankheit, sondern auch vom Hexenschuss am frühen Morgen.

" [Es geschah] .. just nachdem ich mich tagelang mit dem Thema "Schmerz" beschäftigt hatte, und nur für ein paar entspannende Yogaübungen schwungvoll in meine Trainingshose steigen wollte. Aus dem Yoga wurde dann nichts, stattdessen tastete ich schmerzverkrümmt nach der Wärmesalbe und durfte mir dazu den liebevollen Spott meiner Familie anhören."

Die persönlichen Geschichten sind nur der Ausgangspunkt. Schnabel spricht mit einer Zirkusclownfrau, die bei einem Unfall ihren Mann und drei Kinder verloren hat, und mit einem Therapeuten, der erklärt, warum die Moderne uns Angst macht. Er fragt, wohin es führen könnte, wenn auch in der Arbeitswelt an der Optimierung unserer Gefühle gefeilt wird, und wenn die Medizin Tod und Sterben weiterhin als Feinde bekämpft. Kurz: Er liefert eine aufschlussreiche Landkarte für den unbekannten Kontinent der Gefühle. Für alle, die sich fragen, warum der Mensch fühlt, wie er fühlt. Die Evolution bestimmt unser Gefühlsleben. Doch wir bestimmen, wie wir mit diesem Erbe umgehen.

Ulrich Schnabel erzählt, was er selbst erlebt hat und fühlt. Das macht das Wissen, das er wie nebenbei vermittelt, noch unterhaltsamer.

Ulrich Schnabel: "Was kostet ein Lächeln? Von der Macht der Emotionen in unserer Gesellschaft. Kapitalismus versus Klima"
Blessing Verlag, 336 Seiten, 21,99 Euro

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