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Sachsen-Anhalt"Kultur und Bildung - ein zusammengehörendes Paar"

In Sachsen-Anhalt steht die Regierung. Die Zuständigkeiten für den Bereich Kultur und Bildung zu klären, scheint schwierig zu sein. Beide Bereiche sollten möglichst in einem Ministerium gebündelt werden, fordern unter anderem Kulturmacher und Pädagogen.

Von Christoph Richter | 11.05.2016

Die neue Landesregierung von Sachsen-Anhalt vor der Staatskanzlei in Magdeburg am 25.04.2016.
Die neue Landesregierung von Sachsen-Anhalt: bundesweit die erste Kenia-Koalition. In Sachen Kulturpolitik ist aber noch einiges ungeklärt. (picture alliance / dpa / Jens Wolf)
Der neue Kulturminister ist der aus Niedersachsen stammende Jurist und CDU-Staatskanzleichef Rainer Robra. Bratschist im Deutschen Juristenorchester.
"Die Grundlage meines Verständnisses ist es wirklich diejenigen im Lande zu fördern, zu stärken, zu ermutigen, die hier in den unterschiedlichsten Bereichen der Kultur engagiert, tätig sind. Das sind diejenigen die im institutionellen Umfeld arbeiten, ebenso wie die freien Gruppen. All diesen Akteuren zu ermöglichen ihre Fantasie fliegen zu lassen, ihre Projekte zu verwirklichen, das ist meine allererste Aufgabe."
Worte, die von den Kulturakteuren aufmerksam zur Kenntnis genommen, aber auch mit großer Skepsis gehört werden. Befürchtet wird, dass mit dem Wechsel der Kultur in die Staatskanzlei, die Hochkultur bzw. anstehende Großereignisse wie das Reformationsjubiläum 2017 oder Bauhausjubiläum 2019 höchste Priorität genießen, während die Breitenkultur hinten runter fällt. So zumindest umschreibt es Dramaturg Stefan Behrmann vom Landeszentrum Spiel & Theater in Sachsen-Anhalt. Er vertritt die Amateur-, Schüler- und Freien Theater im Land.
"Wir haben natürlich die Befürchtung, dass sich eine große Konzentration richtet auf die Projekte, die mit dem Tourismus zu tun haben. Aber uns ist wichtig, dass die Komplexität des Gesamtbereiches im Blick ist. Dass auch die einzelnen Szenen, die auch in den kleinen Details Unterstützung brauchen, dass die einen starken Ansprechpartner haben. Und das hier nicht eine andauernde Kompetenzverschieberei eintritt, die uns in der Arbeit nur behindert."
Kulturelle Bildung soll im Bildungsministerium bleiben
Und da genau setzt das Problem an. Denn die kulturelle Bildung bleibt weiterhin im Bildungsministerium, ein Umstand den Theatermann Behrmann durchaus mit Bauchschmerzen sieht.
"Man kann die beiden Bereiche nicht auseinander dividieren. Sondern die verzahnen miteinander und die brauchen auch ein gemeinsames Verständnis."
Ähnlich sieht es Landesmusikschulen-Chef Christian Reineke, der zugleich auch Vorsitzender der Kulturkonferenz Sachsen-Anhalt ist, ein Zusammenschluss von 19 Kulturinstitutionen im Land:
"Der Teil der Bildung innerhalb der Kultur ist immens groß. Gibt Kultureinrichtungen wie Musikschulen, da ist der Bildungsbereich sehr, sehr groß und der Kulturanteil klein. Gibt andere Bereiche, da ist es genau andersrum. Aber überall ist Kultur und Bildung eng miteinander verzahnt. Das ist ein zusammengehörendes Paar ..."…und sei untrennbar miteinander verbunden, weshalb sich die Ressort-Aufteilung zwischen Kultur und kultureller Bildung in Zukunft erst noch beweisen müsse, so Musikwissenschaftler Reineke weiter.
"Meines Erachtens ist die kulturelle Bildung ein Schlüssel zur Integrationsfähigkeit eines Landes. Stichwort: Zusammenführen von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, Abbau von Ressentiments. Da ist Kultur ganz entscheidend wichtig."
Die Aufgabenteilung der Verantwortlichkeit von Kultur im Land hat durchaus Geschmäckle. Denn hinter dem Postengeschacher stehen – das ist ein offenes Geheimnis - keine fachlichen Gründe, sondern machtpolitische Interessen. Der 47jährige CDU-Bildungsminister Marco Tullner stammt aus Halle und soll den Posten aus Regional-Proporz Gründen bekommen haben, wie es heißt. Weil viele CDU-Landtagsabgeordnete gerade im Süden Sachsen-Anhalts ihre Direktmandate an die AfD verloren haben.
Während der Ressort-Zuschnitte soll es hinter den Kulissen mächtig gekracht haben. In der Mitteldeutschen Zeitung war gar zu lesen, dass Bildungsminister Marco Tullner dem Regierungschef Haseloff gar gedroht haben soll, für ein – Zitat – "kastriertes Ministerium" nicht zur Verfügung zu stehen.
"In der Tat war es ein bisschen irritierend, dass man in ein Amt berufen wird, wo man nicht so richtig weiß, wofür man zuständig ist. Mir ging es nicht um Macht oder darum, die größeren Sandförmchen zu haben. Sondern mir ging es darum, die Frage zu diskutieren, wie Kultur im Land künftig verortet wird."
Nur noch Geld für Großprojekte, aber keins für die Breitenkultur?
Jetzt muss noch geklärt werden, wer der neue Kulturstaatssekretär wird. Ein Posten der neu zu schaffen ist, weshalb die Linkspartei schon mal vom Versorgungsfall Kultur spricht. Was auch damit zu tun hat, weil der sehr rechts stehende Christdemokrat Lars-Jörn Zimmer im Gespräch ist, der bei den Landtagswahlen sein Landtagsmandat an die AfD verloren hat.
Im Koalitionsvertrag ist für die Kultur mindestens ein Prozent des Landeshaushaltes eingeplant. Laut Kulturfinanzbericht widmen die Länder im Durchschnitt 1,8 Prozent ihres Gesamtetats für Kultur auf, weshalb Sachsen-Anhalt immer noch auf einem der hinteren Plätze zu finden ist. Doch wenn man sich die Pro-Kopf-Ausgaben der Flächenländer anschaut, liegt Sachsen-Anhalt mit knapp 134 Euro bundesweit auf dem dritten Platz, weit vor Bayern und Nordrhein-Westfalen.
Jetzt müsse es darauf ankommen, dass dieses Geld nicht nur für Groß-Events, sondern auch für die Breitenkultur ausgegeben werde. Unterstreicht und betont Stefan Behrmann von den Freien Theatern und lädt medienwirksam den neuen Kulturminister Rainer Robra schon mal zum Schülertheatertreffen nach Magdeburg ein.
"Ja, unsere Türen sind offen und freuen uns auch auf die Auseinandersetzung und auf konstruktive Gespräche."