Samstag, 21. Mai 2022

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Sängerin Keren Ann
Jede Platte ein Kapitel des Lebens

Wie viele Musiker, lässt sich auch die Sängerin Keren Ann beim Schreiben ihrer Songs von Situationen des Lebens inspirieren. Das neue Album "You're gonna get love" erzählt von Liebe, Leidenschaft und Tod und wird musikalisch mit Elementen des Blues und Jazz veredelt - ein Album mit Seele.

Von Andreas Zimmer | 02.04.2016

Das Bild zeigt die Sängerin bei einem Konzert in Rochelle
Keren Ann spielt ein Konzert in Rochelle (AFP)
Was hier so klingt wie Norah Jones in ihren frühen Jahren, ist Keren Ann. Seit ihrem letzten Album ist sie auf "You're gonna get love" wieder einmal hörbar gereift. Fünf Jahre hat sich die 42-Jährige dafür Zeit gelassen. Keren Ann:
"Ich brauche einfach länger, je älter ich werde. Außerdem habe ich an so vielen verschiedenen Projekten gearbeitet: Ich hab eine Oper geschrieben, eine tolle Erfahrung, die viel Zeit gekostet hat. Ich hab auch mehrere Soundtracks für Filme und Dokumentationen gemacht, und für ein Theaterstück. Ach ja, und ich bin Mutter geworden."
Überraschenderweise geht es aber auf "You're gonna get love" dann gar nicht so sehr um die lebensverändernden Umstände des Mutterseins. Vielmehr beleuchtet Keren Ann diverse andere Situationen in ihrem Leben. Liebe, Leidenschaft, Tod - vergleichbar mit einem selbsterlebten Roman. Inklusive Zeitsprüngen.
"Ich denke, dass jede meiner Platten ein Kapitel meines Lebens beschreibt. Das heißt aber nicht, dass alle Emotionen und Geschichten, die ich erzähle aktuell sind. Manchmal dauert es einfach ein bisschen, bis man alles Erlebte verdaut hat und einen Song draus machen kann", sagt die Sängerin.
Neuer Mann am Mischpult
Auch auf ihrem neuen Album "You're gonna get love" bleibt sich Keren Ann treu. Ihre Konstante heißt dabei allerdings 'Veränderung'. So hat sie für ihre siebte CD etwas ausprobiert, das sie bisher immer vermieden hatte: Die Songs wurden gemeinsam live eingespielt.
"Ich wollte wissen, wie das mit Live-Aufnahmen im Studio ist. Da hatte ich mich noch nie ran getraut. Bisher hatte ich den Sound der Alben immer im Studio konstruiert. Dieses Mal sollte es ganz anders sein. Schlagzeug, Bass, Gitarre und Gesang. Ein Trio. Ich wollte etwas mit Seele aufnehmen."
Und es gibt noch eine weitere Neuerung: Keren Ann, selbst sehr gefragte Produzentin, übergab diese Verantwortung komplett an Renaud Letang, der auch schon bei Manu Chao, Feist, Mocky und vielen anderen am Mischpult saß. Etwas ungewohnt für die Multiinstrumentalistin.
"Ich hätte keinen Produzenten genommen, wenn ich nicht die Verantwortung hätte abgeben können. Wenn ich Produzentin bin und nicht die Freiheit zugestanden bekomme, mich zu entfalten, ist das Frust pur. Renaud bekam also diese Freiheit und er hat daraus etwas gemacht, was ich niemals gekonnt hätte. Wenn man selbst etwas nicht kann, sollte man das Fahren lieber einem Könner überlassen."
Breites musikalisches Spektrum
Wie auch schon auf Anns letztem Album bildet die Musik auf "You're gonna get love" ein breites Spektrum ab. Waren jedoch zuvor nur vereinzelt Anleihen an US-amerikanische Musik hörbar, ist die neue CD musikalisch größtenteils in den Staaten verortet. Blues und Jazz prägen das Album. Keren Ann:
"Dieses Jazzgefühl gründet auf Blues. Viele der Klangfolgen sind einfache Bluesschemata. Wir haben sie nur ein bisschen veredelt mit tollen Bassläufen oder Gitarrenakkorden oder Pianoelementen. Manchmal ist weniger mehr und ein einzelner Jazz-Akkord ist dann vollkommen ausreichend."
Klingt zunächst einfach. Aber die Musik ist dann doch ein bisschen vertrackter und anspruchsvoller aufgebaut als früher. Keren lässt den neuen Stücken dabei viel Raum zur Entfaltung. Dennoch schmeichelt sich kaum einer der neuen Songs so richtig ins Ohr. Auf den ersten Eindruck wirken ihre fragilen Songs etwas spröde, beim intensiveren Hinhören entfalten sie aber immer mehr ihre Schönheit.
Keren Anns Ansatz, sich bei "You're gonna get love" nur auf das Nötigste zu beschränken wird auch an dem Umstand sichtbar, dass sie nicht der Versuchung nachgegeben hat, einige Songs endlos auszudehnen, so genannte 'Longsongs' daraus zu machen. Denn mehr Musik heißt nicht zwingend mehr Qualität.
"Ich hab schon Longsongs gemacht. Ich könnte immer zu allem mehr Streicher-Arrangements packen und sowas, um einen Song länger zu machen. Manchmal gibt’s diesen Platz auf einem Album. Manchmal nicht. Und diesmal gab es diesen Platz eben nicht und der Song hört genau da auf, wo er endet."