Salafisten-Gruppe "Die wahre Religion"Vereinsverbot kommt nach jahrelanger Propaganda

Mehr als zehn Jahre lang infiltrierte die Salafisten-Gruppe "Die wahre Religion" als zentrales Organ der Szene junge Menschen mit fundamentalistischen Ideen. Ende 2011 drangen sie dann ins öffentliche Bewusstsein vor - mit der Aktion "Lies", bei der kostenlos Koran-Exemplare verteilt werden, um Menschen in den Salafismus zu locken.

15.11.2016

Mit einem Plakat versucht ein Teilnehmer der Koran-Verteilaktion "Lies" in Frankfurt am Main die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aufnahme von Januar 2015.
Mit einem Plakat versucht ein Teilnehmer der Koran-Verteilaktion "Lies" in Frankfurt am Main die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aufnahme von Januar 2015. (dpa / Boris Roessler)
Bei der Großrazzia in zehn Bundesländern gegen mutmaßliche Unterstützer der Terrormiliz IS haben Polizisten in Nordrhein-Westfalen mehr als 30 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht. Ein Schwerpunkt war Pulheim, wo das Zentrallager einer der ältesten und "erfolgreichsten" salafistischen Vereinigungen mit Namen "Die wahre Religion" vermutet wird, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. Ein weiterer Schwerpunkt ist Bonn, wo sich der Kopf der Vereinigung und der Initiator der Ende 2011 lancierten Koran-Verteilaktion "Lies!", Ibrahim Abou-Nagie, zuletzt in Deutschland aufgehalten haben soll.
Mit einem Plakaten auf dem Rücken versuchen Teilnehmer der von Salafisten organisierten Koran-Verteilaktion "Lies" auf der Zeil in Frankfurt am Main die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Teilnehmer der von Salafisten organisierten Koran-Verteilaktion (dpa / Boris Roessler)
Mit der "Lies"-Aktion, in deren Rahmen in deutschen Fußgängerzonen Korane kostenlos verteilt werden und durch die die breite Öffentlichkeit erstmals Notiz von den Salafisten nahm, sollen nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden junge Leute für Gewalt und Terrorismus geworben werden. Allein in Nordrhein-Westfalen gab es im vergangenen Jahr 350 dieser Verteilaktionen, hieß es aus Sicherheitskreisen. Die Behörden gehen davon aus, dass jeder Fünfte, der in Krisengebiete ausgereist ist, vorher Kontakt zu der Aktion "Lies" hatte.
Keine religiösen oder gemeinnützigen Motive
Das NRW-Innenministerium hatte bereits in den vergangenen Monaten darauf hingewiesen, dass bei "Lies" die Religion als Deckmantel für verfassungsfeindliche Ziele missbraucht werde. "Klar ist, dass die Initiatoren von 'Lies' keine religiösen oder gemeinnützigen Motive verfolgen, sondern dass es sich hier um eine eindeutig extremistische Kampagne handelt, die gerade junge Menschen in diese Szene leiten will", stellte Innenminister Ralf Jäger (SPD) damals fest. "Bei 'Lies' geht es darum, für Hass, Gewalt und Terrorismus zu werben." Erklärtes Ziel der Kampagne ist es, jedem Haushalt in Deutschland eine Koran-Übersetzung zur Verfügung zu stellen. Laut Abou-Nagie sind bis Mitte 2016 rund 3,5 Millionen Exemplare verteilt worden.
Polizisten bei Razzia gegen Islamisten-Netzwerk in Berlin
Polizisten bei einer Razzia in Berlin (dpa / Paul Zinken)
Die Vereinigung "Die wahre Religion" war innerhalb der Salafisten-Szene schon sehr früh online aktiv und zählte gewiss zu den einflussreichsten Plattformen. Mit Sicherheit war sie allerdings die bekannteste. Sie ging 2005 an den Start und wurde technisch vergleichsweise hochprofessionell gestaltet. Wer eine simple Google-Recherche mit dem Suchwort "Islam" durchführte, bekam bis vor einiger Zeit schon als zweiten Eintrag "Die wahre Religion" angezeigt. In den ersten Jahren wurde die Vereinigung neben Abou-Nagie von dem wohl prägendsten Gesicht der Salafisten-Szene dominiert: Pierre Vogel. Im Laufe der Zeit kam es zu Zerwürfnissen und Wiederannäherungen zwischen beiden. Irgendwann warf Vogel Abou-Nagie vor, zu radikal zu sein.
Abou-Nagie scheint sich aktuell in Malaysia aufzuhalten
In einer seiner jüngsten Videobotschaften begrüßt Ibrahim Abou-Nagie - mit gestutztem, graumeliertem Vollbart und kurz geschnittenen Haaren - seine Anhänger in Deutschland sanft mit den Worten "Meine lieben Geschwister im Islam". Leger mit einem weißen T-Shirt bekleidet, spricht Abou-Nagie auf einer Brücke in Putrajaya in die Kamera, im Hintergrund lärmt in der Verwaltungsstadt nahe Kuala Lumpur der Verkehr. Der gebürtige Palästinenser sagt, er sei nun in Malaysia und baue jetzt auch dort eine Koran-Verteilaktion auf.
Im Februar 2016 verurteilte das Amtsgericht Köln den 52-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe wegen gewerbsmäßigen Betrugs. Er hatte zu Unrecht etwa 53.000 Euro an Sozialleistungen für sich und seine Familie kassiert. Zudem verschwieg der dreifache Vater Nebeneinkünfte und Konten - unter anderem verwendete er für sein Koran-Projekt eingeworbene Spenden teilweise für sich selbst. Zuletzt forderte schon der nordrhein-westfälische Landtag alle staatlichen Institutionen auf, die Aktivitäten des Netzwerks unverzüglich zu unterbinden. Ein Vereinsverbot liege allerdings in der Zuständigkeit des Bundesinnenministers, befand der NRW-Landtag noch im Oktober.