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Salzburger Festspiele
Goethes "Clavigo" als Trampolin

Von Sven Ricklefs | 28.07.2015

Selten lassen sich zwei Premieren eines Festivals so unmittelbar verbinden und überraschen dann doch in ihrer Divergenz. Da zeigte am Sonntag der inzwischen 70-jährige Regisseur Peter Konwitschny bei der ersten Opernpremiere der Salzburger Festspiele mit Wolfgang Rihms "Eroberung von Mexiko" den Kampf der Geschlechter in der für diesen Regisseur typischen brachialen Correctness und in seiner inzwischen längst zum abgehalfterten Klischee verkommenen Eindeutigkeit: mit dem Mann als Täter und der Frau als Opfer.
Und die gleiche Eindeutigkeit musste man nun eigentlich auch gestern Abend bei der ersten Salzburger Schauspielpremiere, bei Goethes "Clavigo" erwarten. Und durfte dann angenehm überrascht sein, weil Regisseur Stephan Kimmig, um genau diese - vielleicht noch nicht ganz überwundene, aber dennoch längst uninteressante - Geschlechterkonstellation zu vermeiden, weil der Regisseur genau deswegen Goethes "Clavigo"-Ensemble einfach einmal kräftig gegen den Strich gegendert hat.
Da spielt Susanne Wolff den von Goethe in selbstkritischer Ironie entworfenen karriereorientierten Künstler Clavigo als mal aufgedonnerte, mal aufgewurstete Poplady, und Marcel Kohler gibt seine von "dieser" Clavigo zweimal verlassene Marie, die den Verrat ja bekanntermaßen nicht überlebt. Auch fast alle anderen Figuren in Goethes, in jungen Jahren in nur acht Tagen dahingefetztem Stück, sind geschlechterkonträr besetzt. Und so sind der böse Wolf und das Opferlamm schon einmal vom Tisch, wie überhaupt Stephan Kimmig und sein Team nur ganz bestimmte Aspekte von Goethes kurzem Schnellschuss interessiert haben:
"Das Werk muss eine große Wirkung tun. Es muss alle verzaubern. Die ganze Welt ..."
Vor allem die Problematik des Künstlers, des modernen, aktuellen Künstlers ist es, die der Regisseur versucht hat, gleichsam aus Goethes "Clavigo" herauszupressen. Und so ist auch diese Salzburger Marie eine oder eben: ein Künstler: sichtlich gefährdeter, todesnäher als Clavigo selbst. Marcel Kohler trägt das in seiner fast junkiehaften Schlaksigkeit wunderbar gelenk zu Markte. Zudem macht Stephan Kimmig den relativ kleinen, bürgerlich-trauerspieligen Plot zum Teil einer Performance, zu der Videoclips, Spoken-Word-Lyrik oder auch Diskurse über Kunst schlechthin gehören, die immer wieder unterspült werden von den Soundkonstruktionen der aus Weißrussland stammenden Münchner Musikerin Polina Lapkovskaja alias Pollyester.
Es ist, als benutze diese Inszenierung Goethes "Clavigo" nur als Trampolin, um sich in bewusst ungezielten Luftsprungversuchen einem modernen Kunstbegriff und dem dazugehörigen Künstler anzunähern, dessen Egozentrismus und Selbstbespiegelungswahn allerdings denjenigen aus Goethes fernen Zeiten erstaunlich nah stehen. Dass Goethe auch ganz anders konnte als nur den Sturm-und Drang-Sound, zeigte er übrigens zeitgleich zum "Clavigo" etwa mit seiner grobianischfäkalsexualisierten Farce "Hanswursts Hochzeit", die die Inszenierung denn auch gleich mitzitiert.
Ob dies Zitat allerdings so zielführend ist, bleibt eher fraglich, allerdings nutzt es Stephan Kimmig dazu, um sein gesamtes Personal immer mal wieder im grotesken Clownsoutfit zu präsentieren. Der Künstler als Hanswurst. Sei es drum. Trotzdem entwickelt diese Inszenierung, auf die man sich frei von Erwartungen an Goethe einlassen muss, und die sich einen himmelblau blähenden Fesselballon mit Narrenkrone darauf zum Sinnbild künstlerischer Höhenflüge gewählt hat, trotzdem entwickelt diese Inszenierung einen ganz eigentümlichen Reiz, der lange nachklingt.