Dienstag, 28. Juni 2022

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Sam Vance-Law: "Homotopia"
"Aus der Schublade rauskommen"

Sam Vance-Law schreibt kammermusikalische Popsongs aus dezidiert schwuler Perspektive. Aber dafür interessiert sich oft nur ein kleines Publikum. Im Dlf erklärt der Wahl-Berliner, wie er dieses Problem auf seinem Debüt "Homotopia" gelöst haben will.

Sam Vance-Law im Gespräch mit Christoph Reimann | 03.03.2018

Der Musiker Sam Vance-Law in einem Ledersessel, mit der rechten Hand krault er einen großen, runden Kaktus
Sam Vance-Law hat als Violinist seine Wurzeln in der klassischen Musik (J. Konrad Schmidt (BFF Professional))
Raus aus der Schublade: Sam Vance-Law schreibt Popsongs aus dezidiert schwuler Perspektive. Aber dafür interessiert sich oft nur ein kleines Publikum. Uns hat der Kanadier erklärt, wie er das Problem gelöst hat. Einer der Songs des Kanadiers, der seit acht Jahren in Berlin lebt, heißt "Prettyboy".
Ein "pretty boy" auch auf dem Cover zu seinem Debüt-Album "Homotopia", das gestern erschienen ist. Zu sehen ein junger Mann, die Augen verbunden, volle Lippen, hinter ihm ein muskulöser männlicher Arm. Eine leicht phallische Pflanze, paradiesisches Gestrüpp. Kurzum: Es ist ein Norbert-Bisky-Gemälde. Vor der Sendung habe ich mit Sam Vance-Law gesprochen, ihn gefragt, ob er sich von dem Gemälde hat inspirieren lassen - oder war es einfach eine gute Ergänzung zu den Songs, die er ohnehin für sein Debüt "Homotopia" geschrieben hatte?
Sam Vance-Law: Also ich kannte Norbert Bisky persönlich nicht, aber wir haben uns da eben kennengelernt, eine Ausstellung von ihm gesehen, sind durch sein gesamtes Werk gegangen – und haben das hier ausgesucht, weil es so passend war.
Christoph Reimann: Das Bild immerhin gab es schon, das hat er nicht extra für Sie gemalt?
Vance-Law: Nee, aber das ist auch neu. Das ist von der neuesten Ausstellung.
Utopie oder Dystopie?
Reimann: Und wie läuft das dann ab? Ich meine, selbst Norbert Bisky zu lizensieren ist doch eigentlich unwahrscheinlich teuer, oder nicht?
Vance-Law: Das ist ein Traum, auf jeden Fall. Das schon. Das ist alles, was ich da sagen kann, glaube ich. Nee, wir arbeiten zusammen an diesem Projekt, das ist nicht so, dass der irgendwie ein Künstler ist und wir kaufen sein Bild oder so was. Es ist mehr so, wir arbeiten zusammen. Im April zum Beispiel werden wir in London spielen, bei seiner Ausstellung, und soweit wie möglich ein bisschen zusammenarbeiten, als zwei Künstler sozusagen.
Reimann: Wie kann das aussehen?
Vance-Law: Mal sehen. Wir sind schon am Anfang da. Es wird kein Kollektiv oder so was, sondern mehr oder weniger so, dass wir beide künstlerischen Formen zusammenbringen und versuchen, vielleicht einen Abend hier und da … was Besonderes daraus machen zu können.
Reimann: Hat es eine Bedeutung für Sie, dass der Typ auf dem Cover die Augen verbunden hat?
Vance-Law: Ja, auf jeden Fall. Der Typ, der auf dem Cover ist, weiß nicht genau, wo er ist, wahrscheinlich. Ob das Utopie ist oder Dystopie oder wer weiß wo. Ich fand das richtig passend als Bild für auch die Charaktere, die in den Liedern sind.
Reimann: Ich dachte beim Hören Ihrer Musik, dass das eine Utopie ist. Also es geht auf diesem Album "Homotopia" – da gibt es eine kleine Coming-out-Geschichte am Anfang, es geht ums Heiraten, es geht ums Daten. Es geht im Grunde darum, das schwule Leben zu feiern. Und Angst, Hass, Scham – diese Gefühle lassen Sie außen vor. Es ist eine Utopie, oder nicht?
Vance-Law: Nee, nee, würde ich nicht sagen. Ich glaube, es ist eher realistisch. Also zum Beispiel "Faggot" ist ein Lied, in dem der singt: "I love God, but he doesn't love me / I could climb in my bathtub and slit my wrists / 'cause I'm a faggot". Und das ist ja gar keine Utopie für den Typen. "Wanted To", wie Du sagst, eine Coming-out-Geschichte, der tanzt mit einem anderen Typen bei einem Prom – das Ende ist: "Now my nose is bleeding and my heart is breaking 'cause I was fucked up by Lizzy's big brother". Das ist einfach das Leben und nicht so richtig eine Utopie. "Let's Get Married" ist natürlich ein Lied, das vielleicht fröhlicher, glücklicher ist, "Gayby" ist auch ein Lied, das in Richtung Glücklichkeit geht. Aber zu sagen, das ist utopisch, finde ich ein bisschen zu weit.
"Ich rede nicht über mich selber in diesen Liedern"
Reimann: Sie präsentieren das aber alles so auf eine eher lustige Weise.
Vance-Law: Ja, auf jeden Fall. Ich habe eigentlich neulich ein Interview mit Stephen Colbert gesehen, in dem er sagt: Man kann keine Angst haben, während man lacht. Also die Geschichten sind ab und zu mal problematisch – und wenn man lachen kann, kann man keine Angst haben. Das, finde ich, ist eine geile Beschreibung für so eine Art, "connecten" zu können mit Leuten, die sonst gar keine Platte wie diese Platte hören würden.
Reimann: Es gibt ja so eine Reihe von schwulen Musikern, Komponisten in der Popmusik, die vor allen Dingen ernst sind.
Vance-Law: Ja.
Reimann: Also, zum Beispiel wenn man denkt an Perfume Genius oder auch viele Songs von Rufus Wainwright – ist Ihre Platte ein bewusster Gegenentwurf dazu?
Vance-Law: Ja, auf jeden Fall. Also Rufus Wainwright ist auch manchmal lustig …
Reimann: … genau, manchmal.
Vance-Law: "Cigarettes And Chocolate Milk".
Reimann: Ja. Er leidet aber auch viel.
Vance-Law: Er leidet aber auch viel. Nee, ich dachte, es wäre interessant für mich persönlich, einfach eine Platte zu schreiben, die das Leben beschreibt. Es sind Charaktere – also ich rede nicht über mich selber in diesen Liedern. Und dann ist es auch ein bisschen einfacher, verschiedene Geschichten zu schreiben und nicht nur meine eigenen Erfahrungen. Aber ich wollte vielleicht was ein bisschen hoffentlich Frisches schaffen. Also nicht richtig "gegen" zu schreiben. Aber weil andere Leute das schon sehr, sehr gut gemacht haben, wollte ich dann nicht genau dasselbe tun.
"Klassische Musik und Popmusik sind dasselbe"
Reimann: Das sind also schon Musiker, die Sie auch schätzen? Rufus Wainwright, Perfume Genius, John Grant und wen es da noch so alles gibt?
Vance-Law: Die sind alle super Musiker, auf jeden Fall!
Reimann: Die haben ja zum Teil auch einen Zugang zur klassischen Musik, Rufus Wainwright zum Beispiel.
Vance-Law: Ja. Der ist auch Kanadier natürlich, den kannte ich auch schon länger. Ich kann nicht sagen, dass es mich beeinflusst hat, aber es ist auf jeden Fall eine Art Musik, die ich sehr gut verstehen kann.
Reimann: Welche Rolle spielt die Klassik heute noch für Sie? Die Musik Ihrer Eltern war Pop, Ihre Musik war Klassik, liest man. Sie waren ein paar Jahre lang Chorknabe.
Vance-Law: Genau.
Reimann: Und welche Rolle hat jetzt noch die Klassik für Sie? Ich meine, man kann sagen: Klar, es ist ein bisschen kammermusikalisch instrumentiert – aber warum ist dieses Album überhaupt ein Popalbum und kein Klassikalbum?
Vance-Law: Also früher war das anders, aber jetzt finde ich, dass klassische Musik und Popmusik dasselbe sind, einfach aus anderen Zeiten. Bach hat Tänze geschrieben – keine Walzer vielleicht, aber Sarabanden und Gigge und so. Und es gibt zwei Walzer auf der Platte. Keiner würde die Walzer nennen, weil es eine Pop-Platte ist. Aber das sind trotzdem Walzer. Und es gibt immer noch für mich persönlich ziemlich viel, was ich lernen kann von Menschen wie Bach oder Beethoven und so weiter.
Reimann: Gucken Sie bei denen was ab?
Vance-Law: Ja, na klar. Ich spiele Violine und lerne jetzt Mandoline. Und dann spiele ich die Sonaten und Partiten von Bach. Heute habe ich zum Beispiel geübt, und ich höre immer noch klassische Musik.
Reimann: Schreiben Sie die Arrangements denn selber? Denn das wäre ja was Besonderes, auch für einen Popmusiker, auch die Streicher selbst aufzuschreiben.
Vance-Law: Ja, genau. Das waren alles Streichinstrumente, und dann habe ich die Parts rausgeschickt und gesagt: Jetzt ist es eine Flöte. Weil ich habe alles selber gespielt. Ja, also ich schreibe die Arrangements selber. Das finde ich richtig wichtig für mich persönlich als Musiker, nicht nur so Text und Melodie, sondern alles, was mir möglich ist, dass ich eine musikalische Welt da bauen kann.
"Meine große Angst war, dass die Platte nichts bedeuten würde"
Reimann: Glauben Sie denn an eine "Homotopie"?
Vance-Law: Wenn Homotopie nur einen Ort bedeutet, an dem man schwul lebt oder wohnt. An eine Art Utopie glaube ich nicht oder an eine Dystopie glaube ich auch nicht. Es gibt ein bisschen von beidem in jedem Leben, glaube ich. Was schön wäre ist natürlich, wenn es keine Homotopie geben müsste, indem wir das nicht als Schublade für Leute hätten, indem wir sagen: Hey, du bist schwul und deswegen passt Du nur da rein. Und da versuche ich auch in "Homotopia", ein bisschen aus dieser Schublade rauszukommen.
Reimann: Was meinen Sie, wohin geht die Reise? Es gibt ja Leute, die sagen, wir erleben jetzt einen konservativen Backlash hier in Europa – oder in den USA auch. Andererseits, in Deutschland zum Beispiel gibt es jetzt wirklich die Ehe für alle …
Vance-Law: Genau.
Reimann: …, gibt es ja auch Sachen, auf die man schauen kann und sagen kann: Da gibt es einen Fortschritt.
Vance-Law: Meine große Angst und Hoffnung waren gleichzeitig, dass diese Platte, wenn sie rauskommt, nichts bedeuten würde. Dass alle sagen würden: Das ist so 2017 oder so – jetzt ist alles vorbei, wir haben die Ehe für alle, alles ist ja easy jetzt. Wir gehen nur in eine Richtung. Das war nicht der Fall, wie wir gesehen haben und wie wir es jetzt erleben. Ich kann nicht sagen, ob wir in eine Richtung gehen oder nicht. Ich hoffe, wenn ich irgendeine Art Macht habe, dass diese Platte die Zuhörer in eine Richtung führt, statt in eine andere. Und ich hoffe, das hilft irgendwie, das schwule Leben ein kleines bisschen einfacher zu machen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.