Montag, 30. Januar 2023

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Schande oder Mahnmal
Was passiert mit der Nazi-Glocke?

In dem rheinland-pfälzischen Ort Herxheim am Berg gibt es Ärger um eine Kirchenglocke von 1934. Darauf ist in großen Buchstaben die Aufschrift "Alles fuer's Vaterland Adolf Hitler" zu lesen. Eine Bürgerin fordert daher ihre Abschaltung. Jetzt entscheidet der Gemeinderat über die "Nazi-Glocke".

Von Anke Petermann | 28.08.2017

    Im Glockenturm der Kirche St. Jakob hängt am 19.05.2017 in Herxheim am Berg (Rheinland-Pfalz) eine Bronzeglocke mit Hakenkreuz und dem Spruch «Alles fuer's Vaterland - Adolf Hitler».
    Untragbare Glocke oder viel Lärm um nichts? Die Einwohner in Herxheim am Berg wussten viele Jahre, dass eine Glocke mit Hakenkreuz in ihrem Kirchturm hängt. (dpa / picture alliance / Uwe Anspach)
    St. Jakob in Herxheim am Berg - eine tausend Jahre alte Kirche. Im Turm, 1934 nach einem Brand wiederaufgebaut, hängen drei Glocken. Die älteste und kleinste datiert aus dem Wiederaufbaujahr. Als Alarmglocke ersetzte sie die Sirene und wurde daher anders als die anderen beiden Anfang der vierziger Jahre nicht zu Waffenmetall eingeschmolzen. Die Glocke trägt ein Hakenkreuz. Und in großen Lettern die Widmung "Alles fuer's Vaterland Adolf Hitler".
    Einem Massenmörder gewidmet und läutet zum Gottesdienst
    "Die Hitler-Glocke, das ist die höchste dieser drei Glocken, die läutet ja alle Viertelstunde über die Rheinebene hinweg", sagt Sigrid Peters aus Herxheims Nachbardorf Weisenheim am Berg. Die pensionierte Lehrerin, spielte in Sankt Jakob gelegentlich die Orgel - ohne zu wissen, dass eine Hitlerglocke mit zur Messe ruft. Als sie das im Frühjahr erfuhr, empörte sie das:
    "Das ist eine Glocke, die ist einem Massenmörder gewidmet. Der hat 50 Millionen Menschen auf dem Gewissen. Und sie läutet zum Gottesdienst, und sie läutet zu allen wichtigen Feiertagen, die ein Menschenleben betreffen."
    St. Jakob hoch überm pfälzischen Reben-Meer - eine beliebte evangelische Traukirche im gesamten Rhein-Neckar-Raum, konstatiert die 73-Jährige.
    "Und ich dachte, das ist ja eigentlich ein Unding, wenn da jemand heiratet, und weiß nicht, dass zu dem Einzug der Gäste und des Hochzeitspaares eine Hitler-Glocke läutet."
    Dass die Glocke weiter läutete, war prinzipiell bekannt
    Etikettenschwindel? Christlicher Ritus mit ultrarechtem Geläut? Dass die Alarmglocke mit dem Hakenkreuz nach dem Krieg weiter läutete, war im Dorf prinzipiell bekannt und akzeptiert, konstatieren unisono Bürgermeister und Pfarrer. Wie viele Herxheimer, so verstehen auch sie die Aufregung nicht. 1951 wurde die weltliche Hitlerglocke in ein Dreier-Geläut integriert.
    "Ja, ja, man hat diese zwei neuen Glocken auf die dritte Glocke abgestimmt", sagt Bürgermeister Ronald Becker. Und mit Blick auf die Widmung "fuer's Vaterland Adolf Hitler": "Man hat es gewusst, dass dieser Schriftzug auf der Glocke ist, und hat sich darum eigentlich keine Gedanken gemacht."
    Abschaltung oder Hinweisschild?
    Ein spät entdeckter Skandal? Ein historischer Kardinalfehler der unkritischen Nachkriegszeit, den man im Nachhinein beheben müsste? Zum Beispiel, indem man die Glocke abschaltet, wie Sigrid Peters' fordert? Oder zumindest eine Hinweistafel aufstellt, wie es jetzt der Gemeinderat erwägt?
    Nichts von beidem, meinen viele Herxheimer, die Peters Forderung nicht als Anlass zur Diskussion, sondern als "Nestbeschmutzung" auffassen. Seit 83 Jahren läutet die "Naziglocke".
    "Von mir aus kann se hänge"
    Eine Passantin sagt: "Hängt die doch schon Johrzehnte do obbe. Fruchtbar, dass da jetzt so 'n Ding gemacht wird, so 'n Trara. Johrelang hat sich keins drum gekümmert. Von mir aus kann se hänge bis dort hinaus. Die war so lang drobbe, und keens hat sich drum gekümmert, un da soll se drobbe bleibe."
    Ein Passant sagt: "Soll man alles, wo was Falsches drauf steht, abreißen und neu machen?! Dann hätten wir viel zu tun. Sie ist Teil unserer Geschichte. Und die(sen) Teil unserer Geschichte sollten wir auch akzeptieren."
    Expertinnen schlagen vor, die Glocke als Mahnmal einzustufen
    Der 13-köpfige Gemeinderat wird wohl beschließen, externen Rat einzuholen: die Koblenzer Glocken-Sachverständige der Evangelischen Kirche soll mit der Mainzer Landeskonservatorin einen Vorschlag erarbeiten. Beide Expertinnen haben sich in ersten Stellungnahmen dafür ausgesprochen, die Glocke als Mahnmal einzustufen und weiter läuten zu lassen. Insofern ist absehbar, wie der Herxheimer Streit ausgeht.
    Zur Unzufriedenheit von Kritikerin Sigrid Peters: "Die Stimme Hitlers muss mundtot sein, die darf nicht mehr läuten." Dabei bleibt die Protestantin, selbst wenn ihre eigene Kirche das anders sieht.