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SchauspielAllendes "Geisterhaus" als Szenenpuzzle

Noch jeder Bestseller hat es irgendwann auf die Theaterbühne geschafft, so nun auch Isabell Allendes Roman "Das Geisterhaus". Am Akademietheater der Wiener Burg hat Regisseur Antú Romero Nunes die Familiengeschichte um Großgrundbesitzer Esteban Trueba mit August Diehl und Caroline Peters inszeniert - und sich dabei etwas verpuzzelt.

Von Hartmut Krug | 31.01.2014

Das Licht im Zuschauerraum bleibt an, wenn zu Beginn sechs Frauen an die Rampe treten und im Figuren- und Situationenwechsel den Beginn von Isabell Allendes 50 Jahre "Schmerz, Blut und Liebe" umfassenden argentinischen Familiengeschichte erzählen. Regisseur Antú Romero Nunes und sein Dramaturg Florian Hirsch haben den fast 500-seitigen Roman in eine dreieinhalbstündige Bühnenfassung komprimiert. Und damit wir das Inszenierungskonzept auch verstehen, wird oft betont, das Erzählen von Geschichte sei wie das Aufbauen eines Puzzles, bei dem jedes Teil seine eigene Daseinsberechtigung habe. Erst am Ende ergäbe deren Zusammenfügung den Sinn.
Und so baut Nunes nach dem Auftritt der Erzählerinnen seine Inszenierung auch auf als eine unendliche Reihe kleiner Spielszenen. Die fließen zuweilen direkt ineinander, stoßen aber auch im harten Kontrast aufeinander. Die sechs formidablen Schauspielerinnen Caroline Peters, Aenne Schwarz, Adina Vetter, Sabine Haupt, Jasna Fritzi Bauer und Dörte Lyssewski teilen sich Röcke, Bärte und Hosen für 20 Männer- und Frauenrollen, während August Diehl kraftvoll den jungen Landbesitzer Esteban und dessen Bastard und Ignaz Kirchner wunderbar variationsreich den alten Esteban spielen.
Selbstbewusste Clara, variationsreicher Esteban
Die beiden Estebans erklären und kommentieren sich auch in Zwiegesprächen. Denn hier gibt es kein illusionistisches oder psychologisch erklärendes, sondern vor allem ein demonstrierendes Spiel. Indem Figurengestaltung vorgeführt wird, erfahren wir einmal mehr, was wir schon immer geahnt haben: dass das Gezeigte etwas Gemachtes ist. Also legt sich Caroline Peters, wenn ihre Clara stirbt, auf den Tisch, zupft ihr Kleid zurecht und legt ihre langen Haare dekorativ auf von ihr drapierte Rosen. Clara war eine selbstbewusste Frau, das wurde schon bei der Werbung Estebans um ihre Hand deutlich:
Esteban: "Um zum Wirtschaftlichen zu kommen…"
Severo: "Bitte Esteban, übereilen Sie sich nicht. Erst müssen Sie das Mädchen ansehen und kennenlernen, und wir müssen auch die Wünsche Claras berücksichtigen, meinen Sie nicht?"
Clara: "Wollen Sie mich heiraten?"
Nívea: "Clara! Mein Gott! Entschuldigen Sie, Esteban, dieses Mädchen ist schon immer vorlaut gewesen."
Geschlechter- statt Klassenkampf
Auf Florian Lösches abstrakter Bühne, deren graue Wände aus hohen dreiteiligen, rotierend beweglichen Quaderblöcken besteht, setzt die Inszenierung mit oftmaligem Wechsel zwischen Hell und Dunkel auf Atmosphäre. Hier gibt es Familienszenen, auch als Slapstick, Kasperle-Spiel oder in Stummfilm-Manier. Leider entsteht aber aus der Reibung zwischen den Schauspielerinnen und ihren Männerrollen kaum Spannung. Natürlich wird öfter zur Gitarre gesungen.
Pedros klassenkämpferische Aktionen gegen den Padron Esteban, einen Ausbeuter und Vergewaltiger, kommen nicht vor. Wohl auch, weil auf der Bühne die Konflikte vor allem zwischen den Geschlechtern verhandelt werden. Zwischen fortschrittlichen Frauen und konservativen, machtbewussten Estebans. Kein Zufall, dass am Schluss, wenn, noch vor dem Putsch, eine Folterszene gezeigt wird, dann eine Darstellerin Salvador Allendes letzte Rede vorträgt.
Es ist eine Inszenierung mit klugem Konzept, dessen Umsetzung aber kaum funktioniert. Weil sich das Szenenpuzzle ohne Spannungsbögen und klare Binnenstruktur unendlich langsam dahin zieht. Statt zusammenfasssende Sinnhaftigkeit zu stiften, verzettelt sich die Inszenierung in kleinteilige Ausmalerei. Inszenierung und Publikum schienen, trotz eines furiosen Schluss-Solos von Ignaz Kirchner als gescheiterter alter Esteban, arg erschöpft.