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StartseiteSportgespräch"Entscheidende Jahre für die Entwicklung des Fußballs"25.04.2021

Scheitern der Super League"Entscheidende Jahre für die Entwicklung des Fußballs"

Die Gründung der Super League hat gezeigt, wie weit sich Fußball-Funktionäre von den Fans entfernt haben. Das Scheitern der Super League hat dagegen gezeigt, welchen Einfluss die Fans noch haben. Wie es nun weitergehen muss, darüber haben Katja Kraus, Lars Klingbeil und André Völkel im Dlf-Sportgespräch diskutiert.

Katja Kraus, Lars Klingbeil und André Völkel im Gespräch mit Astrid Rawohl

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 Leeds United v Manchester United, ManU - Premier League - Elland Road European Super League protest signs are seen outside the ground prior to the Premier League match at Elland Road, Leeds. Picture date: Sunday April 25, 2021. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xBarringtonxCoombsx 59395076 (IMAGO / PA Images)
Protest gegen die Champions-League-Reform: Fans haben im Stadion von Borussia Dortmund ein Banner aufgehängt. (IMAGO / PA Images)
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Vor einer Woche stand der europäische Fußball an einem Wendepunkt. Zwölf europäische Topteams hatten verkündet, sich zu einer Super League zusammenzuschließen und drohten damit, die gewachsenen Strukturen im Fußball zum Einsturz zu bringen. Nur zwei Tage später, nach heftigen Protesten von Fans, Spielern, Funktionären und Politikern ist die Super League aber vorerst wieder Geschichte und die Vereine sind zurück unter dem Dach des europäischen Fußball-Verbands UEFA.

"Wichtig ist, dass wir jetzt nach vorne blicken und dass wir uns gemeinsam einen Weg überlegen, wie wir unseren Wünschen und unseren Gefühlen Gehört verschaffen können und im Sport wieder teilhaben können, nicht nur im Stadion", sagte André Völkel im Dlf-Sportgespräch. Völkel ist Fan des Liverpool, eines der Gründungsmitglieder der Super League und Mitglied im Fanclub "Redmen Family Germany".

Katja Kraus, Ex-Vorstandsmitglied des Hamburger SV und Geschäftsführerin der Sportmarketingagentur Jung von Matt SPORTS, sagte: "Wenn man aus unterschiedlichen Perspektiven darauf schaut, herrscht bei mir Unverständnis darüber, wie eigentlich die Herangehensweise war. Also das man so viel Geld investiert und offensichtlich so lange eine Aktion plant, dabei aber so wenig in Szenarien denkt und so wenig Resonanz vorahnt, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Oder dass die handelnden Personen bereit waren, über die Resonanz hinwegzugehen. Und das ist dann natürlich ein erschreckendes Bild."

Klingbeil: "Es hat eine Abkopplung stattgefunden"

"Ich befürchte, dass über die letzten Jahre eine Abkopplung stattgefunden hat von dem, was Fans am Fußball eigentlich lieben", sagte Lars Klingbeil, SPD-Generalsekretär und Mitglied der von der Deutschen Fußball Luga (DFL) in Leben gerufenen "Taskforce Profifußball". "Da ist es dann zum großen Knall gekommen. Aber dass dieses Kartenhaus so schnell zusammengebrochen ist, hat schon gezeigt, dass da kommunikativ, strategisch, politisch überhaupt nichts vorbereitet war." Klingbeil glaubt, dass die Diskussion aber noch nicht beendet ist.

Fußball: Fußball: Champions League, Rückspiel im Achtelfinale, Borussia Dortmund - FC Sevilla am 09.03.2021 Die Dortmunder Fans fordern auf einer Choreografie Stop UCL Reforms. UEFA REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO. *** Football Champions League, second leg in the round of 16, Borussia Dortmund FC Sevilla on 09 03 2021 The Dortmund fans demand on a choreography Stop UCL Reforms UEFA REGULATES PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND OR QUASI VIDEO Copyright: xChristopherxNeundorf/Kirchner-Mediax  (IMAGO / Kirchner-Media) (IMAGO / Kirchner-Media)Den Druck auf allen Ebenen erhöhen
Während Fans, Spieler, Trainer, Funktionäre und Politiker die Super League verhinderten, beschloss die UEFA eine Reform der Champions League, die der Super League ähnelt. Die Super-League-Gegner sollten ihren Protest weiterführen, kommentiert Klaas Reese.

"Der richtige Kampf fängt jetzt erst an", sagte auch Völkel. "Eigentlich hätten wir am Montag gegen die Reform der Champions League protestieren müssen. Denn das ist nichts anderes als das, was die Clubs mit der Super League versuchen."

Denn von der von der UEFA bereits beschlossene Reform der Champions League profitieren vor allem die großen Vereine. Denn selbst größere Vereine in der nationalen Liga die Champions League verpassen sollten, könnte sie dank eine Sonderregelung dennoch teilnehmen. "Ich als Fan finde die Champions League zwar noch spannend. Aber am Ende finde ich nicht, dass mein Club in einem Wettbewerb spielen sollte, der eigentlich für Meister ausgelegt ist, wenn wir nur den vierten oder fünften Platz hatten", sagte Völkel.

Eine Folge ist, dass die Schere zwischen armen und reichen Vereinen im Fußball weiter auseinandergeht. Das war auch Thema der DLF-Taskforce. "Es geht um die Frage, welche Werte der Fußball vertritt", sagte Klingbeil. "Was ich mir vorgestellt habe ist, dass wird den Fußball ein Stück weit von unten reformieren und auch eine Bewegung einsetzt. Jetzt erleben wir von oben mit der Super League genau die entgegengesetzte Richtung. Also dass es noch eine weitere Gewinnmaximierung gibt, dass  das Faninteresse noch weiter nach hinten rückt, dass die Werte jenseits von Profit noch weiter verdrängt werden. Und das zeigt noch einmal, dass so eine Debatte, wie wir sie in Deutschland geführt haben, auf europäischer Ebene dringend notwendig ist."

Positiv hob Klingbeil die Bundesliga hervor. "Ich war sehr froh, dass kein Verein dabei war", sagte er. Ich glaube, das tut der Liga insgesamt gut und man hat in den letzten Tagen auch gemerkt, dass sich viele sehr positiv auf die Liga bezogen habe. Vielleicht hat das in der Debatte auch europäisch geholfen."

Kraus: "Werteorientierung ist fundamental wichtig"

Dass im Fußball eine Entfremdung von den Menschen stattgefunden hat, habe auch damit zu tun, dass es im Fußball wenig Sensibilität für Entwicklungen gebe, sagte Kraus. "Es braucht eine neue Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Entwicklungen, mit Fans und deren Habitus. Wenn wir über Zukunftsfähigkeit des Fußballs reden, reden wir über zwei Dimensionen: Der Profifußball und der Freizeitsport. Die Auseinandersetzung damit bei den Clubs war in den vergangenen Jahren sehr gering. Weil sie einfach so krisensicher waren und sich nicht intensiv mit ihrer Rolle als gesellschaftlicher Akteur beschäftigen mussten. Ich glaube, diese Art der Werteorientierung ist fundamental wichtig. Ein wirklicher Dialog zu denjenigen, die den Sport Fußball tragen und die ihn zu diesem gesellschaftlichen Akteur machen, hat nicht stattgefunden. Und darum geht es. Und dann entwickelt sich auch durch Glaubwürdigkeit Vertrauen in die Entscheidungsträger."

Deshalb brauche es nun Regeln, sagt Kraus. "Es gibt keinen Veränderungsdrang bei denjenigen, die das System geschaffen haben. Es braucht neue Impulse. Der Fußball repräsentiert schon lange nicht mehr die Gesellschaft. Und das ist eigentlich das, was die Faszination ausmacht, die Unterschiedlichkeit derjenigen, die diesen Sport lieben."

Als mögliche Maßnahmen nennt Völkel mehr Mitspracherecht für Fans, zumindest in England, unabhängige Regulatoren und eine fairere Verteilung der TV-Gelder und eine bessere Umsetzung des Financial Fair Play.

Klingbeil: "Verhärtete Fronten müssen aufgelöst werden"

"Dass Fans eingebunden werden müssen, haben die letzten Tage gezeigt", sagte Klingbeil. Ihm seien in der Taskforce jedoch die verhärteten Fronten zwischen Fans und Vereinen aufgefallen. "Das muss aufgelöst werden und das geht nur durch andere Strukturen. Und dann kann man auch Entwicklung viel besser gestalten." So müssten Fans bereits im Vorfeld von Entscheidungen stärker mit eingebunden werden.

Es müsse ein Umdenken geben, sagte auch Kraus. "Ich finde es bemerkenswert, dass Fans diejenigen sind, die insbesondere bei den Themen Werte, Transformationen, Innovationen wirklich Treiber sind und über Vereinspolitik hinaus ein politisches Interesse haben. Und es ist eine große Chance, weil es womöglich dazu führt, dass man wirklich in einen Dialog geht und gemeinsame Wege entwickelt."

Chelsea Fans protestieren in London am 20.04.2021 gegen die Pläne einer europäischen Super League.  (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Frank Augstein) (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Frank Augstein)Die Superreichen wollen den Fußball besitzen
Die European Super League sei der Versuch einiger Superreicher gewesen, den Fußball unter ihre Kontrolle zu bringen, kommentiert Constantin Eckner.

"Ich denke, dass es genug Platz gibt für Investoren, Unternehmen und Sponsoren im Fußball. Nur man muss das System wieder nachhaltig gestalten und die Forderungen der Super League haben gezeigt, dass es nicht nachhaltig ist", sagte Völkel. "Das Zerstört den Fußball, das zerstört die Integrität und verhindert die Entwicklung."

Der Fußball habe in den vergangenen Jahren zu sehr nach eigenen Regeln funktioniert, warf Kraus ein. "Und ich glaube, sie sind jetzt einen Punkt, an dem das anders wird und das ist wichtig und gut. Und darin liegt jetzt wirklich eine große Chance und die sollten wir nutzen. Und das gelingt nur durch Handeln. Und dazu braucht es Regelungen bei all den Institutionen, die dazu mächtig sind, das vorzugeben. Weil aus sich heraus wird sich das System nicht verändern."

Lars Klingbeil ergänzte: "Die Corona-Pandemie hat diese Zuspitzung noch einmal beschleunigt. Das sind jetzt sehr entscheidende Jahre für die Entwicklung des Fußballs. Jeder, der Verantwortung im Fußball trägt, muss sich bewusst machen, dass die nächsten Jahr sehr entscheidend werden, ob man den Kontakt zu den Fans behält und der Fußball überhaupt noch eine Zukunft hat, oder ob das alles völlig den Bach runter gehen kann in den nächsten Jahren."

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