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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Das ganze System gerät ins Rutschen"22.06.2020

Schlachthofschließungen"Das ganze System gerät ins Rutschen"

Wird ein Schlachthof geschlossen, müssen die Tiere an andere Betriebe vermittelt werden oder länger im Stall bleiben. Den Landwirten entstünden dadurch höhere Kosten, so Martin Hofstetter von Greenpeace im Dlf. Vor allem verschärfe sich das Grundproblem der Schweinezucht: zu wenig Platz für die Tiere in den Ställen.

Martin Hofstetter im Gespräch mit Susanne Kuhlmann

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Hausschweine gehalten in einem koventionellen Schweinemastbetrieb im Landkreis Dahme Spree. (imago images / Marius Schwarz)
Gut fürs Klima, für die Tiere, für die Emissionen und wahrscheinlich auch für die Landwirte wäre es nach Einschätzung des Greenpeace-Experten Martin Hofstetter, insgesamt weniger Tiere zu halten (imago images / Marius Schwarz)
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Die Situation rund um den großen Tönnies-Schlachthof in Ostwestfalen ist dramatisch und hat Auswirkungen für alle Schweinemäster, die ihre schlachtreifen Tiere dort in den nächsten Tagen anliefern wollten. Die Tiere müssen an andere Schlachthöfe vermittelt oder länger gemästet werden, erläutert Agraringenieur Martin Hofstetter von Greenpeace. Langfristig fordert er einen Umbau des Systems und weniger Tiere unter besseren Bedingungen zu halten.

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Susanne Kuhlmann: Kann man große Schlachthöfe einfach so schließen?

Martin Hofstetter: Das ist tatsächlich nicht ganz einfach, die einfach zu schließen, weil die Landwirte natürlich im Grunde nicht feste Verträge, aber doch Absicherungen haben, dass sie ihre Tiere dort abliefern können. In der Größenordnung, die wir jetzt haben mit dem Tönnies-Schlachthof, das ist natürlich gigantisch. Das ist der größte Schlachthof nicht nur hier in Deutschland, sondern, glaube ich, in ganz Mitteleuropa.

Nichtsdestotrotz haben wir riesige Schlachtkapazitäten insgesamt in Deutschland. Es werden ja 60 Millionen Mastschweine geschlachtet und selbst wenn jetzt ein Schlachthof ausfällt, der täglich 20-, 25.000 Tiere schlachtet, was ja wirklich eine riesige Zahl ist, können die Tiere an andere Schlachthöfe vermittelt werden – von Tönnies, aber auch von Konkurrenten wie Westfleisch und Vion. Im Einzelfall gibt es natürlich Probleme für die Landwirte, weil das wollen jetzt viele, die bisher an Tönnies geliefert haben, machen, und es gibt natürlich dann Fälle, wo die Tiere auch mal länger im Stall bleiben müssen.

"Grundproblem: schlechte Luft und zu enge Aufstallungen"

Kuhlmann: Aber eigentlich stehen ja schon fast die nächsten Ferkel quasi vor der Tür und die nächsten Sauen werden wieder befruchtet. Große Pausen sind im System ja nicht vorgesehen.

Hofstetter: Genau! Wir haben ein System, was eng getaktet ist, ähnlich wie in der Automobilindustrie mit den Zulieferern. Wenn ein Glied ausfällt, dann gerät das ganze System ins Rutschen. Man kann sich jetzt in der Schweinehaltung ein bisschen behelfen, dass man die Tiere länger mästet. Das heißt, sie werden nicht auf 110, 115 Kilogramm Lebendgewicht gemästet, sondern wenn die zwei Wochen länger im Stall stehen, dann werden die etwa zehn Kilogramm schwerer. Das ist schlecht für den Landwirt – einerseits, weil die Tiere etwas verfetten. Dann kriegt er weniger Geld dafür. Und die Tiere haben eine schlechtere Futterverwertung, er muss mehr Futter einsetzen.

Ein drittes Problem, was ich mir vorstellen könnte, was jetzt kommt: Wir kommen jetzt in heiße Tage mit 30 Grad und höheren Temperaturen. Dann gerät auch schon mal die Entlüftung der Stallanlagen an ihre Grenzen. Das ist nicht gut, das ist nicht schön, das ist das Grundproblem aber, was wir haben in unseren Schweinemastbetrieben: eine schlechte Luft, zu enge Aufstallungen. Da hilft eigentlich nur, weniger Tiere oder den Tieren mehr Platz zu geben.

Tierbestände abbauen

Kuhlmann: Wie soll das weitergehen? Wir haben ja eben schon gehört, wie das ist mit Stallumbauten, mit mehr Tierwohl für Tiere, welche Regelungen und Gesetze im Grunde diesen Projekten auch im Wege stehen. Was sehen Sie für die Zukunft?

Hofstetter: Ich finde, das ist auf jeden Fall der richtige Ansatz, auf Tierwohl zu setzen, den Landwirten gleichzeitig pro Tier auch einen höheren Erlös zu bieten, sodass sich das für die Landwirte lohnt, dass wir aber auch Lebensbedingungen haben für die armen Tiere, die einigermaßen verträglich sind. Dass das mit den Emissionen in den Griff zu kriegen ist, zeigen eine ganze Reihe von Untersuchungen. Die zeigen, dass Tierwohlställe durchaus ähnliche, teilweise auch bessere Emissionswerte haben als die konventionellen Ställe. Das Problem tritt dort auf, wo wir hohe Viehdichten haben: im Münsterland, in Nordwestdeutschland, im Oldenburger Land und so weiter, wo man ja schon weit die Emissionsgrenzen überschritten hat und jeder Umbau jetzt genehmigungspflichtig wäre und man keine Genehmigung bekommt, weil die gesamte Emissionslage schon zu hoch ist.

Da hilft eigentlich nur das holländische Modell, dass man ganz gezielt Betriebe rauskauft, Geld in die Hand nimmt und in diesen Intensivregionen dafür sorgt, dass insgesamt der Viehbestand reduziert würde. Ich denke mal, das ist sinnvoll. In den Niederlanden greifen auch sehr viele Landwirte darauf zurück. Damit könnten wir auch wirklich teilweise schlimme Altställe irgendwie rausnehmen aus der Nutzung. Das wäre auch gut für die Tiere. Dummerweise hat das Landwirtschaftsministerium sich dazu noch nicht geäußert. Es wäre gut fürs Klima, es wäre gut für die Tiere, es wäre gut für die Emissionen, wahrscheinlich auch für die Landwirte. Da bräuchte man mal wirklich eine politische Botschaft auch von der Bundeslandwirtschaftsministerin, dass man gezielt in diesen Regionen die Tierbestände abbaut und dafür mal Geld einsetzt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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