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StartseiteCampus & KarriereSchlechte Betreuung ausländischer Studierender in Deutschland12.12.2008

Schlechte Betreuung ausländischer Studierender in Deutschland

Kirchen wollen Internationalisierung der Hochschule gerechter gestalten

Die Qualität der Betreuung ausländischer Studierender ist schlecht, kritisieren die Arbeitsgemeinschaft der katholischen Hochschulgemeinden und die Evangelische Studentinnengemeinde in der BRD (ESG) gemeinsam. Was können die Kirchen dazu beitragen, die Internationalisierung der deutschen Hochschulen gerechter zu gestalten? Diese Frage diskutieren die christlichen Studentengemeinden zur Zeit bei einer Tagung in Kronberg im Taunus. Ludger Fittkau berichtet.

Von Ludger Fittkau

Ausländische Studierende (Humboldt-Stiftung)
Ausländische Studierende (Humboldt-Stiftung)

Elena Rubu kam vor siebeneinhalb Jahren aus Rumänien nach Deutschland. Heute studiert sie in München Kulturanthropologie und engagiert sich ehrenamtlich in der Katholischen Hochschulgemeinde. Tagtägliche finanzielle Sorgen drücken Elena Rubu genauso wie viele andere ausländische Studierende, berichtete sie auf der Tagung der katholischen und evangelischen Studentengemeinden in Kronberg:

"Wir haben kein Geld, wir können nicht überleben. Ich spreche einfach für die nicht begnadeten Nationen, die nicht mit vollen Taschen nach Deutschland kommen. Und am Ende steht man halt da und fragt sich: Kann ich das zu Ende führen, werde ich unterstützt und was soll mir das bringen, dieser tägliche Kampf, wenn Geld für Miete, Versicherung, Studiengebühren nicht da ist? Da sind wir halt in dieser existenziellen Phase befangen und bei manchen ist das so, dass sie da nicht mehr raus finden und das Studium abbrechen."

Auch sie selbst habe schon kurz vor dem Studienabbruch gestanden, bekennt Elena Rubu freimütig. Halt habe sie diesem Moment in der Katholischen Studentengemeinde gefunden, auch Zuspruch von deutschen Kommilitonen. Das sei ganz und gar nicht selbstverständlich, betont Dr. Lukas Rölli, Geschäftsführer des Katholischen Forums Hochschule und Kirche. Auch Professoren und Hochschulleitungen gehen oftmals zu wenig auf die ausländischen Studierenden zu, so Rölli:

"Die ausländischen Studierenden stehen nicht als erste im Blickpunkt bei den meisten Hochschulen. Auch die akademischen Auslandsämter müssen in der Regel für ihre Klientel kämpfen. Die allerersten, die man in den Blick nimmt, sind die hoch qualifizierten Leute, die Fachkräfte, die man in den Forschungsprojekten haben will, in der Regel ist die große Gruppe der frei ins Land kommenden Studierenden, die sogenannten "Free Mover" gar nicht im Blick der entsprechenden Institutionen innerhalb der Universitäten, auch nicht bei den Professoren."

Die Kirchen wollen mit ihren Angeboten gegensteuern, betont Rölli. Für Erstsemester aus dem Ausland werden regelmäßig interkulturelle "Willkommensseminare" veranstaltet unter dem Titel: Deutschland – mein fremdes Zuhause.
In Erlangen sammelt die Evangelische StudentInnengemeinde Spenden für einen regionalen Darlehensfonds, um bedürftigen Studierenden aus dem Ausland Studiengebühren zu bezahlen. Beide großen christlichen Kirchen stellen bundesweit mehrere Millionen Euro pro Jahr für finanzielle Nothilfen zur Verfügung.

Doris Kreuzkamp, Ausländerreferentin der Evangelischen Studentengemeinde Gießen unterstreicht, dass nicht nur Studierende der eigenen Konfession die Angebote wahrnehmen:

"Es kommen wirklich Studierende, die sich als evangelisch verstehen, die katholisch sind, muslimische Studierende, Studierende, die sich gar nicht ideologisch irgendwie verorten wollen und genau das ist auch die große Chance unserer Häuser, das wir tatsächlich den innerreligiösen Dialog und den interkulturellen Dialog fördern und auch ermöglichen."

Doch diese Angebote bleiben ein Tropfen auf dem heißen Stein, wenn die gesellschaftlichen und auch die hochschulpolitischen Rahmenbedingungen nicht stimmen. Dies war ein Tenor der Kronberger Tagung. Thomas Richter-Alender arbeitet als Hochschulseelsorger am Ökumenischen Zentrum Stuttgart seit über 15 Jahren mit ausländischen Studierenden zusammen. Er stellt fest, dass die maximal 90 Arbeitstage pro Jahr, die ausländischen Studierenden hierzulande gesetzlich für Jobs eingeräumt werden, für viele kaum noch ausreichen, den Lebensunterhalt und die Studiengebühren zu bezahlen:

"Ich denke, dass auch die Umstellung des Studiensystems in Deutschland von Diplom und Magister auf Bachelor und Master das Ausländerstudium in dieser Republik nicht unbedingt befördert, im Gegenteil. Durch das straffe Studium sind ausländische Studierende in Zukunft fast gar nicht mehr in der Lage, ihren Lebensunterhalt während des Semesters zu finanzieren."

Deshalb lautet eine weitere Forderung der christlichen Studentenseelsorger: Man muss in Zukunft insbesondere Studierende aus Entwicklungsländern schon in ihren Heimatländern über die Schwierigkeiten eines Studiums in Deutschland besser aufklären. Gerechte Information - auch das sei ein Beitrag zur internationalen Solidarität mit Studienplatzsuchenden.

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