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StartseiteEine WeltSchleppende Aufarbeitung der Vergangenheit in Paraguay03.11.2007

Schleppende Aufarbeitung der Vergangenheit in Paraguay

In gut einem halben Jahr wird in Paraguay gewählt und die Präsidentschaftskandidaten sammeln Mehrheiten und geben sich populär. Für so ungemütliche Themen wie Korruptionsbekämpfung oder Vergangenheitsbewältigung ist da kein Platz. Dabei gäbe es besonders aus der 35jährigen Stroessner-Diktatur noch viel zu aufzuarbeiten. Eine Reportage von Peter B. Schumann aus Asunción.

Paraguays Ex-Diktator Alfredo Stroessner (AP Archiv)
Paraguays Ex-Diktator Alfredo Stroessner (AP Archiv)

Eine Seitenstraße im lauten Zentrum von Asunción. Unübersehbar macht hier das 3. Kommissariat der Polizei auf sich aufmerksam. Gegenüber duckt sich ein unscheinbares, zweistöckiges Gebäude in die Häuserzeile. Jahrzehntelang versuchte jeder, hier so schnell wie möglich vorbeizukommen, denn La Técnica, wie dieses 'Nationale Zentrum für technische Angelegenheiten' kurz hieß, war als Ort des Terrors berüchtigt. Heute verweist ein Schild auf das Museum der Erinnerung.

"Das war die erste offizielle Folterschule in Lateinamerika" - erklärt Martín Almada, einer der Gründer des Museums. "1956 wurde sie mit US-amerikanischer Hilfe eingerichtet, zwei Jahre, nachdem Stroessner die Macht an sich gerissen hatte. Nach dem Sturz des Diktators entdeckten wir im Dezember 1992 die Geheimarchive der Polizei und konnten endlich im Einzelnen nachweisen, was an diesem Ort wirklich geschehen ist, und wie sie sich überhaupt entwickelt hat, die Geschichte der Repression in Paraguay." "

Sie begann zwar, lange bevor der deutsch-stämmige Hitler-Verehrer Stroessner seine Schreckensherrschaft errichtete, die immerhin 35 Jahre, bis 1989, dauerte. Aber mit ihm erreichte sie ein bis dahin unbekanntes Ausmaß. Dank der unermüdlichen Bemühungen von Bürgern wie dem inzwischen 70-jährigen Rechtsanwalt Martín Almada konnten ihre Mechanismen aufgedeckt werden und ihre Beziehungen zu einem internationalen militärischen Netzwerk der Bekämpfung des Terrors im Cono Sur, im südlichen Teil von Südamerika.

"Wir haben auch die Dokumente der ‘Operation Condor' entdeckt" - so Martín Almada - "das Organigramm, nach dem sie funktionierte. Sie wurde in den 70er Jahren inmitten des Kalten Kriegs gegründet und zwar auf Anregung von US-Außenminister Kissinger. Er gab Pinochet den Auftrag, einen Militärapparat zu schaffen, der jegliche politische Veränderung in Lateinamerika ersticken sollte. In der 'Operation Condor' arbeiteten Militärs aus den Diktaturen in Argentinien, Brasilien, Chile, Bolivien, Uruguay und Paraguay zusammen, um den Feind im Innern zu liquidieren, und das waren für sie Bürger, die Demokratie, Gerechtigkeit und Freiheit verlangten." "

Im Museum der Erinnerung hängt eine riesige Karte von Paraguay, übersät mit Dutzenden von roten Punkten: den Zentren, in denen solche Bürger gefoltert, ermordet oder oft jahrelang kaserniert wurden. Martín Almada selbst steckten sie in ein Konzentrationslager mit 400 Häftlingen, darunter 100 Frauen. Er war damals ein schlecht bezahlter Lehrer und hatte zusammen mit seiner Frau Celestine, ebenfalls Lehrerin, eine Selbsthilfeorganisation für Pädagogen gegründet und eine berühmte Schrift verbreitet: Die Pädagogik der Unterdrückten des brasilianischen Priesters Paulo Freire.

"November 1974 haben sie mich verhaftet und mich vor ein Militärgericht gestellt, das aus Armeeangehörigen von Argentinien, Brasilien, Chile, Uruguay und Paraguay bestand" - so Martín Almada. "Sie beschuldigten mich, ich hätte in den Säcken mit Nahrungsmitteln unserer Kooperative ein Waffenlager versteckt und zur Subversion angestiftet mit Hilfe dieser Organisation und des Buchs von Paulo Freire. Dafür folterten sie mich 30 Tage lang. Sie verbrannten meine Augen mit heißen Lampen. Sie ließen meine Frau meine Schreie hören und erklärten mich für tot: Celestine erlitt daraufhin einen Schock und starb kurz danach, weil kein Arzt sich traute, sie zu versorgen. Eine Woche lang ließen sie mich nichts als Fäkalien essen. Sie richteten mich physisch zugrunde und klagten mich als intellektuellen Urheber des Terrors an." "

Drei Jahre musste Martín Almada im Konzentrationslager aushalten. Es besaß einen makabren Namen: Emboscada/ Falle. Dann gelang es der evangelischen Kirche und Amnesty International, ihn herauszuholen. Sein vielfältiges Engagement für die Menschenrechte und die Aufklärung der Verbrechen in Paraguay wurde 2002 mit dem Alternativen Nobelpreis gewürdigt.

Auf einem Rundgang durch die wenigen Räume des Museums der Erinnerung erzählt er, dass früher hier in der sog. Técnica unter Anleitung eines US-amerikanischen Hauptmanns gefoltert wurde: mit Elektroschocks aus der Batterie, die hier steht; mit Zangen, die man gefunden hat und mit denen Fingernägel oder Zähne ausgerissen wurden; das eiserne Bettgestell, der Rost, auf dem sie Menschen mit elektrischem Strom'grillten'; die stählernen Fußfesseln, mit denen sie fixiert wurden. Ein Horrorkabinett und daneben Fotos der Opfer: Männer und Frauen. Wer hier überlebte, wurde gegenüber im 3. Polizeikommissariat eingepfercht, bis er in eines der KZs 'verschickt' wurde. Bundespräsident Köhler hat den Ort des Schreckens bei seinem Paraguay-Besuch im Frühjahr besichtigt.

"Dieses Gebäude in Beschlag genommen zu haben, ist sehr wichtig. Und Besuche zu erhalten wie den des Bundespräsidenten, ist eine moralische Unterstützung für uns. Denn die Verlängerung unseres Mietvertrags ist seit Dezember des letzten Jahres überfällig. Erst gehörten wir zum Innenministerium, dann zum Erziehungsministerium, und nun hängen wir in der Luft. Aber hier werden wir nicht mehr rausgehen. Der Bundespräsident fragte uns: Was brauchen Sie? Wir baten um einen Museumsfachmann, den wir auch sofort erhielten. Er hat uns wichtige Anregungen gegeben. Jetzt müssen wir sehen, wie wir sie mit deutscher Hilfe umsetzen." "

Martín Almada gelang es vor 15 Jahren, die Geheimakten der Polizei auf einer Wache in der Nähe von Asunción aufzuspüren. Dieses Archiv des Terrors ist heute im 8. Stock des Justizpalastes öffentlich zugänglich. Die Dokumente der Verbrechen liegen offen, die meisten Namen der Verbrecher sind bekannt. Dennoch ist Paraguay - anders als Argentinien und Chile - weit von einer gründlichen Aufarbeitung der Vergangenheit entfernt.

"Es gibt hier einen doppelten Diskurs" - so Martín Almada. "Nach außen ist dies ein demokratisches Land, das angeblich als einziges seine Folterer bestrafte. Der Polizeichef wurde verurteilt und starb im Gefängnis. Der Chef des Repressionsapparats erhielt eine 25-jährige Haftstrafe und starb ebenfalls im Gefängnis. Viele Folterer sind in Haft. Oberflächlich gesehen herrscht hier Gerechtigkeit. / Aber wer gab den Befehl für die Verbrechen? Die Akten belegen es: Stroess-ner. Er starb ungestraft in Brasilien vor gut einem Jahr. Der ranghöchste General nach ihm starb ungestraft. Alle Militärs, welche die Todesbefehle unterschrieben, kamen bisher nicht ins Gefängnis. Nur die Polizisten, welche die Dreckarbeit machten." "

Ähnlich unzulänglich verläuft auch die Arbeit der 'Wahrheitskommission'. Ihr Handlungsspielraum ist zwar - anders als in den Nachbarländern - kaum eingeschränkt durch Schlusspunkt- oder Amnestiegesetze. Und es ist ihr sogar erlaubt, die Namen der Täter öffentlich zu nennen. Aber ihr fehlen die nötigen finanziellen Mittel, um innerhalb des weitläufigen Landes Nachforschungen anzustellen, und die juristischen Möglichkeiten, um Aussagen zu erzwingen. Außerdem beteiligen sich ihre Mitglieder aus Regierungskreisen kaum an der Aufklärungsarbeit. Immerhin wurde die Tätigkeit der so behinderten 'Wahrheitskommission' bis August 2008 verlängert.

"Es gibt große Fortschritte, aber auch große Rückschritte" - meint der Träger des Alternativen Nobelpreises. "Erst vor kurzem haben wir durch Demonstrationen der Bevölkerung verhindert, dass hier Bushs neues Anti-Terrorgesetz verabschiedet wurde. Es ist bereits in Mexico, Salvador, Guatemala und Argentinien in Kraft. Nach unseren Erfahrungen mit dem Anti-Terrorkampf der USA wollten sie hier wieder Terroristen schaffen ... Aber hier gibt es nur eine gewalttätige Regierung, welche die Armee aufs Land schickt, wo sie täglich Indios tötet." "

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