Montag, 03. Oktober 2022

Archiv

Schreiben in zwei Kulturen
Fremd sein im Vertrauten

Schriftsteller, die mit mehreren Sprachen arbeiten, sind wie Wandler zwischen den Welten. Die deutsche Autorin Anne Weber und der französische Schriftsteller Mathias Enard schilderten auf der Leipziger Buchmesse, was dieses Fremdsein im Vertrauten für sie bedeutet - und warum es in der aktuellen politischen Debatte hilfreich sein kann.

Anne Weber und Mathias Enard im Gespräch mit Tanya Lieske | 27.03.2017

    Die Schriftsteller Mathias Enard und Anne Weber im Gespräch mit Tanya Lieske.
    Die Schriftsteller Mathias Enard und Anne Weber im Gespräch mit Tanya Lieske. (Deutschlandradio / Berzkalns)
    Tanya Lieske: Die Buchmesse in Leipzig ist vorbei, mit einem Besucherrekord. Mehr als 285. 000 Menschen wurden gezählt, viele Ihnen unterwegs zu Lesungen. Ungebrochen ist die Faszination, den Autor, die Autorin mit dem eigenen Buch in der Hand zu sehen.
    Auch am Stand des Deutschlandfunks war daher viel los. Es waren große Namen zu Gast. Zum Beispiel Mathias Enard, er hat in diesem Jahr in Leipzig den Preis zur Europäischen Verständigung bekommen für seinen Roman Kompass. Ein Liebesroman im doppelten Sinne. Erzählt wird in einem langen Monolog die Liebe des Musikwissenschaftlers Franz Ritter. Der liegt wach in Wien und denkt an Sarah, sie ist auch Wissenschaftlerin, sie ist Orientalistin. Die zweite große Liebesbewegung in diesem Roman ist die der beiden Figuren zu jenem großen Gebiet, das man Orient nennt. Dort fühlt sich auch der Autor Mathias Enard zuhause.
    Was es bedeutet, in mehreren Kulturen zu leben und zu schreiben, dazu habe ich auch Anne Weber befragt. Anne Weber war auf der Messe unterwegs mit ihrem neuen Roman Kirio. Ein Roman, der auf sehr raffinierte Art mit dem Genre der Heiligenvita spielt. Anne Weber lebt und arbeitet seit mehr als 30 Jahren in Paris. Gekommen ist sie 1983 als Au Pair und ist nie wieder gegangen. Warum nicht, das wollte ich zu Beginn unseres Gesprächs wissen?
    "Ich wollte die große, weite Welt entdecken"
    Anne Weber: Ich kam aus einer deutschen Kleinstadt im Hessischen, und mein Wunsch war, in die große, weite Welt, also die Welt zu entdecken. Und ich wollte raus aus diesem kleinstädtischen deutschen Mief, und Paris war eine Traumstadt für mich. Ich wäre auch nach London wahrscheinlich gegangen oder sonst wohin. Ich bin dann durch einen Zufall nach Paris geraten. Und warum ich geblieben bin – ich war total fasziniert von der Stadt und hatte überhaupt keine Lust, wieder nach Deutschland zurückzugehen. Und außerdem habe ich relativ bald einen petit copain gehabt, einen Franzosen kennengelernt. Dann ist irgendwann der Franzose wieder aus meinem Leben verschwunden, aber Frankreich ist geblieben.
    Lieske: Die beste Art, eine Sprache zu lernen. Sie haben in einem Interview mal gesagt, es ging um Ihr Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland: "Ich stehe ein bisschen abseits, und ich schaue immer mal wieder rüber." Also der Blick von Frankreich aus nach Deutschland, ist das Ihr Alltagsgefühl, Anne Weber?
    Fremd sein im Vertrauten
    Weber: Es ist sowohl mein – es ist eigentlich mein Alltagsgefühl in beiden Ländern. Wenn ich in Frankreich bin, fühle ich mich nicht ganz französisch natürlich, weil ich ja eine deutsche Sozialisierung hinter mir habe und keine französische Kindheit, nicht in Frankreich in die Schule gegangen bin. Da sind ganz viele Sachen, die man nicht mehr nachholen kann. Also eine leichte Fremdheit, und doch Vertrautheit. Wenn ich aber wieder in Deutschland bin für eine Weile, dann habe ich noch so eine alte Vertrautheit von früher, aber ich fühle mich auch fremd. Das ist für das Schreiben eigentlich gar nicht so hinderlich, es ist sogar eher förderlich.
    Die Autorin Anne Weber im Interview.
    Die Autorin Anne Weber im Interview. (Deutschlandradio / Berzkalns)
    Lieske: Genau. Dieses Jonglieren mit Nähe und Distanz, das zeichnet natürlich auch Ihre Prosa aus. Ich bleibe noch einen ganz kleinen Tick bei Ihrer Vita. Komparatistik und französische Literatur an der Sorbonne. Sie haben dann, so weit geht es irgendwie noch, mit dem Übersetzen begonnen, Marguerite Duras, Georges Perrault ins Deutsche. Aber jetzt wird es interessant. Sie haben irgendwann auch angefangen, auch ins Französische zu übersetzen, zum Beispiel Peter Handke, Marie-Luise Scherer. Das ist beides eine sehr aufwendige, eine sehr knifflige Prosa. Sie schreiben selbst seit den 90er-Jahren, und Sie übersetzen Ihre eigene Prosa zurück ins Französische. Frau Weber, warum geben Sie Ihre Texte nicht aus der Hand, warum machen Sie das gern selbst?
    "Mein Vertrauen in Übersetzer ist nicht grenzenlos"
    Weber: Warum gebe ich es nicht aus der Hand? Am Anfang war es einfach so, dass es nur das französische Buch gab, das war zuerst auf Französisch geschrieben und in Frankreich veröffentlicht. Und meine deutschen Freunde und meine Familie konnten es nicht lesen und haben mich gefragt, was ist denn das für ein Buch. Dann habe ich es eigentlich erst mal so für die übersetzt. Dann fand sich in Deutschland ein Verlag, der Suhrkamp-Verlag, und seitdem mache ich das. Ich würde ganz gern damit aufhören manchmal, aber das will jetzt der Verlag nicht. Und dann, muss ich hinzusagen, ich hoffe, Holger Fock hört nicht zu, aber mein Vertrauen in Übersetzer ist nicht grenzenlos.
    Lieske: Sie tun und Sie können was, was nur sehr wenige Menschen tun und können. Sie sind eben nicht nur fließend zweisprachig, sondern Sie haben beide Sprachen auch immer, täglich auf dem Prüfstand. Sie prüfen sie auf Herz, Seele und Verstand. Wenn es um das Französische und das Deutsche geht: Gibt es etwas, was die eine Sprache kann, was der anderen verwehrt ist?
    Weber: Ja, natürlich gibt es die berühmten mauvais lises, also diese zusammengesetzten Wörter im Deutschen, von denen man ja mehrere Elemente haben kann, drei, vier Elemente. Fahrradverleih, so etwas. Im Französischen muss man da immer arbeiten mit Präpositionen und Beiwörtern, und das macht den Satzbau irgendwie schwerfälliger.
    Lieske: Bevor wir über "Kirio", Ihren Roman, sprechen, möchte ich diese Art von Frage, an Sie, Mathias Enard, weiterreichen. Es sind bei Ihnen nicht nur zwei Sprachen, sondern Persisch, Arabisch, Sie haben viele Jahre im Orient verbracht. Sie leben und unterrichten in Barcelona, macht Spanisch, und am Mittwochabend hat Ihre Laudatorin uns verraten, dass auch noch Serbokroatisch und eine Prise Maltesisch dabei ist. Ich darf davon ausgehen, wenn man so viele Sprachen und Literaturen kennt, hat man erstens Freude dran, zweitens macht es aber vielleicht auch was mit dem Denken. Es ist bestimmt ein abendfüllendes Thema, aber können Sie es auf einen kleinen, kurzen Nenner bringen für uns? Was macht das mit Ihnen, diese vielen Sprachen?
    "Vielleicht habe ich zu viel von fremden Ländern geträumt"
    Mathias Enard: Ich bin auch in einer kleinen Stadt in Westfrankreich aufgewachsen. Und die erste Sprache, die ich gelernt habe, war Deutsch. Meine erste Begegnung mit einer fremden Sprache war mit Deutsch, und ein fremdes Land war Deutschland, also diese Partnerstädte. Und meine Familie, meine ganze Familie stammt aus Frankreich, und vielleicht habe ich viel geträumt von fremden Ländern und exotischen Ländern und Sprachen. Und dann habe ich die Gelegenheit gehabt, Arabisch zu studieren. Warum Arabisch? Es war die exotischste Sprache, die ich mir vorstellen konnte. Und ich bin nach Paris umgezogen, Arabisch und Persisch zu lernen, und es gab die Gelegenheit, in Damaskus, in Kairo und in Teheran zu studieren. Was macht das? Ich schreibe immer auf Französisch. Es ist sehr schwer für mich, in einer anderen Sprache zu schreiben. Ich habe ein bisschen auf Spanisch geschrieben, aber ich könnte nicht zum Beispiel, wie Anne Weber, mein eigenes Werk ins Spanische übersetzen. Ich bin zu faul dazu, weil Übersetzen ist sehr langweilig. Und wenn man was einmal geschrieben hat, dann es noch einmal wieder zu schreiben, das wäre für mich sehr lang.
    Der französische Autor Mathias Enard im Interview.
    Der französische Autor Mathias Enard im Interview. (Deutschlandradio / Berzkalns)
    Lieske: Ihr preisgekrönter Roman "Kompass", "Boussole" im Französischen, und er hat ja auch in Frankreich den Prix Goncourt bekommen, ist ein Roman, in dem es um allerlei Wanderbewegungen zwischen Okzident und Orient geht. Es ist ein Roman, der ein bisschen weltfern wirkt, und er ist natürlich über viele Jahre entstanden. 2015 haben Sie ihn in Frankreich veröffentlicht. Das war ein sehr besonderes Jahr. Das war ein Jahr, in dem sich hier in Frankreich sehr viel verändert hat. Es war das Jahr von "Charlie Hebdo". Und Sie, Mathias Enard, wurden dann plötzlich gefragt, als Stimme. Mathias Enard, erklären Sie uns, was ist hier gerade in unserem Land passiert. Sie haben sich dazu sehr differenziert geäußert in der französischen Presse, man kann das alles nachlesen. Worauf es mir ankommt, was ich Sie fragen will: Sie haben sich nicht zurückgezogen, sondern Sie haben gesagt, ich stehe der Gesellschaft zur Verfügung mit meinem Wissen über den Islam und über den Orient. Entspricht das Ihrem Bild des Schriftstellers? Sollte der Schriftsteller ein engagierter Mensch sein?
    "Gewalt kommt nicht aus den Religionen selbst"
    Enard: Was bedeutet engagiert? Das weiß ich nicht genau. Aber ich glaube, für diese Themen wie Islam und sehr verschiedene islamische Kulturen oder die arabische Welt, davon weiß ich ein bisschen, und da kann ich ein bisschen eine Meinung haben und diese Meinung vielleicht in der Presse oder im Radio publizieren. Das bedeutet nicht, dass ich ein engagierter Schriftsteller bin. Das ist nur eine normale, wie alle Bürger in meiner Position, die diese Medien erreichen können. Ich glaube, wir werden alle das Gleiche sagen, das heißt, dass Islam zum Beispiel oder die Religion an sich nicht etwas Gefährliches ist. Gewalt kommt aus den Religionen selbst nicht, und was wir haben jetzt in Europa, ist Angst vor den anderen, Angst vor Differenz, Angst vor dem Fremden. Und das ist wichtig, zu sagen.
    Lieske: Frau Weber, ich leite diese Frage mal an Sie weiter. Wenn man aus einem deutschen Kulturkreis kommt, tut man sich ja oft ein bisschen schwer mit dieser Idee des engagierten Literaten. Ich habe in Ihrem Roman "Kirio" den sehr schönen Satz gefunden: "Warum sind Wissenschaftler, von Schriftstellern und Filmemachern ganz zu schweigen, so gern dem Bösen auf der Spur und überlassen das Gute dem Vergessen oder allenfalls den Moraltheologen?" Sagen Sie mal was zu diesem Satz.
    Das Gute verkörpern, ohne langweilig zu sein
    Weber: Das ist wirklich eine Frage, die ich mir stelle. Ich habe zwar einerseits Erklärungen dafür, warum das Böse so faszinierend wirkt, gerade auf Romanciers, warum so viele schillernd böse Figuren, eher in Richtung zwiespältige Figuren, aber doch eher in Richtung des Bösen kippende Figuren vorkommen und weniger gute, und warum das Gute immer assoziiert wird mit dem Langweiligen. Und das hat mich ein bisschen geärgert, muss ich sagen, und es hat mich auch gewundert, weil ich persönlich finde, dass das Gute etwas ganz Seltsames eigentlich und Geheimnisvolles ist, weil man für das Böse immer irgendwelche Begründungen finden kann, warum jemand so handelt. Dann hat er bestimmte mildernde Umstände, oder er hat eine Kindheit gehabt, die so und so war, oder er hat Verletzungen erfahren oder er hat – da gibt es immer Gründe, während es für das Gute eigentlich keine Gründe gibt. Die Herausforderung dieses Buches bestand darin, eine Figur zu schaffen, die das Gute verkörpert – ich weiß schon, dass es das Gute so in Reinform nicht gibt und das Böse. Ich rede trotzdem jetzt in diesen Begriffen. Die das Gute verkörpert, ohne langweilig zu sein.
    Lieske: Diese Figur ist Kirio. Er trägt die Züge eines Heiligen, Sie erzählen seine Geschichte. Ein junger Mann mit wirrem Haarschopf, mit chronisch guter Laune, mit Fröhlichkeit, sehr großherzig, sehr freigiebig, der Menschheit sehr zugetan. Er geht gern auf den Händen, und er kann ganz bezaubernd Flöte spielen. Wie haben Sie diese Figur gefunden?
    Weber: Ich bin ausgegangen von einem Menschen in meiner direkten Umgebung, also in meinem Umfeld, über den ich immer staune, weil er eben jemand ist, der gut ist oder der ohne Arg ist, ganz ohne Arg, ohne jede Boshaftigkeit auch anderen gegenüber. Das kam zusammen, die Begegnung mit dieser Figur im wirklichen Leben und mit einer Figur eines Heiligen, und zwar des Heiligen Franziskus, wie er dargestellt wird von Chesterton. Chesterton hat eine Biografie des Heiligen Franziskus geschrieben, und darin wird der Heilige Franziskus beschrieben als ein eben nicht der ganz strenge, ernste, fanatische Heilige, den man sich vielleicht vorstellt, sondern als im Grunde einen Gaukler, einen freudigen Menschen, ein bisschen ein Spaßvogel auch.
    "Wir haben Fremdes in uns"
    Lieske: Über Ihre raffinierte Erzähltechnik haben wir schon ansatzweise gesprochen. Sie lieben das Spiel mit Erzählperspektiven, mit Nähe und Distanz. Diesmal haben Sie einen Erzähler, der behauptet, nicht zu wissen, wer er ist. Sie oder der Erzähler führt uns sehr gezielt auf eine Fährte. Ich war dann irgendwann sehr stolz. Ich hatte herausgefunden, wer er ist, ich dachte, klar, Gott ist es. Er ist mir aber eine Länge voraus und sagt, mein Wille geschieht nicht, ich bin nicht der liebe Gott. Wissen Sie denn, wer diesen Roman erzählt?
    Weber: Nein, ich weiß es tatsächlich selber nicht. Ich meine, Sie müssen sich vorstellen, es ist doch so, dass man in manchen Situationen – man lebt 30 Jahre mit jemanden zusammen, und dann, in einer Extremsituation handelt diese Person plötzlich völlig anders, und man hat das Gefühl, einem ganz Fremden gegenüber zu stehen. Und das kann man auch bei sich selbst beobachten in bestimmten extremen Situationen. Da hat man wirklich das Gefühl, sich nicht mehr zu kennen. Ja, es ist einfach so, dass wir Fremdes in uns haben, und dass dieses Fremde irgendwann auch einmal sich äußern kann. Es ist außerdem so, dass es eben in der Theologie die Vorstellung gibt, dass Gott nicht außerhalb des Menschen zu finden ist, sondern im tiefsten Innern des Menschen. Und warum sollte dieses Göttliche nicht auch aus mir dann sprechen können?
    Lieske: Ihr Erzähler ist auf der Suche nach sich selbst. Irgendwie braucht er ja noch was, um diese Heiligenvita dann entstehen zu lassen, und er verlegt sich auf die Zeugenschaft. Er zitiert Zeugen wie auf so einer Bühne, und die erzählen dann immer, was sie von Kirio wissen. Was sind das für Leute, Anne Weber, wer kommt da?
    Eine uralte Form der Heiligenlegende
    Weber: Man muss sagen, dass das Buch sich auf die uralte Form des Heiligenlebens oder der Heiligenlegende, der Heiligenvita stützt. Und in dieser literarischen, leider in Vergessenheit geratenen Form gibt es bestimmte Codes oder bestimmte Elemente, die wiederkehren. Es gibt zum Beispiel die Verkündigung, es gibt die ersten Wunder, die sehr früh geschehen, es gibt den Rückzug in eine Grotte. Es wird das Leben eines Heiligen erzählt in Episoden. Und bei meinem Kirio sind es auch Menschen, die – es ist seine Mutter, es ist seine erste und einzige Geliebte. Es ist dann ein Lehrer, und noch so ein paar Figuren, die von ihm berichten können.
    Lieske: Einer von ihnen ist Boileau. Er will einen Roman über Kirio schreiben, und es gibt einen tollen ersten Satz. Der Satz heißt: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen." Und ich hätte jetzt eine Wette: Wenn Sie den ins Französische übersetzen, würde da rauskommen: "Longtemps, je me suis couché de bonne heure." Dieser Satz taucht wo auf?
    Weber: In der "Recherche". Das ist der erste Satz der "Recherche". Ja, dieser Boileau ist ein bisschen einfallslos. Es fällt ihm nichts ein, und dann übernimmt er einfach einen Satz, den es schon gibt.
    Lieske: Genau. Die Suche nach der verlorenen Zeit, Mathias Enard, ist einer der Schlüsseltexte Ihres Romans. Ihr Franz Ritter liegt in einer langen, schlaflosen Nacht wach und erinnert sich an 17 Jahre des vergeblichen Liebeswerbens. Der zweite Text, der dahinter steht, ist die Scheherazade mit ihren 1001 Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Warum sind diese beiden Texte für Sie so zielführend für den Orient und den Okzident.
    "Wenn er denkt, dann lebt er"
    Weber: Vielleicht Tausendundeine Nacht mehr als "La Recherche du temps perdu". Ich schätze Proust, aber das hat mit "Kompass" außer der Erinnerung nicht viel zu tun. Ich spreche ein bisschen von Proust. Und diese Erinnerungen von Franz Ritter und diese lange, schlaflose Nacht für Franz ist ein bisschen wie Tausende Nächte in einer. Wir wissen alle, was Scheherazade, wer Scheherazade war. Und Scheherazade erzählte gegen den Tod. Wenn sie beide Schweigen, werden sie sterben. Sie musste erzählen, um zu leben. Und mit Franz passiert ein bisschen dasselbe, dass er glaube, er sei krank, und diese Nacht ist für ihn vielleicht die letzte. Und wenn er denkt, erinnert, dann lebt er.
    Lieske: Wir sind fast am Ende unserer Sendung. Ich glaube ja, dass künftige Komparatistengenerationen viel Vergnügen haben könnten mit diesen beiden Büchern. Ich habe sie akribisch nebeneinander gelegt und sehr schöne Sachen gefunden. Bei Ihnen, Frau Weber, zum Beispiel den schönen Satz, den ich Ihnen schenken möchte, Mathias Enard. Und zwar sagt der Erzähler, dass Kirio in verschiedenen Inkarnationen schon mal unterwegs war. Er sagt, im Orient bin ich auf ihn gestoßen, im tiefsten Russland und im hohen Norden. Das sagt Anne Weber. Bei Ihnen spricht Sara über die Heiligen von Konstantinopel und von Emeza, und sie sagt: "Sie erzählte die Geschichte dieser Narren in Christo, die ihre Narrheit nutzen, um ihre Heiligkeit zu verbergen." Ich denke, das ist ein zentraler Gedanke bei "Kirio", bei Ihrem Romanprojekt.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.