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StartseiteKalenderblattKafkas Nachfolger im Prager Kreis16.06.2016

Schriftsteller Ludwig WinderKafkas Nachfolger im Prager Kreis

Er zählte zum engsten Freundeskreis um Max Brod und leitete jahrzehntelang das Feuilleton der Deutschen Zeitung "Bohemia". Kurz nach der Besetzung Prags durch die deutsche Wehrmacht gelang Ludwig Winder die Flucht nach England. Mit seinen Romanen "Der Thronfolger" und "Die Pflicht" setzte er der Donaumonarchie und der NS-Zeit in Böhmen literarische Denkmäler. Vor 70 Jahren starb Winder.

Von Peter Becher

Das Tastaturfeld einer mechanischen Schreibmaschine (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Hoffend auf den Sieg der Alliierten, hielt Ludwig Winder als Autor unbeirrt an der deutschen Sprache fest und träumte bis zu seinem Tod am 16. Juni 1946 von der Rückkehr nach Prag. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
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"Der Thronfolger" Ludwig Winders Franz-Ferdinand-Roman

Aus den Feuilletons Über Kriegshetzer, Attentäter und Aufklärer

"Er war [...] in den engen Kreis der "Vier" aufgenommen worden, an Stelle Kafkas sozusagen; und er erwies sich als trefflicher Freund, [...] so dass wir ihn allmählich sehr lieb gewannen und alle (...) ganz aufrichtig zueinander sein konnten."

Ludwig Winder, über den Max Brod in seinen Memoiren so positiv schrieb, zählte neben Kafka, Werfel, Kisch und anderen zu den Autoren des berühmten "Prager Kreises", dessen wechselhafte Zirkel intensive Verbindungen zu tschechischen Schriftstellern und den Literaturszenen Berlins und Wiens unterhielten.

Ludwig Winder, am 7. Februar 1889 geboren, wuchs in dem südmährischen Städtchen Schaffa bei Znaim auf. Sein Vater war ein streng orthodoxer Jude, unter dessen Rigorosität der Junge schwer zu leiden hatte. Winder besuchte die Handelsakademie, war für verschiedene Zeitungen tätig und wurde schließlich, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs, Feuilletonredakteur der Prager Tageszeitung "Bohemia". Wie viele andere glaubte er an eine schnelle Bestrafung Serbiens für das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo. Doch bereits im Frühjahr 1915 zeichnete sich für ihn die wahre Dimension des Krieges ab, dessen Fortgang er mit kritischer Aufmerksamkeit verfolgte. Nicht ohne Wehmut kommentierte er das Ende der Donaumonarchie:

"Vater Haydn steht heute auf allen Straßen und spielt sein schönstes Lied. Wir hören die verschwebende Melodie, den Hut in der Hand und schämen uns nicht, eine Träne im Auge zu haben. Es ist die erste und letzte, die wir um Oesterreich weinen."[i]

Winder unterstützte emigrierte Schriftsteller

In den folgenden Jahren wurde Winder einer der profiliertesten Feuilletonredakteure der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Er publizierte Gedichte, Besprechungen, Essays und trat zunehmend als Romanautor hervor. 1934 erhielt er den Staatspreis für deutschsprachige Literatur. Als Prag nach der Machtergreifung Hitlers zu einer Drehscheibe des Exils wurde, öffnete er die "Bohemia" für emigrierte Schriftsteller und unterstützte sie selbst dann noch, als seine eigene Existenz immer brüchiger wurde. Sein Nachruf auf den tschechischen Dichter Karel Čapek im Dezember 1938 liest sich wie eine Selbstbeschreibung:

" ... eine gerechte Nachwelt wird ihn nicht nur einen Dichter heißen, sie wird auch des tapferen Menschen und Menschenfreundes gedenken, der dahinging, als die Ideale seines Lebens dahingegangen waren."

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Frühjahr 1939 war Winder als Jude extrem gefährdet. Im Juni gelang ihm mit seiner Frau und seiner Tochter Marianne die Flucht nach Polen und weiter nach England. Seine Tochter Eva, die in Prag zurückblieb, kam wenige Monate vor Kriegsende im KZ Bergen-Belsen ums Leben.

In seinen Romanen befasste sich Winder mit dem Judentum, dem er schmerzlich verbunden blieb, mit der Donaumonarchie und der Zeitgeschichte. "Der Thronfolger" zeichnet den in Sarajevo ermordeten Erzherzog als ambivalente Persönlichkeit, seine Klugheit, sein Misstrauen, seine geradezu pathologische Jagdleidenschaft, aber auch seine Rolle als liebender Familienvater. 1937 veröffentlicht, wurde der Roman im nationalsozialistischen Deutschland ebenso verboten wie im austrofaschistischen Österreich.

1949, drei Jahre nach Winders Tod, erschien sein Roman "Die Pflicht", der sich mit der Zeit der nationalsozialistischen Okkupation Böhmens befasst. Er schildert den Wandel des pflichtbewussten Beamten Josef Rada, der mit Politik nichts zu tun haben möchte und sich letztlich angesichts der Gräueltaten der Nationalsozialisten doch dazu entschließt, den Widerstand zu unterstützen:

"Nach der Ausrottung des Dorfes Lidice änderte Rada seinen Sinn. Er entschloß sich, die mit deutschen Soldaten beladenen Züge nicht länger zu verschonen. / es war ein Entschluss, den er nie gefaßt hätte, wenn er nicht zu der Überzeugung gelangt wäre, dass es seine Pflicht sei, die Opfer von Lidice zu rächen."

Winder hat den Roman im englischen Exil geschrieben, wo er die letzten sieben Jahre seines Lebens verbrachte. Hoffend auf den Sieg der Alliierten, hielt er als Autor unbeirrt an der deutschen Sprache fest und träumte bis zu seinem Tod am 16. Juni 1946 von der Rückkehr nach Prag:

"Die deutschen Schriftsteller, die in die Heimat zurückkehren, werden die Aufgabe haben, die Wahrheit zu sagen. Sie werden die Wahrheit ohne Beschönigung künstlerisch darzustellen haben."

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