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StartseiteCampus & KarriereAbsichtserklärungen statt Umsetzung in der Schulpolitik13.10.2020

Schulsituation während CoronaAbsichtserklärungen statt Umsetzung in der Schulpolitik

Zwei Monate nach den Schulgipfeln kritisiert die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft die schleppende Umsetzung der Digitalisierung. Die Bürokratie sei sehr langwierig. "Von Gleichheit der Lernbedingungen kann keine Rede sein", sagte GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann im Dlf.

Ilka Hoffmann im Gespräch mit Kate Maleike

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 Ein Schüler arbeitet in einer Grundschule an einem Tablet (picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)
"In dem ländlichen Raum, wo wir kein schnelles Internet haben, da ist auch noch nichts passiert", kritisiert GEW-Vorstand Ilka Hoffmann (picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa)
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Lehrkräfte mit Dienst-Laptops ausstatten, eine Flatrate für Schülerinnen und Schüler, alle Schulen so schnell wie möglich an gutes Internet anschließen und digitale Kompetenzzentren für die digitale Lehrerweiterbildung aufbauen - das waren die Maßnahmen, auf die sich Bund und Länder in zwei Schulgipfeln vor einigen Wochen verständigt haben. Zudem sollte der Schulbetrieb für mögliche Corona-Szenarien wetterfester gemacht werden, aber die Bildungsgewerkschaften VB und GEW kritisieren, dass seither nicht viel passiert ist. Ilka Hoffmann ist Vorstandsmitglied bei der GEW, der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. 

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Kate Maleike: Also Lehrer-Laptops, da sollten bis Ende dieses Jahres Hunderttausende Lehrer ausgestattet werden, der Bund hat 500 Millionen Euro dafür angekündigt. Sie haben bei Ihren Landesverbänden nachgefragt – wie ist denn das Ergebnis?

Ilka Hoffmann:  Ja, also die Ankündigung ist da, die haben wir auch mit Wohlwollen aufgenommen, aber es steckt der Teufel im Detail, wie immer. Die Bürokratie ist oft sehr langwierig, und dass die Laptops dann tatsächlich ankommen, das dauert einfach sehr, sehr viel länger.

Vieles noch in der Planungsphase

Maleike: Wie sieht es denn mit den digitalen Weiterbildungszentren aus? Es war ja schon vor Corona, "eine große Baustelle". Hat sich da was getan?

Hoffmann: Es ist so, dass die Planungen laufen, dass es auch die Absichtserklärungen gibt, aber ich wüsste jetzt noch von keinem, dass eröffnet worden ist. Es ist so, dass sich die Landesinstitute vernetzen auch zum Thema Digitalisierung und da auch über Konzepte reden, aber es ist jetzt erst mal alles noch so in der Planungsphase. Es ist nicht so, dass wenn ich jetzt Lehrerin bin und sage, ich möchte jetzt für meine Schule eine Fortbildung, dass ich jetzt direkt anklingeln kann bei einem Kompetenzzentrum und da eine Fortbildung bekomme – das ist nicht so.

Maleike: Das schnelle Internet für alle Schulen, auf dem Land auch und in den Städten, war auch ein Versprechen. Wissen Sie da den aktuellen Stand?

Hoffmann: In dem ländlichen Raum, wo wir kein schnelles Internet haben, da ist auch noch nichts passiert, auch das dauert sehr lange. Was wir jetzt haben, sind Absichtserklärungen, die auch in eine richtige Richtung gehen, aber dass tatsächlich die Umsetzung jetzt schon spürbar und sichtbar ist, davon kann man nicht sprechen – auch nicht, was das Internet anbelangt.

"Von Gleichheit der Lernbedingungen kann keine Rede sein"

Maleike: Die amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig, hat aber vor ein paar Tagen zumindest was Positives verkündet, sie hat nämlich gesagt, dass die Mittel aus dem Digitalpakt Schule, der ja eben genau diesen digitalen Ausbau auch zwischen Bund und Ländern geregelt hat und wo eben eine Menge Geld fließen soll, jetzt schneller abgerufen werden. Vor einigen Wochen war noch gemeldet worden, dass das sehr zögerlich alles ist. Frau Hubig sagt, nach ihren Angaben hat sich die Summe der bewilligten Mittel inzwischen verdreifacht, das heißt, da ist einiges in Bewegung, aber Ihnen geht es immer noch nicht schnell genug.

Hoffmann: Ja, es ist gut, dass es jetzt auch vorangeht, und das liegt auch daran, dass die Gemeinden natürlich auch im Lockdown nur beschränkt arbeitsfähig waren. Da sind jetzt wieder mehr Leute in den Büros und arbeiten, so kommt es mir vor, und es ist dennoch so, dass es natürlich gut gewesen wäre, wenn diese Umsetzung schon vor der Corona-Krise eingesetzt hätte. Wir haben jetzt einfach wenig Zeit und sehr viel Druck, und auch wenn jetzt mehr Mittel abgerufen werden, heißt das, dass es immer noch viele Schulen gibt, die unversorgt sind, wo es sehr holprig läuft, wo es noch an vielem fehlt. Von einer Gleichheit der Lernbedingungen kann keine Rede sein. Es ist ein Flickenteppich, wo es sehr, sehr große Gaps gibt.

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Maleike: Woran liegt das denn? Ist es ein Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern, da kommen ja die Kommunen auch noch dazu, was ist Ihre Antwort darauf?

Hoffmann: Es ist tatsächlich so, dass die Verantwortlichkeiten gesplittet sind und eine Stelle dann die Verantwortung sehr gut auf die andere schieben kann. Der Bund kann sagen, ja, die Länder sind so langsam, die Länder sagen, die Kommunen sind so langsam, die Kommunen sagen, wir haben da keine Ansprechpartner und das Geld kommt nicht und wir haben sowieso so viel zu tun, und das geht dann so hin und her. Es ist genau das das Problem, dass wir diese geteilten Zuständigkeit haben und auch Politik sich mehr auf Verlautbarungen konzentriert als auf die Abläufe. Also die Abläufe sollen andere machen in der Verwaltung, sie verkündigen nur, und da müsste man schauen, wie kann man Abläufe, wenn es Geld vom Bund gibt, effektiver gestalten. Aber da fehlt etwas der Wille, weil man sich meistens damit begnügt, etwas anzukündigen und dafür Lob einzufahren, aber wenn es dann um die Umsetzung geht, da guckt man dann nicht mehr so genau hin.

Politik sollte mehr Dialog zulassen

Maleike: Jetzt gibt es wieder ein Treffen von Kanzlerin und Länderchefs, da geht es vermutlich aber eher um das Beherbergungsverbot und andere Dinge, und die Kultusministerkonferenz sitzt wieder beisammen. Was hat da für Sie oberste Priorität, damit Schuldeutschland geschützt und handlungsfähig bleibt?

Hoffmann: Ich würde mir wünschen, dass man tatsächlich eine ehrliche Bilanz zieht von den bisherigen Maßnahmen und dass man auch die Lehrkräfte und ihre Gewerkschaften in die Beratung besser einbezieht. Wir haben ja auch Rückmeldungen aus den Schulen, aus den Landesverbänden, wie es tatsächlich vor Ort in der Realität gelaufen ist, und da würde ich mir wünschen, dass die KMK diese Erfahrungen, diese Rückmeldungen auch einbezieht und dann gemeinsam nach Lösungen sucht. Wir wissen aus anderen Ländern in Europa, dass die Akzeptanz da besonders groß ist, wo es auch mehr Dialog gibt. Was ich in dieser Krise vermisse, auch bei der KMK, ist eine Evaluation ihrer Arbeit in der Krise, wie gut war die, und auch mehr Dialog tatsächlich mit denjenigen, die es betrifft, nämlich den Pädagoginnen und Pädagogen, die in der Schule arbeiten, auch von den Eltern, von den Schülerinnen und Schüler und auch von den Verbänden und Gewerkschaften. Da schmoren sie lieber so in ihrem eigenen Saft, anstatt da wirklich mal auch in den Diskurs zu gehen. Ich denke, da würde auch Qualität entstehen, wenn man da mehr Dialog zulassen würde.

Maleike: Und möglicherweise auch mehr Verständnis. Die Bundesschülerkonferenz hat ja auch immer drauf hingewiesen, dass sie nicht mitbeteiligt wurde bei der Entwicklung von Szenarien. Wie stehen Sie zu dem Vorschlag, der jetzt von Unionspolitikern heute kam, wegen Corona zum Beispiel die Winterferien zu verlängern? Die Feriendebatte war ja immer mal wieder aufgeploppt, auch schon im Sommer als Maßnahme zum Schutz eben von Schülern und Lehrkräften.

Hoffmann: Ich lese da raus, dass es offensichtlich Politiker und Politikerinnen gibt, die doch nicht so an die ungeschützte Öffnung von Schulen glauben, die da eine Verunsicherung spüren – das kann ich noch nachvollziehen –, nur ist dieser Vorschlag einfach nicht umsetzbar. Eltern können nicht einfach jetzt Urlaub nehmen, denn gerade in den Wintermonaten kann man auch mit den Kindern draußen nichts machen, und wir haben weiterhin natürlich auch Halbjahreszeugnisse. Es ist einfach ein riesenhafter Aufwand, wo man sich fragt, ob es wirklich einen Effekt hat, die Kinder jetzt noch mal zu Hause zu lassen. Die Eltern sind so belastet, und die Wirtschaft kann sich darauf überhaupt nicht einstellen. Einen größeren Effekt hätte wirklich bessere Hygiene und ein Stufenplan, der auch Lernphasen vorsieht und Verkleinerung von Gruppen vorsieht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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