Donnerstag, 30. Juni 2022

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Schwere Unwetter in Deutschland
"Wir behalten diese gefährliche Unwetterlage"

Blitze, Hagel, Sturmböen und Starkregen: Ein Unwetter hat weite Teile im Süden des Landes verwüstet und auch im Westen und Norden sieht es ziemlich düster aus. Schuld daran ist das Tief "Elvira", das seit vielen Tagen über Deutschland liegt. Die Stagnation der Wetterlage sei deshalb besonders gefährlich, "weil wir ja anders als bei einer Badewanne keinen Abfluss haben", sagte die Meteorologin Katja Horneffer im DLF.

Katja Horneffer im Gespräch mit Dirk Müller | 30.05.2016

Ein Mann schaut sich am 30.05.2016 in Oberhausen (Nordrhein-Westfalen) ein Auto in einer überfluteten Straßenunterführung an.
In Oberhausen hat der Regen eine Straßenunterführung überflutet. (dpa / Marcel Kusch)
Dirk Müller: Blitze aus heiterem Himmel in ganz Europa, massive Unwetter in vielen Teilen Deutschlands, Baden-Württemberg ist davon besonders betroffen, aber auch Bayern, Rheinland-Pfalz und ebenfalls Hessen. Drei Menschen sind ums Leben gekommen bislang. Wir wollen darüber sprechen mit der Diplom-Meteorologin und ZDF-Wetterexpertin Katja Horneffer. Guten Morgen.
Katja Horneffer: Schönen guten Morgen.
Müller: Warum ist der Himmel so voller Zorn?
Horneffer: Warum ist der Himmel so voller Zorn? Das ist immer die Stagnation der Wetterlage. Wir haben jetzt über viele Tage ein und dasselbe Tief über Deutschland und wenn sich nichts tut beim Wetter, dann wird das gefährlich, weil wir ja anders als bei einer Badewanne keinen Abfluss haben. Bei der Badewanne, wenn da ganz viel Wasser drin ist, können wir den Abfluss hochziehen und dann ist das ganze Wasser weg. In diesem Fall aber muss das Wasser ja aufsteigen in der Atmosphäre und das tut es und kommt bis zur Tropopause. Da oben ist ein Deckel und dann wird diese Gewitterwolke besonders groß, hat wahnsinnig viel Energie in sich, und dann kommt es irgendwann, wenn sich das ganze Ding nicht bewegen kann, an Ort und Stelle runter. Das ist genau das, was wir jetzt am Wochenende erlebt haben, zum einen mit den Überschwemmungen in Baden-Württemberg, aber auch diese heftigen Hagelunwetter, wie es sie im Erzgebirge gab. Alles Ursache dieser Stagnation der Wetterlage.
Müller: Ist das ein regionales, kontinentales Phänomen?
Horneffer: Das ist etwas, wenn sich der sogenannte Jetstream - das sind die Starkwindbänder, die die Erde umkreisen -, wenn die sich verhaken. Dann bedeutet das, dass über lange Zeit, über Tage, manchmal sogar über Wochen sich das Wetter eingräbt. Wenn das passiert, dann kann so ein Phänomen nicht nur ganz lokal auftreten, sondern wie jetzt ganz Mitteleuropa betreffen.
"Jetstream verhakt sich immer häufiger"
Müller: Wie oft passiert so was?
Horneffer: Das kommt darauf an, wann wir solche Stagnationen haben. Das kann immer wieder vorkommen. Und wir stellen fest in den letzten Jahren, dass klimawandelbedingt sich dieser Jetstream immer häufiger verhakt. Das heißt, immer häufiger gibt es solche Wetterlagen, die über lange Zeit einer ähnlichen Region das gleiche Wetter bringen, und genau das wird problematisch. Da gibt es natürlich auch die andere Seite, nämlich die großen Dürren, die wir auch gelegentlich feststellen.
Müller: Sie arbeiten ja, um das Wetter vorherzusagen, mit ganz komplexen Wettermodellen. Wenn das jetzt so kompliziert ist, wie Sie es gerade beschrieben haben, ist das der Grund dafür, warum viele gesagt haben, kann doch nicht wahr sein, wussten wir gar nicht, obwohl wir immer den Wetterbericht geguckt haben?
Horneffer: Das weiß ich nicht, warum das irgendjemand gesagt hat. Wir hatten bereits Ende letzter Woche heftigst gewarnt überall, im ZDF jedenfalls habe ich es genau beobachtet, dass wir schon Tage vorher sagen konnten, Leute, es wird super, super gefährlich. Wir haben auch immer dazu gesagt, es kann jeden treffen, es muss keinen treffen, weil solche Sachen natürlich dann lokal runterkommen. Das trifft dann Koblenz oder es trifft Schwäbisch Gmünd, aber es trifft zum Beispiel nicht einen Ort 30 Kilometer von diesen Orten entfernt. Das genau vorherzusagen, das können wir nicht. Das können wir weder mit einem großen Vorlauf von drei Tagen, noch mit einem Vorlauf von einem Tag.
"Es ist wichtig, dass man vorwarnt"
Müller: Das ist das Problem: Man kann das Phänomen erkennen, man kann vorwarnen. Sie haben recht, auch der Deutsche Wetterdienst hat ja gesagt, große Unwetterwarnungen. Das stand aber tagelang im Internet und keiner wusste so richtig, wann kommt das runter und wo kommt das runter.
Horneffer: Ganz genau. Das wissen wir nicht. Das wissen wir eigentlich erst wenige Stunden vorher und dann ist natürlich die Gefahr gegeben, dass, wenn man dann zu flächendeckend warnt, man sagt, da kommt ja eh nichts. Manchmal zieht es immer wieder an denselben Orten auch vorbei und dann haben einige am Wochenende gar nicht so viel mitbekommen. Die haben gemerkt, gut, der Himmel ist mal ein bisschen grauer, aber bei denen ist fast nichts passiert. Da gab es nur ein bisschen Regen und das war es. Deswegen ist es so wichtig, dass man vorwarnt und dass man die Leute darauf hinweist, dass sie in den Himmel selbst gucken und feststellen, hier kann was passieren, also bin ich vorsichtig. Zum Beispiel die Sache in der Eifel, die passiert ist mit dem Blitzschlag. Daran denken viele Leute nicht, dass so ein Blitz zehn Kilometer überspringen kann, bis er einschlägt.
Heute und morgen ist vor allen Dingen der Norden betroffen
Müller: Jetzt haben viele immer regelmäßig Wetter geguckt. Vielleicht ist die Dimension ein bisschen unterschätzt worden. Und wenn man jetzt wieder reinschaut und schaut nach vorne, ist es denn so, dass sich der Jetstream jetzt ein bisschen entspannt?
Horneffer: Nein, überhaupt nicht. Wir behalten diese gefährliche Unwetterlage. Nur die Region, wo es die kräftigsten Gewitter gibt, wird sich verlagern. Das war jetzt ja am Wochenende vor allen Dingen die Mitte und der Südwesten Deutschlands. Es wird jetzt heute vor allen Dingen der Norden und auch morgen und übermorgen noch der Norden Deutschlands sein, während es dann am Donnerstag die heftigsten Unwetter eher wieder in der Region Sachsen, südliches Brandenburg, Thüringen geben wird. Gleichzeitig haben wir es aber auch noch mit der Gefahr von Überschwemmungen zu tun, denn heute zumindest wird es noch kräftig weiterregnen im Südwesten.
Müller: Hochwasserszenario ist ein realistisches?
Horneffer: Ja, ist ein realistisches Szenario, zumindest bei den kleinen Bächen und Flüssen.
Müller: Bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk Diplom-Meteorologin und ZDF-Wetterexpertin Katja Horneffer. Danke, dass Sie so früh und so spontan für uns Zeit gefunden haben.
Horneffer: Gerne.
Müller: Einen schönen Tag.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.