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StartseiteCampus & KarriereViele junge Ungarn wandern aus15.07.2014

Serie: Europas vergessener NachwuchsViele junge Ungarn wandern aus

Weil sie für sich in Ungarn keine Zukunft mehr sehen, zieht es sie ins Ausland. Viele junge Ungarn gehen nach London, nach Österreich oder Deutschland. 600.000 arbeiten inzwischen in anderen Ländern der EU. Mit Rückkehrprämien versucht die Regierung gegenzusteuern.

Von Stephan Ozsváth

Blick auf den Budapester Freiheitsplatz im Februar 2013 mit dem Börsenpalast zur Linken (picture alliance / dpa / Noemi Bruzak)
Viele Ungarn glauben nicht mehr an eine Zukunft in ihrer Heimat. (picture alliance / dpa / Noemi Bruzak)
Weiterführende Information

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"Die letzten Jahre habe ich in Györ als Reporterin für das Fernsehen gearbeitet, erzählt sie. Wir haben aus drei Provinzen berichtet - und sehr viel gearbeitet. Ich hatte das Gefühl: Ich kann mich nicht entwickeln. Weder beruflich, noch in der Bezahlung. Hier war ich also: 28 Jahre alt. Ich wollte mir eine Existenz aufbauen. Aber das ging nicht unter den Umständen."

Die Umstände beschreibt sie so: Nicht mal 700 Euro Gehalt. Ein Drittel ging für die Wohnung in Györ drauf. Und die Lebenshaltungskosten in Ungarn sind teuer. Denn mit 27 Prozent ist die Mehrwertsteuer die höchste in der EU. Es blieb nichts übrig, um es auf die Seite zu legen, sagt sie, für Kinder, eine kleine Familie. Zusammen mit ihrem Freund trifft sie letztes Jahr eine Entscheidung.

"Mit Hilfe einer Bekannten gingen wir nach Österreich. Wir arbeiteten an einem Ort, konnten zum Glück zusammen wohnen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kamen wir rein in die Arbeit. Und wir konnten gutes Geld verdienen. Nach einer Saison, drei Monaten, kamen wir mit mehr als 8.000 Euro nach Hause. Das hätten wir zu Hause nie geschafft."

Aber Jobben als Service-Kraft in einem Hotel in Bad Gastein - hat sie dafür studiert? Eine Arbeit weit unter ihren Möglichkeiten. Eva Prevics sieht die Sache klar: Sie spricht zwar ganz gut Deutsch, aber um als Journalistin im Ausland zu arbeiten reicht es nicht, sagt sie. An den Job im Gastgewerbe habe sie sich schnell gewöhnt. Und Heimweh sei ohnehin nicht aufgekommen.

"Ich habe nicht gespürt, dass ich in Österreich bin: Um mich herum waren nur Ungarn. Unser Koch war Slowake, sprach aber Ungarisch. Einmal brachte der Bäcker morgens das Brot. Ich begrüßte ihn auf Deutsch, er antwortete auf Ungarisch. Am nächsten Tag gingen wir im Nachbarort schwimmen. An der Schwimmbadkasse saß auch ein Ungar. Also: Heimweh hatte ich wirklich nicht. Es war wie zu Hause."

Kein Wunder: Seit drei Jahren gilt Freizügigkeit für ungarische Arbeitnehmer in der EU. Und seitdem verlassen sie in Scharen ihre Heimat. Die meisten sind jung und gut ausgebildet wie Éva Prevics. Der sozialistische Europa-Abgeordnete István Ujhelyi hat die aktuelle Statistik.

"Im Jahr 2010 haben 60.000 im Ausland gearbeitet. In diesen Tagen hat die Zahl der ins Ausland emigrierten Ungarn die dramatische Marke von 600.000 übersprungen."

Viele junge Ungarn zieht es nach London, nach Österreich, nach Deutschland. Ganze Berufszweige wandern aus, jedes Jahr gehen 1.500 Jung-Ärzte den Weg nach Westen, und das, obwohl die Regierung in Budapest ihre Gehälter deutlich erhöhte. Der Sozialist Újhelyi will mit EU-Hilfe ein Beschäftigungsprogramm für Junge. Die Regierung Orbán umwirbt mögliche Rückkehrer: Bence Rétvári von den mitregierenden Christdemokraten mit den Einzelheiten.

"Einzelunternehmer bekommen 10.000 Euro Rückkehrprämie, eine GbR das Doppelte, wenn sie hier ein eigenes Unternehmen gründen."

Um Studierte im Land zu halten, vergibt die Regierung Stipendien nur noch an die, die nach dem Studium fünf Jahre in Ungarn arbeiten. Éva Prevics winkt ab. Im Moment jobbt sie bei einer Touristeninformation am Balaton, aber sie sitzt längst wieder auf gepackten Koffern. Sie will ganz weg - ihr bescheidener Traum: das Leben einer kleinen Mittelstandsfamilie zu leben.

"Klar, die Familie, die Freunde – all das hält einen hier. Aber ich fühle mit fast 30: Entweder gehe ich jetzt, oder ich bleibe hier sprichwörtlich kleben. Denn hier gibt es keine Perspektive." 

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