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StartseiteTag für TagDer Zusammenfall aller Gegensätze und der Vorwurf der Häresie23.07.2014

Serie Nikolaus von Kues (Teil 3)Der Zusammenfall aller Gegensätze und der Vorwurf der Häresie

Der Religionsphilosoph Nikolaus von Kues - Cusanus - war nicht unumstritten. Seine Aussagen über Gott und die Trinität wurden heftig kritisiert. Viele Theologen waren schockiert über seine Annahme, dass Gott sei und gleichzeitig nicht sei.

Von Rüdiger Achenbach

Ein goldenes Kreuz während des Welt Jugendtages in Brasilien (AFP/Yasuyoshi Chiba)
Ein goldenes Kreuz während des Welt Jugendtages in Brasilien (AFP/Yasuyoshi Chiba)
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Weitere Teile der Serie "Nikolaus von Kues":

Teil 2: Das belehrte Nichtwissen und das unendliche Weltall (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 22.07.14)

Teil 1 : Das Studium in Padua und die Anfänge des Humanismus (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 21.07.14)

"Man kann weder sagen, dass Gott ist, noch kann man sagen, dass Gott nicht ist. Denn Gott ist ja der Grund allen Seins und des Nichtseins. Er hat kein Gegenüber, gegen das man ihn abgrenzen kann. Gott ist alles, was er sein kann. Er ist die Einheit, der nichts gegenübersteht."

Zu dieser Erkenntnis ist Cusanus durch sein Koinzidenzdenken gelangt. Da alle Vielheit der sichtbaren Welt in der absoluten Einheit Ursprung und Ziel hat, kann die absolute Einheit, also Gott, kein Gegenüber haben. Der Philosophiehistoriker Norbert Winkler:

"Das Koinzidenzdenken zerstört die Wissenschaft nicht, es betreibt vielmehr die Erneuerung ihres Prinzipiendenkens aus der schauenden Vernunft."

Wissen ist ständiges Forschen

Also je einsichtiger jemand weiß, dass er nichts weiß, umso mehr wird er verstehen, dass Wissen niemals ein fester Besitz ist. Wissen ist vielmehr ein ständiges Forschen, das eben weiß, dass es noch nicht bei der Wahrheit angekommen ist. Denn niemals kann das menschliche Wissen, dem was überhaupt gewusst werden kann, in irgendeiner Form gleich sein.

Cusanus löste mit solchen Aussagen einen Sturm der Entrüstung aus. Nicht nur seine kosmologischen Überlegungen über die Unendlichkeit des Weltalls und die Vorstellung, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums stehe, stießen auf Protest, sondern besonders seinen Aussagen über Gott wurden heftig kritisiert. Viele Theologen an den Universitäten waren schockiert und fanden es geradezu blasphemisch, von Gott zu sagen, dass er sei und gleichzeitig nicht sei.

Cusanus aber bestand darauf, hier wörtlich genommen zu werden. Es war für ihn kein Spiel mit Begriffen. Er forderte sogar, dass man alles, was man über Gott sage, ebenso auch bestreiten müsse. Tue man dies nicht, mache man aus Gott, der die unendliche Einheit ist, ein Ding unter Dingen. Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch:

"Das fromme Denken, dass Gott zu ehren beabsichtigt, weigert sich, von Gott zu sagen, er sei nicht. Aber diese Weigerung zieht sofort ihre Strafe nach sich, nämlich den Götzendienst. Denken wir die unendliche Einheit nicht mit vollem Ernst zugleich als nicht-seiend, verwechseln wir Gott mit einem Geschöpf. Denn dann denken wir ihn nicht als allumfassend."

Cusanus warnt also davor, sich zum Opfer der eigenen Definitionen zu machen, die man zwischen sich und die Wirklichkeit gestellt habe. Man soll sich vielmehr klar machen, dass alle Erkenntnis mit dem menschlichen Verstand das große Ganze des Universums nie erschließt. Der Philosoph Karl Jaspers:

"Cusanus hebt jeden festen Punkt, jede Absolutheit in der Welt auf. Wer ein endlich fassbares Weltbild will, dem zeigt Cusanus den relativen Charakter aller erkennbaren Weltdinge."

Die Scholastiker setzten all ihren Eifer daran, Regeln zu entwickeln, um festzulegen, welche Namen und Bezeichnungen zu Gott passten und welche nicht. Für Cusanus war dies alles vergebliche Mühe gewesen.

"Eine solche Art der Verehrung ist nichts als Götzendienst. Sie spricht dem Abbild zu, was nur der Wahrheit zukommt."

Nikolaus von Kues (1401-1464), Zeichnung von Klaus Kordel (Trier) (Klaus Kordel, dpa)Nikolaus von Kues (1401-1464), Zeichnung von Klaus Kordel (Trier) (Klaus Kordel, dpa)

Die affirmative Theologie

Und die unendliche Wahrheit stellt auch die überlieferten Gottesbegriffe infrage und rettet diejenigen vor dem Götzendienst, die meinen, Frömmigkeit bestünde im Aufsagen von bestimmen Gottesnamen. Tilman Borsche, Professor für Philosophie an der Universität Hildesheim:

"Der Verstand spricht in positiven Begriffen von Gott, Gott ist mächtig und gerecht, der Schöpfer, die Wahrheit und das Leben und so weiter. So entwickelt sich eine affirmative Theologie. Sie spricht von Gott, indem sie Begriffe, die bei uns eine gewisse Vollkommenheit bezeichnen, auf ihn überträgt."

Denn mit unserem Verstand suchen wir Namen, um Gott zu beschreiben, die aus unserem menschlichen Zusammenleben abgeleitet sind. Dabei wird Gott zu einem Herrscher oder einem Vater, einem Liebenden oder einem Richtenden. Einmal betonen wir mehr seine Macht, ein anders Mal seine Gerechtigkeit. Also alles Beschreibungen, die wir aus unserer menschlichen Lebenswelt kennen.

Sie alle sind aber letztlich nur Hilfskonstruktionen, die etwas umschreiben, das mit Begriffen nicht erfasst werden kann. Keine einzige Bezeichnung trifft das, was Gott tatsächlich ist. Auch nicht die Namen für Gott, die bereits eine lange Tradition im Christentum haben. Tilman Borsche:

"Denn die Vernunft negiert alle positiven Begriffe von Gott, die sie gleichwohl voraussetzen muss. Ihre Art von Gott zu reden, heißt daher negative Theologie. Aus der Perspektive der Vernunft erscheint die affirmative, also bejahende Theologie im Ganzen für Gott unangemessen. Sie besagt, dass auf Gott übertragen, jeder Name seine Bedeutung verliert. Denn es sind nur verschiedene Redeweisen unseres menschlichen Geistes."

Vater, Sohn und Heiliger Geist

Deshalb schreibt Cusanus:
"Nach dieser Theologie, die nur weiß, was Gott nicht ist, ist die unendliche Einheit weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist."

Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch:
"Tatsächlich sprach Cusanus noch von der Trinität, aber er gab ihr einen vorläufigen Sinn. Denn das Unendlichkeitswissen beansprucht das letzte Wort."

Cusanus knüpft hier an Meister Eckhart an. Denn nach Meister Eckhart befand man sich beim Gebrauch der Bezeichnungen Vater, Sohn und Heiliger Geist noch ganz begrenzt im Denken mit menschlichen Begriffen. Er erklärt dies so: Ist man noch den menschlichen Begriffen der Trinität verhaftet, befindet man sich erst im Vorhof. Der Tempel "der Gottheit" liegt dahinter.

Auch wenn Cusanus nicht so weit geht und den Hilfsbegriffen aus der Lebenswelt der Menschen wie Vater, Sohn und Heiliger Geist den Begriff der Gottheit voranzustellen, hält er hier doch grundsätzlich an der Erkenntnis Meister Eckharts fest.

Cusanus ist davon überzeugt, dass die negative Theologie davor schützt, dass man die menschlich begrenzte Art, Namen für Gott auszudenken, für die Wahrheit hält. Die negative Theologie erinnert daran, dass es immer nur Hilfskonstruktionen sind, auch die Begriffe Vater, Sohn und Heiliger Geist. Aber auch die negative Theologie der Vernunft, die wahrer ist als die affirmative Theologie des Verstandes, kommt der Wahrheit, durch ihr belehrtes Nichtwissen zwar näher, aber auch sie erreicht die Wahrheit nicht. Tilmann Borsche:

"In Gott schließlich verschwinden auch noch die Unterschiede der unendlichen Begriffe der Vernunft. In ihm ist alles eins, unterschiedslos, ohne Anderssein. Er ist der Grund alles Seienden und Nichtseienden."

Scharfe Kritik an Koinzidenzdenken

Bei solchen Überlegungen schreckten die theologischen Lehrer an den Universitäten auf. Denn Cusanus demonstrierte ihnen schließlich mit seinem Koinzidenzdenken, dass er das rationale Erkenntnisschema der kirchlichen Dogmatik für überholt hielt. Und das wurde als Angriff auf ihre gesamte Wissenschaft verstanden. Und es war damals Johannes Wenck, ein Theologieprofessor an der Universität Heidelberg, der sich als erster ausführlich mit der Schrift über die "docta ignorantia" auseinandersetzte:

"Dieser Nikolaus Cusanus scheint mir nur mangelhaft in der Logik ausgebildet zu sein. Aristoteles hat doch gezeigt, dass die einzelnen Dinge in ein durchdachtes Schema eingeordnet werden können."

Wenck warf Cusanus jetzt sogar vor, Vorstellungen zu vertreten, wie sie auch die Dämonen hätten. Diese scharfen Angriffe aus Heidelberg scheinen aber auch noch einen anderen Hintergrund gehabt zu haben. Johannes Wenck war Konziliarist geblieben, er gehörte also den Kirchenreformern an, die den Papst dem Konzil unterordnen wollten. Er war also ein Vertreter der Partei, die auch Cusanus unterstützt hatte, bevor er auf die Seite des Papstes wechselte.

"Er verbreitet das Gift des Irrtums"

Die Schärfe, mit der Wenck nun Cusanus angriff, deutet darauf hin, dass Cusanus für ihn ein Verräter war, der aus reinem Opportunismus zur Papstpartei übergelaufen war. Und nun maßte sich dieser Cusanus auch noch an, den gesamten Wissenschaftsbetrieb anzugreifen.

"Cusanus untergräbt mit seinen anmaßenden Spekulationen die biblische Orientierung der Theologie. Er verbreitet das Gift des Irrtums und der Gottlosigkeit."

Indem Cusanus von der Unendlichkeit des Universums sprach, verhöhnte er für Wenck vor allem auch die Heilige Schrift. Wo sonst sollte der Mensch, der als Ebenbild Gottes geschaffen worden war, seinen angestammten Platz haben, wenn nicht im Zentrum des gesamten Kosmos, dem Zentrum der Schöpfung.

"Das alles will dieser Nikolaus von Kues auflösen und faselt von Unendlichkeit, wo doch jeder weiß, dass das Weltall endlich ist."

Für Wenck und viele seiner Kollegen war Cusanus, der an keiner Universität lehrte, nur ein Privatgelehrter. Man wusste nicht so recht, ob er nun aus Torheit oder sogar aus Bosheit das traditionelle Weltbild zerstörte. Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch.

"Dem traditionellen Wissenskonzept damals lag der Schrecken vor dem Unendlichen, der horror infiniti, zugrunde – und dieses Konzept teilte Cusanus nicht mehr. Er wollte durch das Wissen des Nichtwissens Einblick in die unendlichen Abstufungen zwischen den Dingen und deren individueller Mannigfaltigkeit gewinnen."

Doch diese Unendlichkeits- und Individualitätsphilosophie bedeutete für einen Schultheologen wie Wenck, der an der Kategorienlehre des Aristoteles festhielt, dass seine wissenschaftliche Arbeit völlig infrage gestellt wurde.

"Die Wissenschaft hat doch nur dann ihr Ziel erreicht, wenn sie scheinbar die regellose Vielfalt der Dinge nach Gattung und Art bestimmt und einordnet. Gerade diese Unterscheidung nach Kategorien, die wir so von Aristoteles gelernt haben, die will nun Cusanus wieder auflösen. Dabei ist doch unser Verstand sehr wohl in der Lage, die Dinge in der Welt zu erkennen und so einzuordnen und zu benennen, wie es der Ordnung der Schöpfung entspricht."

Vorwurf der Häresie

Und da Johannes Wenck den Zusammenfall aller Gegensätze bei Cusanus so verstand, dass letztlich Gott mit den Geschöpfen zusammenfalle und Cusanus außerdem davon gesprochen habe, dass die Bezeichnungen Vater, Sohn und Heiliger Geist immer nur etwas Vorläufiges seien, beschuldigte er Cusanus schließlich offen der Häresie.

"Die Unterschiede zwischen Gott und Welt, zwischen Schöpfer und Schöpfung, werden durch ihn aufgehoben. Das ist eine Vergottung der Welt. Hier ist Gott nur noch ein bestimmungsloses Unendliches. Es überrascht deshalb nicht, wenn Cusanus uns dann auch noch erklärt, dass man 'Gott ist nicht' mit dem gleichen Recht behaupten könne wie 'Gott ist'."

Und dann fährt Wenck noch ein weiteres schweres Geschütz gegen Cusanus auf. Er behauptet, dass bei diesem die Ketzerei der Beginen und Begarden-Bewegung wieder auflebe, der auch schon Meister Eckhart verfallen gewesen sei.

Die in klosterähnlicher Gemeinschaft lebenden Beginen, Witwen und unverheiratete Frauen, und Begarden, die männliches Vertreter dieser Bewegung, galten als Schwestern und Brüder des freien Geistes. Das Konzil von Vienne hatte 1312 diese Gemeinschaften verboten und deren Lehre als häretisch verurteilt. Schon 1308 hatte man die Schriften der Begine Marguerite Poréte den Flammen übergeben und zwei Jahre später war sie selbst in Paris als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt worden.

Man warf den Brüdern und Schwestern vom freien Geist generell vor, dass für sie Gott in der Welt aufgehe. Also das, was man in späterer Zeit "Pantheismus" nannte. Schon beim geringsten Verdacht in diese Richtung reagierten diejenigen, die in der Kirche festlegten, was die Christen zu glauben hatten, mit äußerster Härte und brutaler Gewalt. Genau diesen Vorwurf des "Pantheismus" erhob nun Johannes Wenck gegen Cusanus. Dass dieser zweifellos den Boden der christlichen Lehre verlassen hatte, wurde für den Heidelberger Theologieprofessor auch an Cusanus' Vorstellung von Christus deutlich.

Zwei Seiten aus einem astronomischen Werk aus dem Besitz von Nikolaus von Kues (1401-1464) mit beweglichen Drehscheiben zur Berechnung des Laufs der Gestirne. (Picture Alliance / dpa / epd-Bild)Zwei Seiten aus einem astronomischen Werk aus dem Besitz von Nikolaus von Kues mit beweglichen Drehscheiben zur Berechnung des Laufs der Gestirne. (Picture Alliance / dpa / epd-Bild)
Alle Menschen haben gemeinsame Menschehit

Cusanus hatte nämlich die Bedeutung Christi nicht mit dem historischen Jesus von Nazareth und dessen Leidensgeschichte begründet. Für Cusanus repräsentierte Christus mit seiner Menschwerdung den "homo maximus", d. h. die höchste Vollendung des Menschen. Denn durch seine Menschwerdung ermöglichte Christus die Rückkehr aller Menschen zu Gott.

Cusanus ging davon aus, dass es in allen Menschen nur eine gemeinsame Menschheit geben kann, und diese umfasst auch Christus. Ihm kommt sie allerdings in ihrer vollendeten Form zu. Cusanus folgert daraus, dass Gott in Christus letztlich nicht nur einen einzelnen Menschen in die Gottheit aufgenommen habe, sondern die Menschheit als Ganze.

Wenck war entsetzt. Dieser Cusanus schreckte nicht einmal davor zurück Christus zu entehren, indem er Christus zu einem Universalmenschen machte.

"Er schreibt doch tatsächlich der ganzen Menschheit zu, was nur der singulären Menschheit Christi zukommen darf. Er redet vom Gottmenschen und vergottet die Menschheit."

Wencks Anschuldigungen waren durchaus ernst zu nehmen. Immerhin stellte er Cusanus in eine Reihe mit Häretikern, die als Pantheisten verurteilt und zum Teil hingerichtet worden waren. Kurt Flasch:

"Cusanus ließ sich lange Zeit mit einer Antwort. Ungefährlich waren die Thesen nicht zu denen er Stellung nehmen musste. In einer anderen kirchenpolitischen Situation hätte Wencks Aufschrei leicht das Ende des Cusanus bedeuten können."

Cusanus wird Kardinal und Bischof

Doch Cusanus hatte inzwischen eine Stellung innerhalb der Kirche erreicht, die ihn nahezu unangreifbar machte. Sein Freund Tommaso Parentucelli war als Nikolaus V. zum Papst gewählt worden und hatte ihn zum Kardinal und zum Bischof von Brixen ernannt.

Cusanus war also inzwischen einer der höchsten Repräsentanten der römischen Kirche. Gemeinsam mit seinem Freund, Papst Nikolaus V., setzte er nun alles daran, Rom im Sinne des Humanismus zu einem kulturellen Zentrum werden zu lassen.

Doch trotz seines hohen Ranges in der kirchlichen Hierarchie behielten die Kritiker seiner Schriften ihn im Auge, denn dieser Kardinal schien ihnen höchst verdächtig.

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