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StartseiteCampus & KarriereServus, Herr Magister19.11.2007

Servus, Herr Magister

Österreich wird von der universitären Globalisierung eingeholt

Die Österreicher haben’s mit ihren Titeln. Ob Herr Geheimrat, Frau Kommerzialrätin oder Herr Magister: Wer einen Titel hat, lässt sich damit anreden und schreibt ihn auf die Visitenkarte. Aber wie lange noch? Denn Bologna macht auch vor den österreichischen Hochschulen nicht halt: Bachelor und Master heißen die neuen Abschlüsse. Und die klingen in den österreichischen Ohren gar nicht mehr so würdevoll.

Von Thomas Wagner

Abschied vom Visitenkarteneintrag "Magister".  Gottlob bleibt Österreich der "Doktor" erhalten. (AP)
Abschied vom Visitenkarteneintrag "Magister". Gottlob bleibt Österreich der "Doktor" erhalten. (AP)
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"Bettertogether, guten Tag! Nein, der Herr Magister Vogler ist leider nicht hier. Kann ich ihm etwas ausrichten?"

Dass sie, wenn sie nach ihrem Chef gefragt wird, stets auch den Titel nennt, ist für die Telefonistin der Wiener Medienagentur "bettertogether" eine Selbstverständlichkeit. Immerhin: Der Chef dürfte sich eigentlich sogar "Magister-Magister" nennen: An der Universität Innsbruck hat Magister Peter Vogler Politikwissenschaften und Philosophie studiert und erst kürzlich an der Fachhochschule Vorarlberg sein zweites Studium "Internationale Unternehmensführung" beendet. Doch einmal "Magister" reicht, findet Magister Peter Vogler:

"In Ost-Österreich haben die Titel noch eine höhere Bedeutung als im Westen. Da geht’s noch ein wenig pragmatischer zur Sache. Aber in Wien gibt es an der einen oder anderen Stelle Vorteile. Da öffnen sich Türen leichter, öffnen sich Türen besser, wenn ein Titel vorne dransteht."

Doch wie lange stehen die altbewährten Titel noch auf Visitenkarten und Bürotüren, auf Firmenschildern, Klingeltasten und Briefbögen? Bologna macht schließlich auch den österreichischen Hochschulen nicht halt. Bis "Bacchelor" und "Master" die altbekannten Titel ersetzt haben werden, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Magister Kurt Kollnetznik, Generalsekretär des österreichischen Fachhochschulverbandes:

"An den österreichischen Fachhochschulen sind mit Herbst dieses Jahres bereits 90 Prozent aller Studiengänge schon umgestellt. Bei den Universitäten haben wir einen Grad 30 Prozent, da ist das ganze noch eher langsam. Da fehlt noch etwas die Motivation, die Überzeugung für das zweistufige System."

Doch trotz aller Titelnostalgie: Auch die österreichischen Unis werden über kurz oder lang nachziehen – und dann wird es ein Ende haben mit der Frau oder dem Herrn Magister auf dem Visitenkärtchen. So mancher Studierender ist darüber nicht so recht glücklich. Frank Hofmeister studiert an der Fachhochschule Wien
Tourismusmanagement und glaubt,

"...dass wir, wenn wir rauskommen aus dem Bachhelor, eventuell Probleme haben, in die Wirtschaft einzusteigen, weil die Wirtschaft eben zu wenig informiert ist über das neue Studiensystem."

Will heißen: Stehen erst mal Bachhelor und Master auf der Visitenkarte, wissen österreichische Unternehmen damit viel weniger anzufangen als mit den alten Titeln – ein Problem, das beispielsweise auch in Deutschland zutage tritt, im "titelverliebten" Österreich aber noch größere Schwierigkeiten bereitet, weiß Ingenieur Magister Michael Heritsch von der Fachhochschule Wien:

"Wir haben mehrfach Veranstaltungen gemacht für Personalisten und mehrfach gefragt, inwieweit sie sich informiert fühlen. Und 90 Prozent haben geantwortet: Sie wüssten gerne mehr. Aber sie kennen sich zu wenig aus. Weil auch zwischen gleichartigen Abschlüssen gibt es gravierende Unterschiede. Es erschöpft sich nicht im Unterschied zwischen Magister und Master und Bachelor. Sondern es gibt auch unterschiedliche Mastergraduierungen, die auch unterschiedliche Bedeutungen haben. Und das macht eben dem Personalisten in Österreich das Leben wahnsinnig schwer."

Da kann man sich zukünftig den Bachhelor oder Master auf seinem Kärtchen gleich sparen. Onehin haben die Studierenden von heute für die Titelverliebtheit ihrer Väter und Großväter nicht mehr allzu viel übrig. Manfred Schüber studiert in Wien Unternehmensführung:

"Ich glaube zwar, dass es einen sehr traditionellen Zugang zu Titeln gibt in Österreich, dass zum Beispiel die Frau des Arztes auch mit ‚Frau Doktor’ angesprochen wird. Ich glaube aber nicht, dass es wirklich ein Problem sein wird, ob einer mit einem Bachhelor, Magister oder Mastertitel beispielsweise um einen Job bewirbt. An meiner Bürotür wird das aber sicher nicht stehen, nein."

Und damit läutet der Bologna-Prozess in Österreich auch das Ende der Titel-Gläubigkeit ein .Das gereicht den Studierenden langfristig zum Vorteil, "weil ich finde, dass das für die internationale Vergleichbarkeit der Titel oder der Abschlüsse sehr hilfreich ist und viel mehr Flexibilität ermöglicht, da ich auch sehr auslandsorientiert bin und hoffe, dass so weniger Fragezeichen in den Gesichtern der Leute entstehen, da mit so Titeln wie Diplomingenieur und Magister in vielen Ländern nichts angefangen werden kann," meint Natscha Poppe aus Frankfurt, die in Wien ebenfalls Tourismusmangement studiert.

Österreich zukünftig ohne Magister, Diplomingenieur und Licentiat auf den Visitenkärtchen: Wer trotzdem auf einen Titel mit gutem Klang Wert legt, muss dazu promovieren – Pauken für den ‚Doktor’ auf dem Klingelknopf. Für Agenturchef Magister Peter Vogler hat diese Entwicklung sogar eine historische Dimension:

"Die Bedeutung der Titel wird zurückgehen. Insofern glaube ich, dass wir uns auch zeitlich so lange von der Monarchie entfernt haben, dass wir auch die Titel so langsam wieder aufgeben können."

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