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Siri Hustvedt: "Die gleißende Welt"Vom schönen Schein

In ihrem Roman "Die gleißende Welt" erzählt US-Autorin Siri Hustvedt die Geschichte einer in New York lebenden Künstlerin und von den Täuschungsmanövern in der Kunst. Das Buch wurde 2014 für den Man Booker Preis vorgeschlagen und erscheint nun in der deutschen Übersetzung.

Von Anja Hirsch | 23.04.2015

Kunst spielt schon immer eine wichtige Rolle in Siri Hustvedts Romanen. Ausgestopfte Puppen oder Taschentücher von Toten, ausgestellt in Vitrinen, entfalten darin einen unheimlichen Sog. Kunstwerk und Betrachter stehen in einem mysteriösen Dialog und verändern sich unter dem Einfluss des Gegenübers. Mit dem neuen Roman "Die gleißende Welt" konzentriert sich Siri Hustvedt nun ganz auf diesen Wahrnehmungsprozess. Im Zentrum steht Harriet Burden, eine extravagante, belesene Künstlerin.
Ihr Vorbild ist Margaret Cavendish, eine Naturphilosophin aus dem 17. Jahrhundert, die es wirklich gab. Als eine der ersten Frauen überhaupt publizierte sie den utopischen Roman "Die gleißende Welt". Die Harriet Burden des 20. Jahrhunderts - die Geschichte ragt bis in das Jahr 2012 hinein - hat es schwer als Frau in der New Yorker Kunstszene, die von Männern wie dem Kunstkritiker Oswald Case dominiert ist:
"Sie sah aus wie eine Comicfigur, dicke Brüste und Hüften, gigantisch - 1,95 vielleicht -, eine stampfende Braut von der Größe eines Basketballspielers mit langen, muskulösen Armen und Riesenhänden."
Seit dem frühen Tod ihres Mannes, des berühmten Galeristen Felix Lord, bildet Harriet, genannt "Harry", Körper aus verschiedenen Materialien nach; monströse, lebensgroße Leiber, die durch Heizdrähte erwärmt werden können. Sie ähneln ihrem dominanten Vater, der Mutter oder ihrem verstorbenen Mann.
"Als ich ihn ans Stromnetz anschloss, bekam sein weicher Körper Fieber. Das Vergnügen, das mir das bereitete, war grotesk. Vorsichtig berührte ich seine kolorierten Seiten, um seine Wärme zu spüren. Ich umarmte ihn. Ich setzte ihn neben mich aufs Sofa. Ich nannte ihn mein Übergangsobjekt."
Was nach Trauerarbeit aussieht, wird bald zur Obsession. Weitere Raumkuben und Kreaturen entstehen unter ihren Händen. Aber die Kunstwelt mit ihren Trends feiert sie nicht. Deshalb ergreift Harriet Burden Maßnahmen. Sie lädt junge, vorzeigbare Künstler ein, auf ihrem weitläufigen Gut zu wohnen und zu arbeiten. Im Gegenzug stellen sie die Kunst ihrer Gastgeberin aus. Burdens Name verschwindet aus den Ausstellungen zugunsten ihrer Decknamen, und tatsächlich läuft unter den männlichen Künstlernamen alles besser. Ihre ausladende Venusskulptur mit anspielungsreichen Details erntet Lobeshymnen. Und der junge, wilde, angebliche Künstler, der Rede und Antwort steht, übt sich im Kunstgeschwätz, das die Szene verlangt.
"Breites Grinsen, wenn er nach Einflüssen gefragt wurde. Erwähnt Goya, Malewitsch, Cindy Sherman. 'Wissen Sie, im Prinzip ist das eine konzeptuelle Sache.' Ein Junge, der aussah, als hätte er sich vor einer Woche zum ersten Mal rasiert, wurde von einer Sekunde auf die andere ein Hit."
Die Täuschungsmanöver machen eine Weile auf beiden Seiten Spaß. Burden lanciert sogar Artikel in entscheidenden Magazinen, um der auf Schrilles, Junges, Männliches abonnierten Kunstszene später den Spiegel vorhalten zu können. Doch irgendwann läuft das Decknamen-Projekt aus dem Ruder. Nicht jeder lässt sich auf Dauer als "Maske" Harriet Burdens benutzen, sondern beansprucht Ruhm für eigene Kunstwerke. Und als sich die Künstlerin als wahre Urheberin der "Venus" outet, zweifeln viele das an. Harriet Burden scheint in der Kunstszene so vollends ausgelöscht zu sein, dass ihre Stimme kaum mehr erhört wird.
Doch dies ist nur eine Geschichte von vielen, die man über Siri Hustvedts Roman "Die gleißende Welt" erzählen könnte.Hustvedt hat für ihr monumentales Projekt über Wahrnehmung gleich mehrere Stimmen vereint; Akteure nicht nur des Kunstbetriebs wie den zynischen Kritiker oder die verschrobenen Künstleregos, sondern auch Begleitmenschen aus dem persönlichen Umfeld der Künstlerin: Rachel, eine alte Schulfreundin, die über Harriet Burdens Kindheit plaudert; Bruno, der Geliebte; oder ihre Kinder, der autistisch-fantasieüberdrehte Ethan und die nüchterne Maisie, eine Dokumentarfilmerin:
"Nachdem meine Mutter nach Brooklyn gezogen war, sammelte sie Streuner. Menschliche Streuner. Nicht Tiere. Jedesmal, wenn ich sie besuchte, schien ein anderer "Assistent", ein Dichter, Herumtreiber oder schlichtweg ein Sozialfall, in einem der Zimmer zu wohnen, und ich machte mir Sorgen, sie könnten sie ausnutzen."
Harriet Burdens eigene chaotische Notizen, verteilt auf ein labyrinthisches Eintragungssystem, machen den größten Teil jener Sammlung von Monologen, Beschreibungen, Träumen, Erinnerungen und Interviews aus, die wiederum nach Harriet Burdens Tod von einer Wissenschaftlerin herausgegeben wurden: Das alles ist "Die gleißende Welt". Wer mitverfolgt hat, womit Siri Hustvedt sich neben dem Schreiben von Romanen sonst noch so als Grenzgängerin zwischen Wissenschaftsdisziplinen aller Art beschäftigt, wundert sich nicht über das beachtliche namedropping. Künstler und Theoretiker von Anselm Kiefer über Hegel und Husserl bis hin zu Neurobiologen oder Genderforschern wie Judith Butler werden erwähnt. Dabei gerät der mit einigen Fußnoten angehobene, über Strecken eloquent theoretisierende Roman gelegentlich etwas aus den Fugen. Der Detailreichtum - manches belegbar, anderes frei erfunden - macht aber auch den Mehrwert des Romans gegenüber einer Prosa aus, der es nur um Spannung geht.
Siri Hustvedt entwirft ihre Figuren sehr genau und voneinander gut unterscheidbar. Zugleich merkt man ihnen an, dass auch sie nur Produkt eines Systems von Einflüssen aller Art sind. Getrieben von Imagepflege und vorgeformten Rollenbildern, haben sie ihre jeweils eigenen Motive. So verschiebt sich auch für den Leser ständig der Blick auf Harriet Burden, die durch diese dezentrale Figurenregie allmählich aus der Mitte des Romans herausrückt. Sie wirkt immer weniger ikonenhaft, dafür immer menschlicher. Ihr Kampf um Anerkennung wird schließlich zum Kampf gegen die eigene Sterblichkeit. Sie sei "aus den Toten gemacht", heißt es einmal. Und tatsächlich beschleicht einen beim Lesen bisweilen das Gefühl, beim Eintauchen in Bildern à la Hieronymus Bosch oder Dante Alighieris Darstellung der Höllenkreise nicht nur skurril-düsteren Kreaturen zu begegnen, sondern zugleich deren wildesten Fantasien und Ängsten ausgeliefert zu sein. Harriet Burdens Skulptur mit dem Titel "Margaret" fängt diese Welten ein:
"Oben im Haupt des weiblichen Gulliver waren sieben laszive Paare dabei, es zu treiben - Männer mit Frauen, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen -, eine regelrechte Orgie. Es gab einen blutigen Schwertkampf und einen Mörder mit einer Knarre, der auf die Leiche seines Opfers hinabblickte. Unten - das heißt, zwischen den Falten ihrer Schamlippen - stieß die fruchtbare Matriarchin eine weitere Stadt von kleinen Humanoiden hervor."
Nach Referenzen und Vorbildern in der Wirklichkeit braucht man nicht lange zu suchen. In Deutschland zeigt beispielsweise gerade eine Berliner Galerie die knochigen, hohläugigen Puppen der New Yorker Künstlerin Greer Lankton, die mit 38 Jahren an einer Überdosis Drogen starb und vergessen wurde. Die Künstlerin Louise Bourgeois fällt einem ein, die erst spät Ruhm erntete. Hustvedt veröffentlichte in ihrem Essayband "Leben, Denken, Schauen" einen Beitrag über sie.
Dies alles wirkt nun wie ein Gedankenvorspiel zur "gleißenden Welt". Der als Anthologie daherkommende Roman, vielleicht Siri Hustvedts raffiniertester, schwingt sich auf zu einem vielstimmigen, sinnlichen, unerhört krassen Panoptikum, stückhaft zusammengesetzt aus memorierten Puzzleteilen, aber doch keineswegs beliebig, sondern in seiner faserigen Form konsequent durchkomponiert. In üppigen Erzählschüben ergießt sich vor einem das Drama der intellektuellen Künstlerin. Einsamkeit und Hochmut sind gleichermaßen greifbar. Doch die verkannte Künstlerin, die Pseudonyme und Verkleidungen benutzt, ist ihrerseits Teil einer anspruchsvollen Erzählkonstruktion. Sie vereint alles, was Siri Hustvedt umtreibt, zu einem meisterhaften Roman.
Siri Hustvedt: Die gleißende Welt. Roman. Aus dem Englischen von Uli Aumüller. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015. 491 Seiten, 19,99 €.
Hörbuch: Siri Hustvedt: Die gleißende Welt. Autorisierte Lesefassung. Mit Corinna Harfouch u.a. Regie: Ralph Schäfer. Argon Verlag, Berlin 2015. 8 CDs, 29,95 €.