Mittwoch, 05. Oktober 2022

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"Sodade" oder die Sehnsucht nach einem besseren Leben

Mit der Nelkenrevolution von 1974, dem Ende der Diktatur und damit auch der Kolonialherrschaft wurde Portugal über Nacht zum Einwanderungsland. Sie kamen als Kriegsflüchtlinge aus Angola, Mosambik, Guinea Bissau und als Billigarbeiter von den Kapverden. Fast eine Million Menschen begehrten Einlass ins ehemalige "Mutterland" - als Retornados, als Rückkehrer.

Von Jochen Faget, Redaktion: Thilo Kößler | 11.02.2006

    Sie kamen damals, weil sie kein Vertrauen in die Unabhängigkeit ihrer Heimatländer hatten. Sie kamen, weil sie alle Hoffnungen auf Portugal und Europa setzten. Und deshalb kommen sie immer noch. Legal oder illegal.

    Doch nur für die wenigsten geht der Traum vom Wohlstand und einem besseren Leben in Erfüllung. Die meisten stranden als Treibholz der 500-jährigen Kolonialgeschichte in den Elendsvierteln der Hauptstadt Lissabon - im Slumgürtel, der sich immer enger um die Metropole am Tejo legt.

    Zuwenig Personal und zuviel Frust: Streifenpolizisten im Slum von Bairro 6 de Maio

    Bairro 6 de Maio, das ist Afrika direkt an der Stadtgrenze Lissabons: Armselige Häuser, enge Gassen, verwinkelte Straßenzüge. Dazwischen spielende Kinder und Dona Luisa, die fast 60jährige Fischverkäuferin. Sie hat sich mit ihrer Holzkiste voller Sardinen und Makrelen auf einem kleinen Platz aufgebaut, zwischen verrosteten Blechtonnen und Müll. Das Bairro 6 de Maio ist das pralle Leben - aber gewiß kein Paradies.

    "Sicherheit? In diesem Viertel gibt es keine Sicherheit. Jetzt bin ich am Leben, in einer Stunde kann ich schon tot sein. Hier gibt es keine Sicherheit. Hätte ich Geld, würde ich nicht hier leben, dann würde ich von hier verschwinden."

    Dona Luisa schlägt eine Makrele in Zeitungspapier ein und steckt das Paket in eine Plastiktüte. Sie nimmt das Geld entgegen und stemmt die Arme wieder in die Hüften.

    "Jetzt ist es ruhig, aber am Abend gibt es dann wieder Schiessereien. Da kann auch die Polizei nichts machen. Die Gangs schießen sogar mit Schrotflinten. Dieser Einschuss hier ist von einer Schrotflinte. Es ist schlimm und ohne Polizei wäre es noch schlimmer. Selbst die Polizisten sind hier nicht sicher. Wenn ich Polizist wäre, käme ich nicht hierher. Hierher? Neee!"

    Kriminalität gehört zum Alltag hier im Bairro 6 de Maio. Und sie nimmt immer weiter zu. So hat nicht nur Dona Luisa Angst. Sondern auch António und Marcos.

    Es ist Vormittag. António und Marcos machen sich auf den Weg. Der eine ist fünfundzwanzig, der andere siebenundzwanzig. Beide sind Polizisten: Streifenpolizisten im Slum der Lissabonner Vorstadt. Manchmal müssen sie hintereinander laufen, weil die Gassen so eng sind. Dann sind die beiden Beamten besonders vorsichtig. Denn sie wissen nicht, was sie am anderen Ende des finsteren Durchgangs erwartet.

    Diesmal ist es ein Drogensüchtiger, der wahrscheinlich Stoff gekauft hat. Obwohl er versucht zu fliehen, können die beiden Polizisten den Mann um die 30 stellen.

    Während Marcos den Verdächtigen durchsucht, steht António etwas abseits und sichert seinen Kollegen. Der Mann streitet ab, Drogen bei sich zu haben. Und tatsächlich: Marcos findet nichts, er lässt ihn laufen. 'Mach, dass du verschwindest, aber schnell", ruft er ihm hinterher. Das Rauschgift habe der Mann wohl noch rechtzeitig wegwerfen können, meint António schulterzuckend. Dann setzen die beiden ihren Rundgang durch die finsteren Gassen fort. Sie wirken angespannt, sogar etwas nervös - vor einem Jahr wurden in dieser Gegend drei Kollegen erschossen. Polizist Marcos, groß, stark, blaue Uniform, schimpft:

    "Die Arbeit hier ist frustrierend und sehr gefährlich. Wer in solch einem Viertel arbeitet, läuft ständig Gefahr, angeschossen oder mit einem Messer angegriffen zu werden. Jeden Augenblick kann etwas passieren, ohne dass unsere Kollegen uns zu Hilfe kommen können. Wir haben nicht die ausreichenden Mittel, um die Kriminalität wirklich zu bekämpfen."

    Das Bairro 6 de Maio ist der Alptraum jedes Polizisten. Ein paar Tausend Menschen leben hier, niemand weiß genau, wie viele. Vor allem Kapverdier, aber auch Portugiesen, die durchs soziale Netz gefallen und ganz unten angelangt sind. Sie leben in ein- oder zweistöckigen Häusern, die ebenso heruntergekommen sind, wie die Gassen und Gässchen, in denen António und Marcos Streife gehen. Vorbei an finsteren Eingängen, in denen sich der Abfall türmt und weggeworfene Einwegspritzen herumliegen. António ist frustriert:

    "Wir laufen hier doch völlig sinnlos herum, das hilft doch nichts! Im ganzen Viertel ist nur eine einzige Polizeistreife unterwegs - und auch das nur tagsüber. Nur wenn etwas passiert, kommt eine größere Einsatzgruppe. Ansonsten sind wir hier gerade einmal zwei Beamte!"

    Es ist ein vergeblicher Kampf: Schlecht ausgerüstete und oft unzureichend ausgebildete Polizisten gegen immer besser organisierte Drogendealer und Gangs, die zusammenhalten. Schließlich geht es um ihr Geld. Um viel Geld. An Waffen herrscht kein Mangel in den Slums um Lissabon, sogar modernste Schnellfeuergewehre wurden hier schon beschlagnahmt. Dem hat die Polizei nicht viel entgegenzusetzen, wettert Marcos:

    "Wir haben nicht einmal kugelsichere Westen! Wer die will, muss sie sich selbst kaufen. Unsere Streifenwagen sind verrostet und alterschwach. Denen fährt sogar ein Fiat Uno davon."

    Die Fronten sind verhärtet. Denn während die Alten sich mit ihrem Schicksal abgefunden haben, revoltiert die zweite, ja dritte bereits in Portugal geborene Einwanderergeneration gegen ihre schlechten Lebensbedingungen. Die Aggressivität ist überall zu spüren. Und die beiden Polizisten Marcos und António müssen ihren Kopf hinhalten. Marcos hat selbst schon schlechte Erfahrungen im Bairro 6 de Maio gemacht:

    "Noch vor ein paar Tagen war ich wegen eines Säuglings hier. Der Vater hatte ihn aus dem Haus der Mutter entführt. Doch schon als wir ankamen, wurden wir mit Flaschen beworfen und ich musste von hier direkt ins Krankenhaus. Unter solchen Bedingungen müssen wir arbeiten!"

    Die beiden Beamten werden per Sprechfunk zu einem Einbruch am anderen Ende des Bairro 6 de Maio gerufen. Reine Routine: Marcos und António werden den Tatbestand aufnehmen, Zeugen vernehmen und Formulare ausfüllen, die dann im Polizeiarchiv verschwinden. Die Einbrecher, da ist sich Marcos sicher, werden niemals gefasst.

    'Das ist frustrierend’, sagt Marcos, der eigentlich Computeringenieur ist und nur zur Polizei ging, weil er das wichtiger fand. Seit zwei Jahren schiebt er täglich in diesem Slum Dienst - sieht all den Dreck, die Gewalt, die Hoffnungslosigkeit. Und hat trotzdem noch nicht resigniert.

    "Mehr können wir eben nicht tun, es ist unmöglich. Wir haben weder das Personal, noch die Mittel, das Verbrechen wirkungsvoll zu bekämpfen. Da muss man schon mit Leib und Seele Polizist sein, sonst verzweifelt man."

    Portugal, das nach fast 50 Jahren Diktatur den Anschluss an Europa völlig verloren hatte, setzte erst mit dem Beitritt zur Europäischen Union zu einer atemlosen Aufholjagd an: Das war 1986, vor zwanzig Jahren. Mit milliardenschweren Subventionen aus Brüssel überwand Portugal nicht nur die politische Isolation, die Diktator Salazar seinem Land verordnet hatte, nach dem Motto: Allein, aber stolz. Portugal schloss auch wirtschaftlich auf: Mitte der achtziger Jahre begann das portugiesische Wirtschaftswunder, das das Land in die Neuzeit katapultierte. Doch dann kam die Ernüchterung - seit der Jahrtausendwende ist Schluss mit jeglichem Wachstum. Als wäre alles nur ein Traum gewesen, setzte eine Wirtschaftskrise ein, die bis heute anhält und Portugal mittlerweile zum Schlusslicht der Eurozone machte: Bis 2008, so die Brüsseler Forderung, muss Portugal seinen desolaten Haushalt saniert haben. Doch das geht nur um den Preis einschneidender Sparmaßnahmen - und sie drohen bei einer Arbeitslosenquote von 7,5 Prozent zur Lunte am sozialen Pulverfass zu werden. In den Slums von Lissabon glimmt sie bereits.

    Kein Job, keine Papiere, keine Zukunft: Jugendliche im Bairro 6 de Maio

    Die Sonne scheint, Jugendliche mit tief ins Genick gezogenen Schildmützen stehen an der Hauswand, aus einer offenen Tür tönt Musik. Die enge Gasse heiße nicht zu Unrecht 'Rua do Sol’, sagt Ariana Andrade lachend. 'Sonnenstrasse’ - weil sie die einzige im Slum ist, die breit genug ist, dass die Sonne in sie hineinscheint. Die Sozialarbeiterin sieht das symbolisch:

    "Ganz so schlimm, wie behauptet wird, leben die Jugendlichen hier auch nicht. Sicher gibt es Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen. Weil sie von morgens bis abends arbeiten müssen. Aber wer gut erzogen wird, hat es hier auch nicht schwerer, als anderswo."

    Ariana Andrade ist eine kräftige, resolute Frau Anfang 30. Sie kennt 'ihr’ Bairro wie aus dem FF - schliesslich wurde sie hier geboren, hat 19 Jahre hier gelebt. Jetzt arbeitet die afrikanischstämmige Mutter zweier Kinder im katholischen Sozialzentrum. Fast immer ist sie im Viertel unterwegs, hört sich die Sorgen seiner Bewohner an. Senhor Gil zum Beispiel beschwert sich bitter:

    "Es ist schlimm hier, alles liegt voller Müll. Heute stinkt es wenigstens nicht so, weil es geregnet hat. Aber es ist schlimm, fast wie im Schweinestall."

    Ariana Andrade stimmt dem Rentner zu. Sie stehen vor einem Müllberg, für den sich niemand verantwortlich fühlt. Ein Haus, das vor Monaten abgebrannt ist, die Besitzer sind weggezogen. Die Sozialarbeiterin fordert Selbsthilfe und schlägt vor, dass die Nachbarn den Müll wegbringen. Senhor Gil stimmt zu, sieht jedoch ein neues Problem:

    "Ja, alle zusammen könnten wir das aufräumen. Daran habe ich auch schon gedacht. Aber wohin mit dem Abfall? Es gibt hier nicht einmal einen Müllcontainer."

    Ariana Andrade verspricht, sich bei der Stadtverwaltung darum zu kümmern, dann eilt sie weiter durch die engen Gassen. Sie will nach António sehen, einem seit Monaten arbeitslosen Jugendlichen.

    Der steht vor dem Haus seiner Mutter und unterhält sich mit Freunden. Im Trainingsanzug lehnt er an der weiß getünchten Mauer, auf der liebevoll Blumentöpfe aufgereiht sind. António, der in Portugal geborene Kapverdier, ist groß und stark, ein Sportlertyp mit sympathischem Lächeln. Einen Job hat er natürlich noch immer nicht gefunden - wohl wieder wegen seiner Hautfarbe und Herkunft:

    "Bei den Vorstellungsgesprächen fragen die mich, wo ich wohne. Und wenn die 'Bairro 6 de Maio hören’, ist alles aus. Wir haben schon jemanden, oder wir rufen Sie an, heißt es dann. Da werde ich sofort diskriminiert. Die versuchen es zwar zu verbergen, aber da draußen sind wir nicht willkommen."

    Die Jugendlichen aus den Slums haben kaum eine Chance, weiß Sozialarbeiterin Ariana. Daher kann sie verstehen, dass viele von ihnen auf die schiefe Bahn geraten:

    "Der Sprung auf die andere Seite der Strasse ist eben sehr schwer. Unsere Jugendlichen kommen doch aus dem Viertel nicht heraus. Und hier gibt es nichts, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Vor kurzem habe ich eine junge Mutter getroffen, die hat geweint. Weil sie kein Geld hatte, Essen für ihre drei Kinder zu kaufen. Die sagte, sie würde Rauschgift besorgen und es verkaufen, sie wüsste keinen anderen Ausweg mehr. Wir vom Sozialzentrum versuchen zwar immer wieder, Arbeit für unsere Jugendlichen zu suchen, aber es ist sehr schwer."

    António, der arbeitslose Jugendliche, nickt zustimmend. Vor allem die Versuchung, mit Drogenhandel schnelles Geld zu machen, sei unter seinen Altersgenossen sehr groß. António hat ihr widerstanden. Bis jetzt zumindest. Er bringt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Er müsse auch noch seine kranke Mutter unterstützen, erzählt António, die dicke Wollmütze ins Gesicht gezogen. Sein Traum sei, Elektriker zu werden, meint der 24jährige, schlägt dabei immer wieder mit der rechten Faust in die linke Handfläche und wiegt rhythmisch seinen durchtrainierten Körper. Aber António weiß, dass das wohl immer ein Traum bleiben wird. Nur weil er anders als die anderen ist:

    "Damit muss ich mich abfinden. Ich kann nichts dagegen tun, ich lebe nun mal in einem Land, das nicht meines ist. Ich bin zwar hier geboren, aber für die gehöre ich nicht hierher. Wegen meiner Hautfarbe. Einen portugiesischen Pass könnte ich mir noch besorgen, die richtige Hautfarbe nicht. Aber selbst mit einem portugiesischen Pass wäre ich immer noch Afrikaner. Das werde ich nie ändern können."

    Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, ein Leben ohne Zukunft: Es gibt viel zu tun in diesem Viertel. Manchmal sei es deprimierend, sagt die Sozialarbeiterin zum Abschied. Aber Ariana Andrade lässt sich nicht beirren:

    "Die Leute hier geben mir Kraft, weiter zu arbeiten. Einerseits ist es natürlich frustrierend, wenn man die vielen Probleme im Viertel nicht lösen kann. Andererseits aber ist das auch gut. Denn wenn die Leute zu mir kommen und um Hilfe bitten, gebe ich alles. Das Wissen, gebraucht zu werden und wenigstens ein bisschen zu helfen, stärkt dann mein Selbstvertrauen wieder."
    Egal ob in Deutschland, Frankreich oder Portugal: Überall in Europa leben die Immigranten der zweiten und dritten Generation in einer Art doppeltem Exil: Die Heimat ihrer Eltern kennen sie nicht mehr. Und das Land, in dem sie geboren wurden, behandelt sie wie Fremde. Eine entwurzelte Generation, die sich ausgegrenzt und abgestossen fühlt - selbst wenn das in Portugal nicht mit offenem Rassismus verbunden ist, sondern mit subtileren Formen der Diskriminierung einhergeht. Denn auch die portugiesische Gesellschaft verspricht keine soziale Durchlässigkeit - zum Unternehmer haben es nur wenige afrikanische Zuwanderer gebracht. Zum Politiker noch nie. Hinzu kommt ein gespaltenes Bewusstsein - viele fühlen sich gleichzeitig als Afrikaner und Portugiese. Bezeichnenderweise sprechen die Kids in den Slums von Lissabon pretuges: eine Mischung aus "preto", schwarz, und portuges, portugiesisch. So versuchen sie, ihre doppelte Identität in Worte zu fassen. Oder in Musik. Der Rap bietet sich dazu an. Denn Rap ist mehr als Musik. Rap ist Dichtung und Wahrheit aus den Slums.

    Der Traum vom sozialen Aufstieg: Rapper singen über sich und ihre Zukunft

    'Das hier ist unser Studio’, sagt Eu. Er zeigt die beiden finsteren, muffigen und viel zu engen Zimmer. Che-Guevara- und Bob-Marley-Poster hängen an den Wänden. Dazwischen ein afrikanisches Liebespaar im Sonnenuntergang. Überall stehen Computer, Keyboards liegen auf dem Boden. Hier entsteht ihr slum-rap, lacht Eu, so etwas wie der Chef der Gruppe:

    "Wir müssen einfach Musik machen. Erstens schlagen wir so die Zeit tot. Und zweitens wollen wir die positiven Seiten unseres Viertels zeigen. Die gibt es! Trotz des Stigmas, dass hier im Viertel alles schwarz und trostlos ist."

    'Bairro’, Stadtviertel, nennen alle etwas euphemistisch die Bruchbuden gleich neben dem Bahnhof der Lissaboner Trabantenstadt Amadora, wo sich wellblechgedeckte Häuser einen Hang entlang drücken. Die fünf Rapper wollen raus hier. Sie träumen von einer großen Karriere.

    "'Wir wollen eine eigene CD aufnehmen, versichert EU enthusiastisch. 'Eines Tages wird es klappen’. Eu ist 25, schlank, gross, trägt eine elegante schwarze Lederjacke. Und er hängt ständig an seinem handy. Neulich habe er sogar mit Tito Paris telefoniert, sagt Eu stolz. Das ist ein berühmter kapverdischer Musiker. Der habe ihnen Mut gemacht, sei ein echter Freund, ein Vorbild. Der habe sich ganz nach oben gesungen."

    Soundcheck im Restaurant 'Casa da Morna’. 'Das ist alles noch zu dumpf, ich brauche mehr Höhen’, fordert Tito Paris während er seine elektrische Gitarre stimmt. Der 42jährige von der Kapverdeninsel São Vicente ist einer der bekanntesten Musiker in Portugal, hat sich mit mehreren Alben einen internationalen Namen gemacht. Das Restaurant im Lissabonner Szene-Viertel Calvário gehört ihm. Und dennoch hat er nicht abgehoben:

    "Am Anfang war es schwer. Ich bin lange durch das Land getingelt, habe andere kapverdische Musiker begleitet. Viele Jahre habe ich in allen möglichen Kneipen gespielt. Erst danach habe ich einen Weg gefunden, allein zu überleben. So hat meine Solo-Karriere begonnen."

    Als er 1982 nach Portugal kam, hätte er sich das nicht träumen lassen. Mittlerweise ist Tito Paris mehr unterwegs als zuhause. Im europäischen Ausland, in den USA, auf Cuba. Er sehe sich als Weltbürger, der von den Kapverden stammt und in Portugal lebt, meint Tito und lächelt sanft. Der Musiker schiebt die Daumen unter die breiten roten Hosenträger und nimmt seine braune Schildmütze ab, setzt sich an einen Tisch. Sein Erfolg hat ihn die Lebensbedingungen der meisten seiner afrikanischen Landsleute nicht vergessen lassen. Tito Paris macht sich Sorgen um die jungen Leute in den Slums, fordert mehr Initiative der Politiker:

    "Die portugiesische Regierung hätte sich schon seit langem um die Probleme der Ghettos kümmern sollen. Statt dessen hört man nur von Überfällen von Jugendlichen. Da fühle ich mich schlecht, denn ich betrachte diese kids als meine Brüder. Die wollen nichts Böses tun, die wollen doch auch nur leben."

    Besonders die Portugiesen sollten das wissen, findet Tito Paris. Gerade sie seien doch immer ein Volk von Auswanderern gewesen. Viele von ihnen seien noch in den 60er und 70er Jahren in aller Herren Länder emigriert und dort heimisch geworden. Die Jugendlichen der zweiten und dritten Einwanderergeneration in Portugal dagegen lebten immer noch am Rande der Gesellschaft. Deshalb seien diese kids frustriert und unzufrieden. Deshalb bildeten sich die ersten gangs. Deshalb nehme die Gewaltbereitschaft zu. Und ohne eine umfassende Integrationspolitik, die schon bei den Kindern ansetzt, könne die Lage bald so explosiv wie in den Pariser Vorstädten werden:

    "Noch ist es eine Minderheit, die die Probleme verursacht. Aber es ist allerhöchste Zeit, dass die politisch Verantwortlichen zugeben, dass sie falsch liegen. Sonst laufen wir Gefahr, dass diese angeblich kriminelle Minderheit zur Mehrheit wird. Und sie könnten dann mehr Schaden anrichten, als die Jugendlichen in Frankreich."

    Dessen sind auch Eu und seine Rapper-Freunde im Bairro Santa Filomena bewusst. Doch Gewaltausbrüche wie in Frankreich hat es hier noch nicht gegeben. Und Eu singt 'Es gibt nur ein Leben, hör auf, dich zu beschweren! Es gibt einen Weg, du musst ihn nur finden. Du musst dein Leben leben’.

    Portugals Historiker, Schriftsteller und Intellektuelle tasten sich erst langsam und äußerst vorsichtig an die 500-jährige Kolonialgeschichte ihres Landes heran - derweil sich immer noch hartnäckig der Mythos von der großen, imperialen Vergangenheit hält. Dabei gibt es keinerlei Grund zur Verklärung - aber viele Gründe, sich an diese Geschichte zu erinnern. Weshalb so viele kamen. Weshalb so viele blieben. Und weshalb die Jugendlichen heute Zukunftsperspektiven und ein bisschen Wohlstand einfordern, wo sich doch ihre Eltern noch stumm in ihr Schicksal fügten und geradezu demütig ihre Arbeit machten.

    Arbeiten in Demut, auswandern in Hoffnung, bleiben in Sehnsucht: Die Geschichte eines kapverdischen Emigranten

    Ein enges Wohnzimmer, ein abgewetztes Sofa, nebenan lärmen Kinder. António Gomes hat die kleine Stereoanlage in der Schrankwand angemacht und sich einen Grogue de Santo Antão eingeschenkt - einen Zuckerrohrschnaps von den Kapverden. Der alte Mann schließt kurz die Augen, 'Sodade’ klingt es aus dem Lautsprecher - Sehnsucht nach der Heimat Cabo Verde. Er habe sein ganzes Leben lang gearbeitet, erzählt António Gomes. Hart und viel gearbeitet. Ein bisschen müde sitzt er auf seinem Sofa, ausgemergelt. Aber der 68jährige beklagt sich nicht. So sei eben das Emigrantenschicksal: Weggehen, ankommen, weggehen und viel Sehnsucht, Sodade eben.

    "Ich bin emigriert, um besser leben zu können. Mit sieben Kindern sind wir nach São Tomé gegangen. Dort haben wir noch vier Kinder. Insgesamt haben meine Frau und ich elf Kinder."

    Senhor António hält kurz inne, um der Melodie aus der Stereoanlage zu folgen. Erinnerungen werden wach. Mit 28 hat er die Kapverdischen Inseln verlassen, sie waren damals noch portugiesische Kolonie - die ärmste, in der immer wieder Tausende verhungerten. Wie viele seiner Landsleute ging er erst auf die reichere Insel São Tomé weiter unten im Süden

    "Und weil wir in São Tomé so gut wie nichts verdient haben, sind wir dann nach Portugal gezogen. Immer auf der Suche nach einem besseren Leben. Wir sind hierher gekommen, weil wir hier besser verdienten."

    1973 kam Senhor Antonio in Portugal an: Hier herrschte Arbeitskräftemangel. Die Kapverdier, damals noch portugiesische Staatsbürger, waren willkommen - auf dem Bau.

    'Wer hat dir den weiten Weg gezeigt, den weiten Weg nach São Tomé, den weiten Weg in die Emigration,’ klingt es aus der kleinen Stereoanlage. Senhor António, grauhaarig und hager, nickt, während in der Küche die Enkel lärmen. Viele Mornas, diese traurigen Lieder von den Kapverden, erzählen von Sodade. Senhor António kennt diese Sehnsucht nach einem besserem Leben, das die Kapverdier lange nur in der Emigration finden konnten. Und auch die Sehnsucht nach der Heimat, den Kapverdischen Inseln. Fast hätte das Lied für Senhor António geschrieben sein können:

    "Ich bin gern in Portugal. Schließlich lebe ich seit fast 30 Jahren hier. Hier sind meine Kinder groß geworden. Aber natürlich würde ich gern auf die Kapverden zurückgehen. Schließlich ist das meine Heimat, ich bin dort geboren."

    Manuel ist hereingekommen - der Sohn von Senhor António. 45 Jahre ist er heute alt, ein kräftiger Mann in seinen besten Jahren. Damals, als er nach Portugal kam, war er 17 - und fand sofort einen Job. In derselben Firma, in der auch sein Vater arbeitete.

    "Ich bin Hilfsarbeiter bei dem Bauunternehmen geworden, beim Straßenbau. Das bin ich heute noch. Ich verdiene knapp vierhundert Euro, wenn wir Überstunden machen oder am Samstag arbeiten, etwas mehr."

    Natürlich sei das nicht viel, gibt Manuel zu. Aber irgendwie müsse die Familie eben mit dem Geld auskommen. Das geht eher schlecht als recht, Manuel Gomes hat drei Kinder zu ernähren. Die Frau verdient als Putzfrau etwas dazu. Entsprechend bescheiden ist die Wohnung im Viertel Fontainhas, das direkt an der Grenze zwischen Lissabon und der Schlafstadt Amadora liegt.

    Drei Generationen teilen sich vier Zimmer in dem winzigen Häuschen, das Vater António und Sohn Manuel nach Feierabend in dem Slum gebaut haben. Illegal natürlich, aber es war die einzige Chance, ein festes Dach über dem Kopf zu bekommen. An den Müll vor der Haustür, den im Sommer unerträglichen Gestank, haben die Gomes’ sich längst gewöhnt. Die ganze Sorge der Familie gilt jetzt Senhor Antónios ältestem Enkel. Der 15jährige António geht in die 7. Klasse und soll es einmal besser haben:

    "Der Junge geht zur Schule, schliesslich muss er eines Tages eine gute Arbeit finden, um seine Eltern zu unterstützen. Nur von unserem Einkommen können wir schwer leben. Darum schränken wir uns jetzt ein, um seine Schulbücher kaufen zu können. Wir hoffen, dass er die Schule erfolgreich beendet."

    Vater António nickt zufrieden, Sohn Manuel schenkt noch einen Zuckerrohrschnaps ein. Aus der billigen Kompaktanlage dröhnt noch immer das traurige Lied von Sodade. 'Sehnsucht nach dem Tag, an dem du wiederkehrst. Sehnsucht nach der Heimat Cabo Verde,’ heißt es in der Morna.

    Und von Rückkehr träumt sogar der Hilfsarbeiter Manuel Gomes. Obwohl er sich kaum an die Kapverdischen Inseln erinnern kann. Als er die Heimat mit seinen Eltern verließ, war Manuel Gomes noch ein Kleinkind. Trotzdem ginge er gern dorthin zurück:

    "Ich habe Gottvertrauen, dass ich eines Tages in meine Heimat zurückkehren werde. Nicht jetzt, das geht noch nicht. Um dort zu überleben, brauche ich Sicherheiten, Cabo Verde ist ein armes Land. Aber wenn ich in Rente bin, klappt es vielleicht. Ich bitte darum, eines Tages werde ich heimkehren - so Gott will."

    Vermutlich werden die Arbeits- und Lebensbedingungen für die Farbigen in Portugal eher noch schlechter werden - denn sie haben noch billigere Konkurrenz aus Osteuropa bekommen. Die Zuwanderer aus der Ukraine sind bereits jetzt zu einer der größten Einwanderungsgruppen aufgestiegen. Die meisten sind legal im Land. Und sie arbeiten unauffällig. Der Verdrängungswettbewerb um die billige Arbeit in Portugal ist mit ihnen noch härter geworden.

    Der Treffpunkt der Verlierer: Das Jugendzentrum Moinho da Juventud im Slum von Couva da Moura

    Aus einem geparkten Auto dröhnt Musik, fünf oder sechs junge Männer stehen auf der Strasse, drei sitzen auf den Treppen eines Hauses. Ein Joint macht die Runde. Die Jungs blicken grimmig drein. Mit ihren tief ins Gesicht gezogenen Mützen, den dicken, viel zu grossen Trainingsjacken sehen sie nicht gerade vertrauenserweckend aus. Der 24jährige Edir Correia kennt das. Er trägt eine dicke Trainingsjacke, Jeans, Turnschuhe.

    "Was die Medien über das Viertel berichten, stimmt nicht immer. Die zeichnen immer dasselbe, negative Bild. Das ist Manipulation. Die Presse zeigt nie die positiven Seiten. Die kommen nur, wenn es Ärger gibt, Schiessereien oder Tote. Ich weiß nicht, aber die scheinen aus dem Viertel eine Art Bronx machen zu wollen."

    Und das ist die Couva da Moura wirklich nicht. Ein beschauliches Villenviertel allerdings auch nicht. Irgendwann in den 70er Jahren, als Lissabon noch viel kleiner war, haben hier die ersten Afrikaner als billige Gastarbeiter aus der damaligen Kolonie Kapverden ihre Häuser gebaut. Illegal und weit außerhalb der Stadt an der Eisenbahnlinie in Richtung Amadora. Inzwischen sind die beiden Städte zusammengewachsen, die Couva da Moura liegt heute mittendrin. Und ist längst zum problematischsten sozialen Brennpunkt im Großraum Lissabon geworden: Nirgendwo sonst gibt es so viele Gewalttaten wie hier. Vor einem Jahr wurden hier drei Polizisten erschossen.

    Fast immer geht es um Rauschgift - die Couva da Moura gilt als der grösste Umschlagplatz für Drogen in Portugal. Edir will das nicht herunterspielen. Aber er sucht nach Erklärungen.
    "Die Jugendlichen müssen schließlich irgendwie überleben, irgendwie Geld verdienen. Die Mehrheit will arbeiten und ist nicht kriminell. Nur kommen einige eben auf die schiefe Bahn und sorgen für den schlechten Ruf des Viertels. Sicher gibt es hier Drogenhandel, das wollen wir gar nicht verbergen. Aber überall auf der Welt, wo viele arme Menschen zusammenleben, gibt es Drogenkriminalität."

    Edir zündet sich eine Zigarette an. Der junge Mann, dessen Eltern von den Kapverdischen Inseln stammen, spricht aus eigener Erfahrung: Früher gehörte er zu den harten Jungs des Viertels, hat selbst mit Rauschgift gehandelt. Er wurde erwischt und saß fast zwei Jahre im Gefängnis. Jetzt arbeitet er für 'Moinho da Juventude’, eine Organisation, die den Bewohnern der Couva da Moura helfen will. 'Dabei dürfte ich das gar nicht, meine Papiere sind nicht in Ordnung, sagt Edir und lacht. Aber beim 'Moinho da Juventude’ stört sich niemand daran, dass auch Edir immer noch nicht eingebürgert ist. Edir will Brücken bauen, gegen Vorurteile ankämpfen. Zeigen, wie es wirklich ist im Viertel.

    "In der Couva da Moura gibt es mehr Positives als Negatives. Nur wissen die Leute das nicht. Es gibt keinen anderen Ort in Portugal mit so viel echt kapverdischer und afrikanischer Kultur. Diese positive Seite, von der niemand weiß, wollen wir zeigen."

    Edir kennt jede Gasse, jeden Jugendlichen, jede Familie. Er weiß, mit welchen Problemen die Menschen hier zu kämpfen haben. Trotzdem lebt er gern in der Couva da Moura.

    An einer Straßenkreuzung verkaufen zwei bunt bekleidete alte Frauen exotisches Obst, afrikanische Gewürze und Zuckerrohr von den Kapverdischen Inseln. Im Schallplattenladen weiter oben gibt es die neuesten CDs aus Afrika, im Friseursalon daneben glätten Mädchen widerspenstige Locken und flechten kunstvolle Zöpfe. Aus dem Fischladen, einer umgebauten Garage, klingt Musik. Überall ist Musik zu hören in der Couva da Moura.

    Auch im 'Espaço Jovem’ läuft ständig Musik. Der ehemalige Abstellraum mitten im Viertel ist jetzt Jugendtreffpunkt, Bar, Discothek. Und Edir trägt die Verantwortung, dass es keinen Ärger gibt.

    Graffities verzieren die Betonwände. 'Mach etwas aus deinem Leben’ mahnt ein Poster. Jeden Abend von sechs bis zehn Uhr ist Edir hier DJ, Wirt und Aufpasser in einem. Paulo hingegen macht nichts. Paulo ist einer von Edirs besten Freunden - noch aus seiner wilden Zeit. Auch Paulo ist afrikanischer Abstammung. Und arbeitslos. Er ist oft hier. Paulo kommt zum Abhängen:

    "Wenn ich nichts zu tun habe, komme ich hier vorbei. Um irgendetwas zu tun. Wenn es nichts zu tun gibt, kann man hier wenigstens etwas Spass haben. Es ist schön hier, angenehm. Und es hilft, die Zeit tot zu schlagen."

    Paulo hat - wie die meisten Jugendlichen im Bairro - allzu viel Zeit, die er totschlagen muss: Er hat keinen Schulabschluss, keine portugiesischen Papiere, keine Arbeit. Ein Teufelskreis, den Edir nur zu gut kennt: Auch er hat die Schule vorzeitig verlassen, wenn auch erst kurz vor dem Abitur.

    'Das schlimmste aber ist, wenn du keine Papiere hast’, erzählt Edir. Denn nach denen fragt jeder ausserhalb des bairros. Er habe zwar inzwischen die portugiesische Staatsbürgerschaft beantragt. Weil seine Eltern illegal im Land lebten, fehle aber immer wieder irgendein Dokument. Portugal mache es zugewanderten Afrikanern noch immer extrem schwer, den Zustand der Rechtlosigkeit abzuschütteln. Auch Edir stand, als er einen Job ausserhalb seines Viertels suchte, vor schier unüberwindbaren Problemen:
    "Es gibt keine Alternativen. Das fängt damit an, dass ich keinen portugiesischen Pass habe, obwohl ich hier geboren bin. Den brauch ich aber, damit ich arbeiten kann. Und als Schwarzer, der auch noch aus der Couva da Moura kommt, steht man immer vor verschlossenen Türen. Das ist eben leider so."

    Edir und Paulo spielen Billard im 'Espaço Jovem’. Immer wieder versucht Edir seinem Freund eine Berufsausbildung schmackhaft zu machen. Ohne Erfolg. Paulo glaubt nicht an sich - und auch nicht an die Zukunft. Edir schon:

    "Ich denke, es kann nur eine Lösung für die Probleme der Jugendlichen in der Couva da Moura geben. Sie müssen eine echte Chance bekommen. Man kann sie doch nicht einfach sich selbst überlassen! Man muss ihnen ein Ziel zeigen, damit sie nicht immer wieder rückfällig werden. Die Gesellschaft müsste die Energien der Jugendlichen in positive Bahnen lenken. Das wäre das Rezept gegen das Verbrechen in der Couva da Moura."