Samstag, 21.07.2018
 
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDie diffusen Ängste der Deutschen01.02.2018

Soziologie Die diffusen Ängste der Deutschen

Armut, Terror, Fremde, Epidemien und Katastrophen aller Art: Die Angstgefühle in Deutschland steigen seit Jahren kontinuierlich an - obwohl konkrete Bedrohungen nicht zunehmen. Wissenschaftler haben untersucht, inwiefern unsere Ängste real oder konstruiert sind - und wodurch sich eine Stimmung der Angst verbreitet.

Von Cornelius Wüllenkemper

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
(inkje / photocase.de)
Das Gefühl der Angst ist ein wichtiger Faktor zum Schutz vor realen Gefahren - doch sie kann eine Eigendxnamik entwickeln, die von der realen Bedrohung abgekoppelt ist (inkje / photocase.de)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Tagung "Angst machen" Wie entsteht Angst in der Gesellschaft?

Typisch deutsch? Angst "Die Deutschen haben Angst vor wirtschaftlichen Situationen"

Ausländerfeindlichkeit Angst und Abwehr setzen den Verstand außer Kraft

"Die deutsche Gesellschaft ist eine der ruhigsten und gesammeltsten der gesamten westlichen Welt und zugleich eine, die wiederum von Ängsten beherrscht wird, von denen man nicht weiß, welche Ursachen sie eigentlich haben."
 
Meint Heinz Bude, Soziologieprofessor an der Universität Kassel. Jährliche Studien belegen, dass die subjektiven Angstgefühle in Deutschland seit rund 15 Jahren kontinuierlich ansteigen. Besonders ausgeprägt war im vergangenen Jahr etwa die Angst vor terroristischen Anschlägen und politischem Extremismus, aber auch vor Schadstoffen in Lebensmitteln oder plötzlichen Naturkatastrophen.

Ängste ohne reale Gefahr

Ängste und ihre Rolle in der Gesellschaft stehen oft in keinem unmittelbaren Verhältnis zur realen Gefahr - daran ändern auch eindeutige statistische Belege der Risikoforschung nichts. Heinz Bude erklärt die Zyklen der Angst unter anderem mit generationellen Umbrüchen. Er ist davon überzeugt:

"Dass wir es heute mit bewussteren Jahrgängen zu tun haben, die den Krieg nicht mehr als existenzielle Erfahrung kennen und auch nicht mehr Resilienz daraus geschöpft haben, dass das vorbei ist, sondern das Gefühl der Widerstandsfähigkeit aus etwas anderem ziehen müssen, immer mit der Drohung, dass da etwas passieren kann, was wir nicht mehr überblicken. Kontingenz, also, dass alles auch anders sein kann, ist heute das Thema der Angst."

Das steigende Angstpotenzial ist also nicht gekoppelt an eine konkrete Bedrohung, sondern eher an ein diffuses Gefühl einer lauernden Gefahr.

Zulauf zu rechter Politik

Heinz Bude glaubt, dass das Konzept der liberalen Marktwirtschaft, in der jeder einzelne für sein eigenes Wohl sorgen kann, an Überzeugungskraft verloren habe und keine Sicherheitsperspektive mehr biete. Ob Klimawandel, globaler Wettbewerb oder die Alterung unserer Gesellschaft: Viele Menschen suchen angesichts der Angst vor den grundlegenden zukünftigen Herausforderungen nach einem neuen Zusammenhalt, einer politischen Alternative.

"Das sind die Konzepte der neuen Rechten, die wir in allen westlichen Gesellschaften finden, die im Grunde sagen: Jeder braucht Solidarität, aber wir wissen natürlich, dass wir nur solidarisch sein können mit unsereins. Und exklusive Solidarität ist deswegen so interessant für viele Leute, weil sie glauben, es holt uns aus einer Periode der Lüge oder der Selbsttäuschung heraus und zeigt wieder, wie wir zusammen stehen müssen und nur gemeinsam die Dinge stemmen können, die für uns wichtig sind."

Je weniger Berührungspunkte, desto mehr Angst

Auch die Angst vor Fremden basiert vor allem auf der diffusen Furcht vor einem grundlegenden Wandel der eigenen Lebenswelt, davon ist der Journalist Dirk Gieselmann überzeugt. Für sein Rechercheprojekt "Atlas der Angst" hat Gieselmann im Sommer 2016, kurz nach den islamistischen Attentaten in Würzburg und Ansbach und dem vermutlich rechtsradikal motivierten Amoklauf in München, zahlreiche Orte in ganz Deutschland besucht und hat Menschen nach ihren Ängsten befragt. Seine grundlegende Erkenntnis: Angst herrscht vor allem dort, wo man mit dem eigentlichen Objekt der Angst kaum in Berührung kommt. So habe man in Metropolregionen etwa viel weniger Frucht vor der sogenannten Überfremdung durch den Zuzug von Asylsuchenden als in spärlich besiedelten ländlichen Gegenden.

Mangelnde Kommunikation

Für Gieselmann ist dies auch eine Folge veränderter Konsum- und Kommunikationsgewohnheiten.

"Eine Beobachtung ist, dass der klassische Marktplatz als Ort der Kommunikation im Verschwinden begriffen ist. Viele Kleinstädte haben sich uns so dargestellt, dass irgendwo draußen eine riesige Mall eröffnet. Da fahren die Leute hin, kaufen ein, als würde der atomare Winter kurzbevorstehen, fahren dann nach Hause, lassen die Jalousien runter und setzen sich vor ihren Riesen-Plasma-Bildschirm, um sich mit Angst aufzuladen, die dann durch nichts mehr relativiert wird. Nicht durch den Austausch mit dem Nachbarn - wie siehst du das, übertreibe ich vielleicht mit meiner Angst, lass uns mal drüber reden -, sondern die Angst wird durch Konsum der Angst immer weiter vergrößert."

Soziale Netzwerke als Verstärker der Angst

Gieselmann spricht von einem steigenden Bedürfnis nach angstauslösenden Reizen. Er sieht die Isolation in Meinungsblasen als einen wichtigen Faktor in der Verstärkung diffuser Angststimmungen. Die veränderten Prozesse der Meinungsbildung durch die sozialen Medien spielten auf der Potsdamer Tagung eine zentrale Rolle. Jens Eder etwa, Professor für Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg, bezeichnet soziale Online-Netzwerke als "Motoren der Verunsicherung", die ihren eigenen Gesetzen folgen. Laut Eder geht es um:

"Netzwerke, in denen sich Affektkaskaden entwickeln können, Dynamiken, die zum Teil abhängen von den Algorithmen der Plattformbetreiber, vom technologisch Unbewussten, wenn man so will. Und zum anderen von dem psychologisch Unbewussten des Reagierens in Online-Netzwerken. Man kann sich beispielsweise einer Gruppe, die Angst hat und die Angstbotschaften verbreitet, zuordnen, sich dort aufgehoben und zugehörig fühlen."

So entscheiden Filterblasen sozialer Netzwerke durch Algorithmen, die die spezifischen Interessen eines Users erkennen, welche Nachrichten und Meinungen auf seinem Bildschirm erscheinen, für welche seiner Ängste er Bestätigung findet. Zugleich wirkt die Kettenreaktion durch die massenhafte, sekundenschnelle Verbreitung von Nachrichten wie ein Angstverstärker, meint Dr. Martin Schaad, Mit-Organisator der Tagung.

"Hier spielen soziale Medien in der Tat eine große angstverstärkende Rolle, und plötzlich wird jeder Twitter-User zum Angstproduzenten. Ganz besonders hat man das untersucht am Fall des Amoklaufs in München 2016, als ein Attentäter in einem Randbezirk der Stadt neun Leute umgebracht hat, gleichzeitig aber durch soziale Medien, Twitter insbesondere, plötzlich von mehr als 60 Tatorten in der Stadt München die Rede war. 32 Leute haben sich verletzt, nicht wegen des Amokläufers, sondern wegen der daraus entstandenen Panik, die sich dann selbst generiert hat."

Erst die Eigendynamik der Angst ist gefährlich

Das Gefühl der Angst ist einerseits ein wichtiger Faktor zum Schutz vor realen Gefahren. Andererseits unterliegt Angst immer auch einer Eigendynamik, die irrationale, gefährliche Verhaltensmuster begünstigen kann.

Angst gehört in jeder Epoche und ungeachtet der sozialen Stellung zum Leben, so lautete eine grundlegende Erkenntnis der Tagung im Einsteinforum. Erst wenn die Furcht vor einem konkreten Phänomen in einer isolierten Gruppe bewusst oder unbewusst übersteigert und verallgemeinert wird, gewinnt Angst eine Eigendynamik, die von der realen Bedrohung abgekoppelt ist.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk