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StartseiteSport am WochenendeJetzt muss viel improvisiert werden25.04.2020

Sport-Abi in der CoronakriseJetzt muss viel improvisiert werden

Wer Sport als Abiturfach hat, kann aktuell nicht in jedem Bundesland die praktische Prüfung ablegen - oder ist noch im Ungewissen. Fehlende Trainingsmöglichkeiten, geschlossene Sportanlagen und Abstandsregeln erschweren die Situation.

Von Jessica Sturmberg

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Jugendliche spielt Fußball (imago)
Das Hin und Her, das es gerade in vielen Bundesländern gibt, verunsichert Sportlehrkräfte und Sportabiturienten. (imago)
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Ben Sembal ist 19 Jahre und geht auf die Duborg Skolen in Flensburg, eine Schule der dänischen Minderheit. Ob er seine beiden praktischen Prüfungen für sein Leistungsfach Sport ablegen kann oder nicht, ist noch unklar.

"Also die beiden, die jetzt anstehen würden, sind einmal die Einzeldisziplin, die dann für mich Leichtathletik wäre mit dem Schwerpunkt Laufen und Sprint, das wäre dann 100, 200 Meter-Sprint und 1.500 Meter Lauf plus Weitsprung und Kugelstoßen und als zweite Disziplin wäre dann Volleyball als Teamsport."

Die Anspannung fehlt

Zumindest den Leichtathletik-Teil würde er gerne absolvieren. Die Anlagen sind draußen und die Disziplinen unter Einhaltung von Abstand und Hygieneregeln denkbar, findet Ben Sembal. Dass er momentan aber noch nicht weiß, ob es dazu kommt, fühle sich ähnlich wie bei Spitzensportlern an, die nicht wissen, wann es weitergeht.

"Die Motivation zu bewahren trotz Corona noch weiter zu trainieren, ob man das jetzt für umsonst macht oder ob man das jetzt doch für die Prüfung macht und das ist es für mich und auch Kollegen von mir wirklich schwierig, weil man nicht genau weiß, ob die jetzt stattfinden werden oder nicht."

Zumal er abwägen muss, ob er dann nicht besser die Zeit verstärkt in andere Prüfungsvorbereitungen steckt. Die ganze Situation führt bei ihm dazu, dass er nicht die vor wichtigen Tests sonst spürbare Anspannung empfindet, auch nicht beim theoretischen Teil "so dass sich das für mich weniger wie Abi anfühlt, sondern wie eine normale Klausur eher, also ich habe nicht das Gefühl, ich mach Abitur jetzt gerade."

Auch für Frederik Eden, ebenfalls 19 Jahre, Abiturient im niedersächsischen Langenhagen, war lange ungewiss, ob er den praktischen Teil an seiner Gesamtschule IGS vollenden kann. Er hatte das Glück, dass seine Teamsportart Handball bereits im Winter vorgezogen geprüft wurde.

"Da gab es dann zwei Mannschaften, die haben gegeneinander gespielt und da wurden dann auch einzelne Fähigkeiten beim Handball getestet, ich wurde im Tor geprüft."

"Das kann schon den ganzen Abiturschnitt versauen"

Doch ob diese Noten auch zählen, wenn der zweite und dritte praktische Teil nicht mehr durchgeführt werden kann, war lange unklar. Das hat auch seinen Lehrer Daniel Möllenbeck beschäftigt.

"Die meisten haben schon Sportarten, wo sie besonders gut sind und wo sie dann natürlich auch wissen, da kriegen sie 13, 14, 15 Punkte und mit diesen Noten wurde auch gerechnet für das Abitur und wenn dann so eine Note wegfällt, kann das schon den ganzen Abiturschnitt versauen."

Möllenbeck, zugleich Präsident des niedersächsischen Sportlehrerverbands, hat engen Kontakt mit dem niedersächsischen Schulministerium gehalten. Gestern kam dann die Nachricht: das Sport-Abi kann unter Einhaltung von Sicherheits- und Hygieneregeln durchgeführt werden.

Flexibilität ist gefragt

Das heißt, die Prüfungen können an der IGS Langenhagen wie ursprünglich geplant Anfang Juni stattfinden. Nur muss jetzt viel improvisiert werden. Eigentlich hätte Frederik Eden zusammen mit fünf anderen aus seinem Leistungskurs beim Triathlon in Hameln teilgenommen, doch weil der abgesagt ist, wird daraus nun ein Duathlon aus Radfahren und Laufen. Und dafür muss jetzt ein geeignetes Gelände und Streckenposten gefunden werden. Frederik Eden ist aber erleichtert, dass die Hängepartie vorbei ist.

"Beim Sport ist die lange Vorbereitungszeit das Problem, also man kann jetzt nicht innerhalb von zwei Wochen sagen, ja gut Prüfungen finden doch statt, ich lerne jetzt nochmal ein bisschen. Das muss natürlich länger im Voraus sein. Ich habe persönlich Ende Januar angefangen für den Triathlon zu trainieren, dementsprechend mir einen Trainingsplan geschrieben und musste den dann schon als klar war, dass der Triathlon nicht stattfinden kann, umändern auf den Duathlon."

Das Hin und Her, das es gerade in vielen Bundesländern gibt, verunsichert Sportlehrkräfte und Sportabiturientinnen und -abiturienten. Es ist wie bei Spitzenathleten und ihrem Saisonhöhepunkt. Da wird zum Prüfungstag nochmal einiges herausgeholt.

Doch wenn Trainingsmöglichkeiten fehlen, Sportanlagen dicht sind, und die Situation unklar, ist das alles andere als ein Höhepunkt. Auch hat nicht jede Schule eigene Anlagen. Darum wünschen sich jetzt alle schnell Klarheit. Michael Fahlenbock, Präsident des deutschen Sportlehrerverbands hofft, dass diese sich nun rasch einstellt. Auch die Bedenken aus der Lehrerschaft, dass Prüfungen nicht im gewohnten Standard abgehalten werden können, dass Ungerechtigkeiten entstehen, weil nicht die persönlichen Schwerpunktsportarten geprüft werden können, Teamsportarten gleich ganz rausfallen, versucht er aufzufangen und gibt mit auf den Weg: "Dass man die Bewertung situationsangepasst durchführen sollte. Das macht jetzt auch keinen richtig glücklich, so eine doch vage Äußerung, da bin ich mir auch im Klaren."

Auf Prüfungen verzichten oder nachholen

Konkret könne das sein, dass Schüler eine Option bekommen, ob sie unter den gegebenen Umständen auf einzelne Prüfungsteile verzichten wollen oder dass – falls möglich – Prüfungen zu einem späteren Zeitpunkt noch nachgeholt werden könnten, wenn beispielsweise Schwimmbäder doch noch eingeschränkt öffnen dürfen oder: "Ja genau, das ist die situationsangepasste Bewertung, dass ich versuche, den Schülern den Weg zu öffnen, eine möglichst gute Prüfung zu machen."

In Teamsportarten wie Basketball will er so vorgehen: "Wir werden jetzt Technikprüfungen oder Einzeldemonstrationen, im Basketball, ob es der Korbleger ist, Ballhandling oder was auch immer, da werden wir Einzelprüfungen machen, die vielleicht auch kommentiert werden sollen, von dem Akteur, was er eben da gemacht hat, was er sich dabei gedacht hat, dass man eben die Prüfungsvariationen etwas erweitert."

Michael Fahlenbock drängt sowohl bei den Kollegen als auch Ministerien auf flexible Lösungen. Je nach Bundesland haben Schulen schon jetzt unter diesen besonderen Umständen mehr Freiheiten erhalten. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise können die Schulen – nach vorheriger Anzeige bei der jeweils zuständigen Bezirksregierung – die Termine neu festgelegen, sonst vorgeschriebene Reihenfolgen müssen nicht mehr eingehalten werden und es würden noch weitere Handlungsoptionen geprüft, hieß es gestern aus dem Ministerium.

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