Dienstag, 07. Dezember 2021

9. Sportkonferenz im DeutschlandfunkFrauen im Sport: "In den Köpfen ist gar nicht drin, dass eine Frau eine Männer-Bundestrainerin sein kann"

Wie können Frauen in der Sportberichterstattung stärker vorkommen? Bei der 9. Sportkonferenz des Deutschlandfunks "Raus aus der Abseitsfalle! - Frauen in der Sportberichterstattung" diskutierten Journalistinnen und Sportlerinnen über Hindernisse, Probleme und Möglichkeiten für mehr Sichtbarkeit.

Von Olivia Gerstenberger, Christina Höwelhans und Chaled Nahar | 18.11.2021

Nina Probst, Journalistin bei sportfrauen.net
Nina Probst, Journalistin bei sportfrauen.net (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Frauen werden im Sport strukturell ausgeschlossen, sagte Ilse Hartmann-Tews, Professorin für Sportsoziologie. Das habe historische und soziologische Gründe, erklärte die Wissenschaftlerin, die an der Deutschen Sporthochschule Köln das Institut für Soziologie und Genderforschung leitet. Diese "Absicherung dieses männerdominierten Terrains" sei auch heute noch vorhanden. Die Mechanismen dafür seien aber mittlerweile subtiler geworden. 

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Frauen sind im Sport unterrepräsentiert - bis heute

Schon in seinen historischen Wurzeln sei der Sport eine "gendered organization", führte Hartmann-Tews aus. Es ging von Beginn an primär um die körperliche Ertüchtigung von Jungen und Männern, die Entwicklung der Männlichkeit - auch wegen der militärischen Wehrhaftigkeit. Mädchen und Frauen waren lange ausgeschlossen. Noch bis heute sind Frauen sowohl in Führungspositionen von Sportvereinen und -verbänden als auch in der Berichterstattung weiterhin unterrepräsentiert:
  • Anteil der Berichterstattung über Frauen in den Printmedien: 10 Prozent
  • Frauenanteil der ca. 24 Millionen DOSB-Mitglieder: 40 Prozent
  • Frauenanteil bei ehrenamtlichen Vorständen von Sportvereinen: 30 Prozent
  • Frauenanteil in Präsidien der Spitzenverbände: 20 Prozent
  • Frauenanteil bei Funktionsrollen (Schiedsrichterinnen, Trainerinnen): 20 Prozent

Wer bringt Veränderung? Verbände oder Medien?

Aber wie können Sportlerinnen in der Sportberichterstattung stärker vorkommen? "Der Sport muss sich selbst eine Aufmerksamkeit schaffen", befand Saskia Aleythe, langjährige Sportredakteurin bei der Süddeutschen Zeitung.
Saskia Aleythe von der Süddeutschen Zeitung
Saskia Aleythe von der Süddeutschen Zeitung (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Nina Probst sah das anders. "Wenn man insgesamt diverser berichtet, kann man ja auch ein größeres Interesse schaffen", sagte Probst. Sie hat sportfrauen.net mitgegründet, wo ausschließlich über Frauensport berichtet wird. Die Macherinnen wollen über die sportliche Leistung berichten - weniger über Missstände in der Branche. Die Sichtbarkeit von Sportlerinnen sei ein Henne-Ei-Problem, findet Probst: Wer fängt an, eine Veränderung anzustoßen? Verbände oder Medien?
"Wir wollen gerne über Frauen berichten", so Aleythe, "aber nur acht Prozent der deutschen Trainerinnen und Trainer, die in Tokio dabei waren, waren Frauen. Ich würde gerne mit einer Schwimmbundestrainerin reden, oder mit einer Biathlonbundestrainerin. Aber wenn die nicht da ist, habe ich ein Problem."

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9. Sportkonferenz im Deutschlandfunk - Teilnehmerinnen:

Christine Adams (Bundestrainerin Stabhochsprung)
Saskia Aleythe (Redakteurin Süddeutsche Zeitung)
Nina Probst (Journalistin sportfrauen.net)
Silke Kassner (Slalomkanutin und ehm. Vize-Präsidentin Athleten Deutschland)
Diemut Roether (Diskussionsleitung, Journalistinnenbund)

1. Teil: Frauen in den Sportmedien: "Das Rad lässt sich definitiv nicht mehr zurückdrehen"

Bundestrainerin Adams: "Ich wurde gefragt, ob das ein Ehrenamt ist"

Das Problem sieht auch Christine Adams, früher Athletin, heute Stabhochsprung-Bundestrainerin für Männer und Frauen. Im Nachwuchsbereich mit besseren Bedingungen für Familien gebe es Trainerinnen: "Dünne wird es danach." Im Spitzenbereich helfe deshalb eine Quote nicht: "Wir haben die Frauen nicht."
Die Stabhochsprung-Bundestrainerin Christine Adams
Die Stabhochsprung-Bundestrainerin Christine Adams (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Das sei auch ein gesellschaftliches Problem: Sie habe mal jemand gefragt, ob ihr Bundestrainerinnenamt ein Ehrenamt ist. "In den Köpfen der Leute ist gar nicht drin, dass eine Frau eine Männer-Bundestrainerin sein oder Männer sportlich sehr erfolgreich entwickeln kann."

Sexualisierte Gewalt im Sport: 90 Prozent der Taten durch Männer

Ein Problem, von dem vor allem Athletinnen betroffen sind, ist sexualisierte Gewalt im Sport. Die Sportsoziologin Ilse Hartmann-Tews von der Sporthochschule Köln spricht davon, dass es ein "ganz klares geschlechtsbezogenes Problem" sei: 90 Prozent der übergriffigen Täter seien Männer. Sie fordert ein unabhängiges Zentrum, das sich um sexualisierte Gewalt kümmert - unter anderem als Ansprechpartner für Betroffene. Auch Sportjournalistin Aleythe findet, dass der DOSB das Problem nicht intern lösen könne. Für die Medien sieht sie die Aufgabe, das Thema zunächst mal aufzugreifen und die Probleme zu benennen.
Dass die Probleme bei sexualisierter Gewalt umfassend sind, bestätigte Silke Kassner, Slalomkanutin und ehemalige Vize-Präsidentin von Athleten Deutschland. Gerade, wenn Betroffene einen Täter beschuldigen: "Eine Athletin - meistens sind es ja Athletinnen - gerät im Verein ganz massiv unter Druck." Hartmann-Tews formulierte es so: Das System lasse eher die Betroffenen "über die Klinge springen", als den beschuldigten Trainer.
Silke Kassner, Slalomkanutin und frühere Vize-Präsidentin von Athelten Deutschland
Silke Kassner, Slalomkanutin und frühere Vize-Präsidentin von Athelten Deutschland (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)

Frauen im Vorstand bringen positive Effekte auf Vereine

In den Führungsgremien zeichne sich neben dieser Unterrepräsentanz von Frauen zusätzlich eine geschlechtsdifferente Verteilung innerhalb der Vorstandspositionen ab, sagte Hartmann-Tews: Männer haben überdurchschnittlich oft den Vorsitz, die Geschäftsführung, sind Sportwart. Frauen sind sehr viel öfter in Ämter der Schatzmeisterin oder der Schriftführung. "Dadurch haben die Männer also mehr Macht als die eh schon unterrepräsentierten Frauen", resümierte Hartmann-Tews. "Es ist sozusagen eine ausschließende Inklusive: Frauen sind ansatzweise in Steuerungsetagen angelangt, aber in weniger relevanten Positionen, eher in der Peripherie."
Ilse Hartmann-Tews (links) im Gespräch mit Moderatorin Dietmut Roether (rechts) auf der 9. Sportkonferenz des Deutschlandfunks.
Ilse Hartmann-Tews im Gespräch mit Moderatorin Dietmut Roether (Deutschlandradio / Jessica Sturmberg)
Dabei zeige die Forschung deutlich, dass eine geschlechtergemischte Zusammensetzung, also eine diverse Führung positive Effekte habe. "Dort, wo Frauen im Präsidium sind, ist die Gewinnung und Bindung von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern leichter. Und die finanzielle Struktur der Vereine ist besser."
Frauen würden sich das allerdings oft nicht zutrauen, eine Führungsrolle zu übernehmen und nähmen oft den längeren Weg. "Aber wenn sie drin sind, machen sie einen Unterschied. Ein paar Jahre später zeigt sich der Vereine in einer besseren Situation, auch besseren finanziellen Situation. Das muss eigentlich die Vereine überzeugen."