Dienstag, 17. Mai 2022

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Sportgespräch über Frauen im Fußball
"Eine Quote könnte Entwicklung beschleunigen"

Im deutschen Profifußball steht nur eine Frau an der Spitze eines Aufsichtsrates: Sandra Schwedler beim FC St. Pauli. Anfangs wollte Schwedler sich nicht auf ihr Geschlecht reduziert lassen, doch inzwischen nimmt sie ausführlich Stellung zu Gleichstellungsfragen.

Sandra Schwedler im Gespräch mit Ronny Blaschke | 19.05.2019

FC St. Pauli-Aufsichtsratvorsitzende Sandra Schwedler spricht in ein Mikrofon an einem Rednerpult
Frauen im Fußball fühlen sich oft missachtet und nicht richtig wahrgenommen (dpa/picture alliance/Peter Böhmer)
Seit bald 25 Jahren besucht Sandra Schwedler die Spiele des FC St. Pauli. Ticketpreise, Anstoßzeiten, soziale Projekte: über viele Jahre setzte sich Schwedler für eine Fankultur ein, die niemanden ausschließt. Doch als ein Freund sie 2014 fragte, ob sie für den Aufsichtsrat kandidieren wolle, hielt sie das für einen Scherz. Schwedler fragte Familie und Freunde, informierte sich über Wirtschaftsprüfung und juristische Fragen. "Ich war am Anfang super genervt", sagt sie. "Als ich in den Aufsichtsrat gewählt wurde, wollten alle nur mit mir darüber reden, dass ich eine Frau bin. Und irgendwann, nach zwei Jahren, habe ich verstanden, dass es anderen Frauen hilft, wenn ich darüber rede und Öffentlichkeit schaffe."
Seit 2014 ist Sandra Schwedler, 38, Aufsichtsratschefin beim Zweitligisten FC St. Pauli, im Dezember 2018 wurde sie mit den meisten Stimmen wiedergewählt. In keinem anderen Profiklub bekleidet eine Frau eine solche Funktion. Doch auch beim liberalen FC St. Pauli seien Frauen in Entscheidungspositionen unterrepräsentiert, sagt Schwedler: "Der Großteil der Männer denkt nicht darüber nach, ob er für ein Amt geeignet ist oder nicht. Es geht dann um das Amt, um das Kandidieren, um vielleicht einen gewissen Machtanspruch. Ein Großteil der Frauen fängt eher an, darüber nachzudenken: Kann ich das? Will ich das? Und hadert sehr viel."
Aufsichtsratvorsitzende Sandra Schwedler
Aufsichtsratvorsitzende Sandra Schwedler (dpa/ picture alliance/ Peter Boehmer)
Neue DLF-Serie vor und während der WM
"Angriff oder Verteidigung?": So lautet der Titel einer Deutschlandfunk-Serie über Frauen im Fußball. Der Anlass: die Weltmeisterschaft zwischen dem 7. Juni und 7. Juli in Frankreich. Bis zum Finale werden an jedem Wochenende Gleichstellungsfragen im Fußball erörtert: Gehaltsunterschiede und Vermarktung, Trainerinnen und Führungskräfte. Auftakt der Reihe ist das Gespräch mit Sandra Schwedler, unter anderem über ihre Aufgaben innerhalb des Kontrollgremiums: "Als die erste Bilanz kam, die erste Wirtschaftsprüfung, halt wirklich reinzugehen, jede einzelne Seite zu lesen, um dieses System zu verstehen."
Sandra Schwedler war lange in der Opposition zur Klubführung, doch nun will sie einen Bewusstseinswandel mitprägen. Nur wenn der Klub wirtschaftlich gesund ist, kann er noch mehr gesellschaftliche Aufgaben übernehmen, für geflüchtete Menschen oder benachteiligte Jugendliche im Kiez. "St. Pauli hat früher die Werte der Fans vermarktet, aber diese Werte nie selber gelebt als Klub", sagt Schwedler. "Wir orientieren uns an Werten. Was heißt das denn eigentlich für das Stadion oder den Stadtteil, dem wir alle zwei Wochen zumuten, 30.000 Leute hier aufzunehmen."
Schwedler möchte ein Netzwerk engagierter Frauen knüpfen
In Zeiten von Kommerz und Korruption möchte St. Pauli für einen alternativen Weg stehen: ohne Großinvestor, ohne den Verkauf des Stadionnamens. Stets mit der Beteiligung der Mitglieder. Doch selbst in diesem Klima war es für Schwedler anfangs nicht leicht. In sozialen Medien musste sie sexistische Sprüche lesen. Mitunter wurde sie für eine Spielerfrau gehalten. Doch längst ist sie etabliert. Manchmal bringt sie dreißig Wochenstunden für ihren ehrenamtlichen Posten auf. Und die Spiele verfolgt sie gern fernab der Vip-Tribüne: "Für mich hat Fußball immer mit Stehen zu tun. Und mit Emotionen und sich bewegen."
Nach einer Studie von Fare, Football Against Racism in Europe, sind lediglich 3,7 Prozent der Führungspositionen im europäischen Spitzenfußball von Frauen besetzt. Seit Jahrzehnten wird in Deutschland über Frauenquoten und geschlechtergerechte Einkommen gestritten. Seit 2016 müssen etwa hundert börsennotierte Unternehmen ihre freiwerdenden Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzen, bis dreißig Prozent weiblich sind. Auch Parteien oder Redaktionen haben unterschiedliche Maßnahmen ergriffen. Im Fußball gibt es nur wenig Unterstützung für eine Frauenquote, zum Beispiel von Sandra Schwedler. "Für mich kann eine Quote nur ein Übergang sein, um die Entwicklung zu beschleunigen", sagt sie. "Wir haben im Schnitt 25 Prozent Frauen im Stadion, also sollten mindestens 25 Prozent Frauen in den Gremien sein." Schwedler möchte mit engagierten Kolleginnen in St. Pauli ein Netzwerk knüpfen, um Frauen den Weg in Führungspositionen zu ebnen.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.