Sport Aktuell 28.09.2020

Sportpolitik um iranischen KanutenEin Flüchtling darf nicht ins FlüchtlingsteamVon Josef Opfermann

Beitrag hören Der Kanute Saeid Fazloula im Einsatz für Deutschland bei der EM in Serbien 2018 (imago sportfotodienst)Der Kanute Saeid Fazloula im Einsatz für Deutschland bei der EM in Serbien 2018 (imago sportfotodienst)

Der Kanute Saeid Fazloula flüchtete 2015 aus Angst vor politischer Verfolgung aus dem Iran. Nach seinem Neuanfang in Deutschland versuchte er in das 2015 gegründete olympische Flüchtlingsteam zu kommen – Sportorganisationen und auch der Iran scheinen das verhindern zu wollen.

Fast täglich paddelt der Kanute Saeid Fazloula beim Sportverein Rheinbrüder e.V. in Karlsruhe. Doch egal, wie viel der Flüchtling aus dem Iran auch trainiert: Seine Leistung allein wird am Ende nicht ausreichen, um ins olympische Flüchtlingsteam aufgenommen zu werden. "Olympia ist für mich mein Traum. Ich paddele - aber zwischendurch sage ich: Ja, warum paddelst du? Wofür machst du?", fragt Fazloula.

Foto vor dem Mailänder Dom wird zum Verhängnis

Rückblick 2015. Der Iraner Fazloula nimmt an den Kanu-Weltmeisterschaften in Mailand teil. Ein Foto, das er dort vor dem Mailänder Dom von sich macht, wird ihm zum Verhängnis. Bei der Rückkehr nach Teheran wird er noch am Flughafen abgeführt, wie er selbst berichtet.

"Kurz vor der Tür haben die eine Tüte auf meinen Kopf gemacht, und dann musste ich halt in ein Zimmer reingehen", sagt Fazloula. Sein angebliches Vergehen: Er sei zum Christentum konvertiert. "Ich habe gesagt: Nein, ich bin Moslem. Die haben gesagt: Okay, wir haben Beweis. Hier dein Bild. Was du gemacht hast - Wechsel der Religion - hat bei uns Todesstrafe. Du kannst dich mit dem Leben verabschieden."

Aus Angst vor Repressalien, wie er sagt, flieht er. In Deutschland versucht er einen Neuanfang, lernt die Sprache, macht eine Ausbildung zum Fitnesskaufmann und etabliert sich sportlich in Karlsruhe.

Internationaler Kanu-Verband verweigert Weg ins Flüchtlingsteam

2018 darf Fazloula als Mitglied eines deutschen Sportvereins, auch als Ausländer für Deutschland an den Kanu-Weltmeisterschaften teilnehmen. Generalprobe für sein großes Ziel: Olympia. Für einen Start dort gelten allerdings strengere Regeln. "Ich wollte wirklich alles geben, mit der deutschen Nationalmannschaft zu Olympia zu gehen. Aber ich bin noch nicht Deutscher. Mein Antrag wurde abgelehnt. Sonst würde ich für Deutschland versuchen."

Wer für Deutschland bei Olympia starten will, braucht einen deutschen Pass. Weil Fazloula aber noch nicht lange genug in Deutschland ist, wurde sein Antrag auf Einbürgerung abgelehnt. Der Deutsche Olympische Sportbund schlägt ihn daraufhin für die Spiele in Tokio für das olympische Flüchtlingsteam vor. Doch der internationale Kanu-Verband ICF legt überraschend sein Veto ein. Mit welcher Begründung? Auf ARD-Anfrage heißt es von der ICF, Zitat: "Er hat Deutschland nun auf internationaler Ebene vollumfänglich vertreten (…). Dies bedeutet, dass er nach den Statuten der ICF ein sportliches Heimatland hat."

Zustimmung aus dem Iran wäre notwendig

Die Statuten der ICF stoppen den 28-jährigen also auf dem Weg nach Tokio. Und es kommt noch schlimmer: Das Regelwerk bringt ausgerechnet den Iran ins Spiel, wie uns Thomas Konietzko, Chef des deutschen Kanuverbandes und Vizepräsident des Weltverbandes erklärt: "Im Moment müssen wir uns an die Regeln halten, die wir haben, und da war die Interpretation eben so, dass ein Start für das Refugee-Team nicht möglich ist ohne iranische Zustimmung."

Heißt: Fazloula braucht die Zustimmung des Landes, aus dem er aus Angst vor politischer Verfolgung geflohen ist – und das offenbar geduldet vom Welt-Kanuverband. Und um dieses sportpolitische Wirr-Warr noch auf die Spitze zu treiben: Wenn es um den Start bei Olympia geht, ist laut Sportrechtlerin Annett Rombach die ICF-Sicht sogar irrelevant.

"Das Problem ist, dass der Internationale Kanu Verband eigentlich gar nicht zuständig ist, über Nationalitätenfragen für die Teilnahme an Olympischen Spielen zu entscheiden. Diese Zuständigkeit obliegt dem Internationalen Olympischen Komitee, also dem IOC", sagt Rombach.

IOC verweist zurück auf den Kanu-Verband

Und was sagt das IOC? Das scheint die mögliche Missachtung seiner Zuständigkeit nicht zu stören, hinterfragt sie nicht einmal. Die mächtigste Organisation im Weltsport überlässt die ultimative Entscheidung im Fall Fazloula einem Weltverband mit lückenhaftem Regelwerk.

Das IOC teilt uns mit: "Der Grund, warum Herr Fazloula im Moment nicht (…) in Frage kommt, ist die fehlende Unterstützung des Internationalen Kanu-Verbandes (ICF). (…) Sollte die ICF ihre Haltung zu Herrn Fazloula ändern, wäre das IOC natürlich bereit, seine Position zu überdenken."

Was bleibt, ist eine sportpolitische Farce: Sportorganisationen, die im Umgang mit Flüchtlingen und den eigenen Regelwerken keine gute Figur abgeben. Und dabei offenbar sogar den Einfluss des Iran zulassen. Alles auf Kosten des geflüchteten Sportlers Saeid Fazloula, der darunter leidet. Obwohl er doch einfach nur Antworten auf die Frage möchte, wofür er Tag für Tag trainiert.

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