Sonntag, 26. Juni 2022

Archiv


Standard & Poor's verteidigt Abstufungsandrohung

Standard & Poor's habe Eurostaaten explizit nicht herabgestuft, sagt Moritz Krämer, Chefanalyst der US-Ratingagentur für Europa. Für den Euro-Gipfel sehe man die Aussicht auf eine Einigung in der Schuldenkrise - die Politik müsse eine "stabile, glaubhafte und nachhaltige Lösung" vorstellen.

Moritz Kraemer im Gespräch mit Dorothee Holz | 06.12.2011

Benjamin Hammer: Die Börsen in Europa waren schon geschlossen, da überraschte eine Nachricht über die Ratingagentur Standard & Poor's. Gleich 15 Euro-Länder werde man sich wohl genauer anschauen müssen, gleich 15 Länder werde man mit einem negativen Ausblick versehen, darunter Staaten mit Top-Bonität wie Deutschland, Finnland oder Österreich. Im Klartext: diesen Ländern droht eine Herabstufung. Undenkbar schien das noch vor Wochen. Das Problem: verliert ein Land seine Top-Bewertung, dann könnte es in Zukunft teurer werden, sich frisches Geld an den Kapitalmärkten zu besorgen – im überschuldeten Europa eine schlechte Nachricht.
Wie die drohende Herabstufung an den Finanzmärkten aufgenommen wurde, darüber spreche ich jetzt mit Dorothee Holz an der Frankfurter Börse. Frau Holz, gestern Merkel und Sarkozy, gemeinsamer Auftritt, gute Signale in der Euro-Schulden-Krise, jetzt die Nachricht von Standard & Poor's. Wie reagiert denn der Deutsche Aktienindex?

Dorothee Holz: Ja, das hat die beeindruckende Gewinnserie zunächst beendet. Aber von blankem Entsetzen über diesen Warnschuss kann wirklich keine Rede sein, dagegen fast schon von Gelassenheit. Der DAX hat anfänglich recht scharf reagiert, gab gut eineinhalb Prozent nach, blieb aber weiter, wenn auch knapp, über der 6.000er-Marke. Jetzt zur Mittagszeit hat sich das deutliche Minus verringert. Es ging noch um 0,7 Prozent herunter auf 6.066 Punkte. Für Unterstützung sorgen positive deutsche Konjunkturdaten: die Industrie bleibt nämlich weiter im Wachstumsmodus.

Hammer: Eine Frage bewegt uns, eine Frage bewegt die Politik und die Anleger. Warum senkt Standard & Poor's den Ausblick und warum gerade jetzt?

Holz: Der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, hat vielleicht die richtigen Worte gefunden, hat vielen aus dem Herzen gesprochen, als er die drohende Abstufung als überzogen und unbegründet bezeichnete. Damit habe ich den Europa-Chefanalysten von Standard & Poor's, Moritz Kraemer, vor der Sendung konfrontiert.

Moritz Kraemer: Unsere Aktion bedeutet Folgendes: Wir haben die 15 Euro-Zonen-Staaten, um die es hier geht, mit einem Beobachtungsstatus versehen, was bedeutet, dass die Risiken einer Herabstufung im 90-Tage-Zeitraum, also relativ kurzfristig, zugenommen haben. Das ist unsere Aufgabe. Die Tatsache, dass Herr Juncker und wahrscheinlich andere auch sagen, das ist unbegründet und überzogen, das ist zunächst mal wenig überraschend, weil natürlich eine schlechte Nachricht einmal ungern angenommen wird. Aber ich denke, die Begründung ist durchaus klar und auch sehr deutlich kommuniziert worden.

Holz: Welche Begründung haben Sie denn? Was hat sich denn geändert seit einem Monat, seit zwei Monaten? Warum denn jetzt dieser Schritt?

Kraemer: Es war unsere Auffassung, dass in den vergangenen Wochen die Krise in der Euro-Zone ein Ausmaß angenommen hat, dass die systemischen Risiken deutlich zugenommen haben. Das heißt, die Krise ist nicht mehr länger eine Krise einzelner kleinerer Peripheriestaaten, sondern sie hat sich zunehmend in den Kern und ins Herz der Euro-Zone angenähert. Es ist ja auch nicht nur ein Problem der Staatsanleihen; es ist ja auch eine Krise, die das Finanzsystem insgesamt betroffen hat und was die Refinanzierungsbedingungen der Banken beispielsweise betrifft, und hier haben wir natürlich eine sehr enge Verzahnung zwischen Staatenrisiken und Bankenrisiken.

Holz: Jetzt haben wir aber gestern auf dem Minigipfel doch sehr beeindruckende Schritte gesehen: Einigungen in Fragen, wo es vorher schier unmöglich war, sich zu einigen zwischen Merkel und Sarkozy. Warum haben Sie gerade diesen Zeitpunkt ausgesucht?

Kraemer: Das ist natürlich ein wichtiger Schritt durchaus, aber das ist nicht das Ende, denn wir müssen zunächst mal abwarten, wie konkret sind eigentlich diese Übereinstimmungen und wird der Gipfel am Wochenende dem auch so zustimmen und wird das dazu geneigt sein, das Vertrauen auch von den Investoren zurückzugewinnen - zumindest ein Stück weit -, und auch wird die EZB davon beeindruckt sein. Denn was von vieler Seite erwartet wird, ist auch, dass die EZB möglicherweise stärker in das Marktgeschehen eingreift als Käufer.

Holz: Das heißt, Sie machen ein klares Votum dafür, dass die EZB unbegrenzt europäische Staatsanleihen aufkauft?

Kraemer: Absolut nicht! Wir geben überhaupt keine Politikempfehlungen und auch kein Votum für oder wider. Es müssen aber Maßnahmen ergriffen werden, die geeignet sind, das verlorene Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist uns insbesondere deswegen wichtig, weil wenn wir ins kommende Jahr schauen, sehen wir wachsende Rezessionsrisiken, sehen wir insbesondere im ersten Quartal 2012 ganz erhebliche Refinanzierungsbedürfnisse von Staaten und von Banken, und hier läuft uns langsam die Zeit davon, was das Krisenmanagement angeht.

Holz: Kann der Gipfel am Freitag das Ruder noch herumreißen? Was muss da konkret geschehen?

Kraemer: Selbstverständlich kann die Politik das herumreißen, und es ist ja auch keineswegs so, dass wir hier eine Entscheidung getroffen hätten, die final wäre. Wenn wir der Ansicht wären, es besteht keine Aussicht auf eine Einigung, hätten wir die Ratings gleich herabgestuft. Das haben wir explizit nicht getan, sondern wir haben nur gesagt, die Risiken haben zugenommen. Es liegt tatsächlich jetzt der Ball im Feld der Politik, hier eine stabile, glaubhafte und nachhaltige Lösung vorzustellen.

Holz: Sollte es doch zu einer Abstufung kommen, dann wird sich die Krise verschärfen, weil sich einfach Kredite für Staaten und für Unternehmen verteuern. Sind Sie sich dessen bewusst?

Kraemer: Wir sind uns durchaus bewusst, wie die Bedeutung von Ratings auf den Märkten ist. Sie ist aber keineswegs so, wie Sie es hier unterstellen, so einfach linear. Erinnern Sie sich an die Herabstufung der Vereinigten Staaten im August, was im Gefolge der Herabstufung der USA geschehen ist, dass die Zinsen für Treasuries gefallen sind. Wenn Sie sich erinnern, wie die Zinsen sich entwickelt hatten 2004, 2005, als wir begonnen hatten, die Euro-Zonen-Staaten herabzustufen, was ja auch gerne vergessen wird, wie lange wir das schon quasi vollziehen, hatte sich überhaupt nichts verändert. Das heißt, nach meinem Dafürhalten ist es zu kurz gesprungen, wenn man den Marktteilnehmern die Intelligenz abspricht und glaubt, sie folgen einfach blind der Meinung einer einzelnen Ratingagentur. Aber unsere Pflicht ist, unsere Meinung zu kommunizieren, und das werden wir auch weiterhin tun, auch wenn wir uns bewusst sind, dass das nicht immer auf Gegenliebe aus der Politik stößt.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.