Sonntag, 22. Mai 2022

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Stickoxid-Grenzwerte
Lungenärzte haben sich verrechnet

Größtmögliche Verwirrung prägt die Debatte um die Gesundheitsbelastung durch Dieselabgase. Dazu beigetragen hat auch das Positionspapier von 112 Lungenfachärzten, das die EU-Grenzwerte in Zweifel zog. Nun hat sich herausgestellt: Das Papier basiert auf einem gravierenden Rechenfehler.

Ralf Krauter im Gespräch mit Jule Reimer | 14.02.2019

22.01.2019, Baden-Württemberg, Stuttgart: Autos stehen während dem ersten Feinstaubalarm im Jahr 2019 auf einer Straße hintereinander. Foto: Sebastian Gollnow/dpa | Verwendung weltweit
Stickstoffdioxid und Feinstaub in der Atemluft sind gesundheitsschädlich - das lässt sich nicht wegrechnen (picture alliance/dpa/Sebastian Gollnow)
Der Journalist Malte Kreutzfeldt hat für die "Tageszeitung" (taz) nachgerechnet, wie der Initiator des umstrittenen Positionspapiers der Lungenfachärzte, der emeritierte Professor Dieter Köhler, zu den Zahlen gekommen ist, auf denen seine Kritik an den Luftschadstoffgrenzwerten basiert. Eine der Kernargumente Köhlers beruhte auf der Behauptung, dass ein durchschnittlicher Raucher, der am Tag eine Schachtel Zigaretten raucht, nach seinen Berechnungen eine Million Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) am Tag aufnehme. Das wäre tausendfach mehr als das Außenluftgrenzwert von 40 Mikrogramm. Daraus schlussfolgerte Köhler, dass die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation WHO haltlos sind. Sonst müsste jeder Raucher sofort sterben.
Kreutzfeldt stellte fest, dass sich Köhler um den Faktor Tausend verrechnet hat. Bei korrekter Rechnung hätte er zu der Schlussfolgerung kommen müssen: Wer 80 Jahre lang den NO2-Grenzwert von 40 Mikrogramm einatmet, inhaliert dieselbe Schadstoffdosis wie ein Raucher innerhalb von sechs bis 30 Jahren. Dass das zu ernsthaften Schäden führen kann, bestreitet kein Lungenarzt.
Seinen Rechenfehler begründete Köhler gegenüber der taz unter anderem damit, dass er seit seiner Emeritierung keine Sekretärin mehr habe, die seine Veröffentlichungen überprüfen könne. Von den 112 Unterzeichnern seines Papiers hatte das offenbar auch keiner getan.
Kritik an Grenzwerten unwissenschaftlich und unhaltbar
Der Rechenfehler ist nur ein weiterer Beleg dafür, dass die Kritik von Köhler an den Grenzwerten nicht haltbar ist. Schon kurz nach der Veröffentlichung des Papiers hatte sich herausgestellt, dass keiner der 112 Unterzeichner Experte dafür war, wie sich bestimmte Konzentrationen von Luftschadstoffen auf die Gesundheit von Millionen Menschen auswirken.
Experten auf dem Gebiet sind Epidemiologen, die sich seit 30 Jahren in großangelegten Studien bei denen 100.000 Menschen einbezogen werden mit dieser Thematik befassen - und auf Basis solider wissenschaftlicher Studien zu dem Schluss kommen: Stickoxide und Feinstaub in der Atemluft sind gesundheitsschädlich.
In einem langjährigen politischen Prozess hat man sich dann europaweit auf die Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub geeinigt, die jetzt gelten. Also für Stickstoffdioxid zum Beispiel die bekannten 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Atemluft.
Zahlreiche wissenschaftliche Fachverbände haben sich inzwischen von Dieter Köhlers Positionspapier distanziert, das die Gesundheitsrisiken durch Stickoxide und Feinstaub relativiert. Begründung: Seine Argumentation sei wissenschaftlich weder fundiert noch nachvollziehbar.